Ditzingen
: „Gute Daten entstehen nicht von allein“

Seit September bildet Trumpf die ersten zwei KI-Experten in einer dualen Ausbildung aus. Ein Besuch im Ausbildungszentrum.
Von
Claudia Mocek
Ludwigsburg
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Katharina Hermann (von links) und Leander Pietsch sind die ersten, die sich bei Trumpf als KI-Experten ausbilden lassen. Der Leiter der globalen Ausbildung, Jens Ottnad, erläutert ihnen im Ausbildungszentrum einen selbst gebauten Laser.

/Oliver Bürkle

Katharina Hermann und Leander Pietsch sind die beiden ersten Auszubildenden beim Hochtechnologieunternehmen Trumpf, die in drei Jahren zu Experten in Künstlicher Intelligenz (KI) ausgebildet werden. Der Weg dahin führt über den neuen Studiengang „Data Science und Künstliche Intelligenz“ an der Dualen Hochschule Karlsruhe. „Der Umgang mit KI wird für Unternehmen immer wichtiger“, sagt Jens Ottnad, Leiter der globalen Ausbildung bei Trumpf. „Gute Daten entstehen aber nicht von allein. Je mehr Leute etwas davon verstehen, desto besser. Deshalb bildet Trumpf die Experten dafür jetzt selbst aus. Wir wollen unsere führende Rolle beim Thema KI weiter ausbauen“, sagt er.

Duales Studium in Karlsruhe

Beim Thema KI „bin ich selbst ein bisschen vorbelastet“, sagt Ottnad. Der Maschinenbauer ist seit zwei Jahren verantwortlich für die Ausbildung und war vorher über 13 Jahre in der Entwicklung tätig. Dort beschäftigte er sich mit Themen wie Digitalisierung, Industrie 4.0, betreute Entwicklungsthemen sowie Forschungsprojekte und baute ein Daten- und KI-Team auf. „Wollen wir autonome Maschinen? Dann sind wir davon überzeugt, dass der Weg dorthin nur über Daten und KI führt“, sagt Ottnad. Bei seiner Arbeit habe er gelernt „was alles im Argen liegt“. Die neue Ausbildung biete nun die Möglichkeit, das, was noch verbessert werden muss, anzugehen.

Als Ottnad vom dualen Studium in Karlsruhe erfahren habe, sei ihm klar gewesen, „dass wir da sofort mit dabei sind“. Das Studium biete den künftigen KI-Profis die Möglichkeit, sich früh mit Themen wie Datenanalyse, der Entwicklung intelligenter Algorithmen und dem Einsatz moderner KI-Technologien auseinanderzusetzen.

Die drei Zutaten für KI

Aber was genau liegt noch im Argen? Ottnad vergleicht das Bauen von KI mit einem Kochrezept, für das man drei Zutaten braucht: Als erstes werde viel Rechenleistung benötigt, weshalb Trumpf zum Beispiel mit dem Höchstleistungsrechenzentrum in Stuttgart kooperiere. „Das können wir uns von außen holen“, sagt Ottnad. Das treffe auch auf die Algorithmen zu, die zweite Zutat. Hier habe sich viel getan, doch da vieles Open Source publiziert werde, könne man sich dort bedienen. „Das erste Modell, das wir in die Maschine gebracht haben, war etwas, was ursprünglich mal aus der Medizintechnik kam“, sagt Ottnad. Außerdem gebe es auch hier Kooperationen, etwa mit der Uni in Linz, aus der einer der europäischen KI-Koryphäen stamme, aber auch mit vielen Start-ups.

Bleibe der dritte Punkt, die Daten: „Wenn wir wollen, dass wir eine autonome Maschine kreieren, dann können wir uns die Daten, die man dafür braucht, nicht im Internet runterladen“, sagt Ottnad. Denn es seien die Daten, die Trumpf mit seinen Maschinen bei seinen Kunden selbst erzeuge. „Also bei uns kommen schon Millionen von Datensätzen zusammen“, sagt der Ausbildungsleiter. Aber verglichen mit den Daten, die in der Verbraucherwelt mit zig Millionen von Handys erzeugt werden, „haben wir halt nur tausende von Maschinen“, sagt Ottnad: „Da wird die Sorgfalt im Umgang mit den Daten wichtiger.“

Seit über 100 Jahren stehe Trumpf für Qualität. Dass ein Blech sauber verarbeitet sein müsse und nichts wackeln dürfe, das würden alle bei Trumpf überall auf der Welt verstehen. „Dass man aber auch mit den Daten sorgfältig umgehen muss und wie man das macht, da fehlt uns teilweise das Bewusstsein und ganz viel auch das Handwerkszeug“, sagt Ottnad. Daher müsste dort am meisten Energie hineingesteckt werden. Probleme mit der Datenqualität erkenne man aber erst, wenn man versuche, damit ein KI-Modell zu bauen.

„Die Spannweite, die wir brauchen“

Wenn zum Beispiel ein Servicetechniker eine Maschine in Betrieb nimmt, dabei aber ein falsches Datum eingibt, dann bekomme man Probleme, wenn man mithilfe der Nutzungsdaten den Zeitpunkt errechnen möchte, an dem bei der Maschine möglicherweise Probleme entstehen könnten. Dann würden alle Prognosen verhunzt. „Bisher war das einfach nicht so wichtig. Jetzt bauen wir solche Modelle und da liegt es oft an so kleinen Themen“, sagt Ottnad. Deswegen würden viele Mitarbeiter benötigt, die ein Bewusstsein für den Umgang mit Daten haben. Die KI-Experten, die nun ausgebildet werden, seien die Spezialisten, die das tiefe Wissen darüber haben und dann sehr aktiv damit arbeiten würden. Von denen würden weniger benötigt, „aber das ist die Spannweite, die wir brauchen“, sagt Ottnad.

Zähes Bewerbungsverfahren

Als die beiden Ausbildungsstellen zum KI-Experten ausgeschrieben worden seien, sei das Bewerbungsverfahren jedoch etwas zäh verlaufen, sagt Ottnad. Neben praktischen Problemen, dass es den Beruf bei der Berufsorientierung noch gar nicht gab, hätten sich viele Leute darunter nichts Konkretes vorstellen können. „Ich musste bestimmt schon über 20 Mal erklären, was hier auf mich zukommt“, sagt der Auszubildende Leander Pietsch. Der 20-Jährige, der bereits ein Semester an der Uni studiert hat und sich etwas mit Analyse und Programmierung beschäftigt hat, würde dann erklären, dass er sich viel mit Informatik und KI beschäftigen werde und mit Daten.

Katharina Hermann, die schon ein Semester Vollzeit Informatik studiert hat, erklärt, die duale Ausbildung habe sie angesprochen. Für die 20-Jährige stand fest, dass sie weiterhin in Richtung Informatik gehen möchte. Sie habe die Ausschreibung spannend gefunden, „weil sie eine klare Richtung hat und nicht nur einfach den Oberbegriff Informatik“. Die spezifischen Themen wie Datenstrukturen und Algorithmen in der Ausbildung findet sie „super spannend“.

Zunächst werden die beiden gemeinsam mit den 98 anderen Auszubildenden im Ausbildungszentrum in Ditzingen starten, bevor es in die Fachabteilung geht. „Ganz am Anfang helfen wir noch ein bisschen, weil der Dschungel hier relativ groß ist“, sagt Ottnad: „Danach fördern wir früh die Eigenständigkeit der Studenten.“ Seit dem Frühjahr gibt es eine Head of AI, eine Kollegin, die sich trumpfweit um das Thema KI kümmert. Dort gibt es auch schon reichlich Expertise. Es würde daran gearbeitet, die Entwicklung ganzheitlicher zu machen. 2020 sei Trumpf in Baden-Württemberg bereits KI-Champion in der Kategorie Großunternehmen geworden.

Pioniere studieren in Karlsruhe

Viele Mitarbeiter, die wenig Ahnung von KI haben, hätten gerne jemanden, der sie auf das nächste Level bringt. „Aber da müssen wir sehr gut aufpassen“, findet Ottnad, „denn solange man selber noch lernt, kann man noch nicht als Consultant im Alleingang eine ganze Abteilung revolutionieren“. Bei Trumpf gebe es zudem genug Experten, von denen die neuen Auszubildenden profitieren könnten. Mittelfristig sei der Bedarf an weiteren KI-Auszubildenden vorhanden.

Dass die beiden Pioniere ihr Studium in Karlsruhe absolvieren, zeige, dass sie besonders motiviert sind, findet Ottnad. Mittelfristig könnte es für Trumpf geografisch interessant sein, das duale Studium an der DHBW in Stuttgart anzubieten, findet er. Zumal es hier Berührungspunkte mit den Ingenieurwissenschaften gebe.

Dass es in dem Unternehmen, das Fertigungslösungen in den Bereichen Werkzeugmaschinen und Lasertechnik anbietet, auch Ängste vor KI gebe, bezweifelt Ottnad nicht. Doch in der Vergangenheit hätten Innovationen bei Trumpf immer zu mehr Geschäft und zu mehr Beschäftigung geführt – wenn auch nicht immer am genau gleichen Objekt. Wachstum und Innovationen seien die Triebfedern, um Arbeit, die an einer Stelle eingespart wird, an anderer Stelle besser einsetzen zu können. Ob das für alle Zeiten bedeutet, dass nie irgendwo eine Rationalisierung stattfindet? Das könne man nicht sagen, findet Ottnad. Doch wer wettbewerbsfähig bleiben wolle, könne sich der KI nicht verschließen. „Wir machen das Gegenteil, weil wir uns seit Jahren, lange bevor der Hype entstanden ist, intensiv damit beschäftigen und Zeit investiert haben. Dazu braucht es auch viel Pionierleistung“, sagt Ottnad.

Katharina Hermann freut sich darauf, „dass ich jetzt anfange, genau zu verstehen, wie KI entsteht und funktioniert, also nicht nur ChatGPT zu benutzen, sondern dass ich lerne, wie KI einem Unternehmen weiterhelfen kann“. Leander Pietsch ist gespannt darauf, die Zukunft ein bisschen mitzugestalten. Da KI dann vermutlich bald noch relevanter sein werde, „könnte ich vielleicht sogar etwas ganz Großes bewirken“.