Diskriminierung im Kreis Ludwigsburg
: Betroffene erzählen von rassistischen Erlebnissen

Menschen aus der Region berichten von ihren Erfahrungen der Abwertung und Ausgrenzung aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Namens oder ihrer Herkunft.
Von
Bigna Fink
Ludwigsburg
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Auf Wohnungssuche erleben Menschen mit Migrationshintergrund häufig Diskriminierungen.

Imago

Nein, ich möchte nicht von dieser Frau behandelt werden“, sagte im Oktober 2022 eine Ludwigsburger Pflegepatientin und bezeichnete Martine L. aus Bietigheim-Bissingen mit dem N-Wort, als ihr die deutsche Krankenpflegerin mit dunkler Hautfarbe eine Spritze geben wollte.

Menschen werden weiterhin in Deutschland aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Sprache oder Religion benachteiligt, beleidigt, bedroht oder verletzt. Rassismus zeigt sich in vielen Varianten, auch im Kreis Ludwigsburg. Die BZ hat mit Menschen aus dem Umkreis gesprochen, die Diskriminierung im Alltag erfahren.

„Klischee-Denken und Vorurteile“

L. studierte in der westafrikanischen Elfenbeinküste Germanistik, kam als Au-pair nach Deutschland und absolvierte hier ein Freiwilliges Soziales Jahr und eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Seit zwölf Jahren lebt und arbeitet die junge Frau in Deutschland, hat seit 2021 den deutschen Pass. Die Mutter eines bald zweijährigen Sohnes fühlt sich wohl im Kreis Ludwigsburg.

Doch nach rassistischen Erlebnissen gefragt, kann sie einiges berichten. „Es gibt viel Klischee-Denken und Vorurteile, die mein Mann und ich zu spüren bekommen,“ sagt die 33-Jährige. „Viele denken, so etwas passiert nicht, aber es passiert“, sagt sie. Martine L. ist es wichtig, dass darüber offen geredet wird, und spricht auch selbst Menschen an, wenn sie Diskriminierung spürt. Die Patientin, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe erst ablehnte, ließ sich schließlich von der Bietigheimerin behandeln und fragte bald darauf, wann die Krankenpflegerin denn wiederkomme.

„Vor allem mein Mann erfährt immer wieder Ablehnung aufgrund seiner Hautfarbe“, erzählt L. Ein drastisches Erlebnis des 39-Jährigen, der ebenfalls von der Elfenbeinküste stammt, war, als er in der Stuttgarter U-Bahn saß: An einer Haltestelle sei ein Passagier aus seinem Abteil ausgestiegen, habe mit zornigem Gesicht auf die Scheibe gespuckt, hinter der der Bietigheimer saß, und ihm den Mittelfinger gezeigt.

Auch M., ein Schüler aus Bietigheim-Bissingen, bekommt Rassismus „ab und zu zu spüren“, wie der afrodeutsche Jugendliche erzählt. „Vor allem in der S-Bahn kommt es manchmal zu Vorfällen“, sagt der 15-Jährige. „Wir waren eine Gruppe von Schwarzen, als uns einmal Betrunkene im Zug angemacht haben, wir sollten dahin zurückgehen, wo wir herkommen.“ Dabei seien sie in Deutschland geboren und hätten einen deutschen Pass. „Eure Ausweise sind doch gefälscht“, sollen die Männer sie beschimpft haben.

Anstieg rechter Delikte

Während der Ausbildungszeit hat Martine L. erlebt, dass mit ihr anfangs niemand die Gruppenarbeit machen wollte. Ebenso später ihr Mann, der Sportlehrer in seinem Heimatland war und sich nun zum Erzieher ausbilden lässt. „Ich habe meinem Mann gesagt, dir kann so eine Ausgrenzung anfangs auch passieren“, erzählt die 33-Jährige. „Nimm das nicht persönlich“, beruhigte sie ihn. „Nach einer Weile, wenn sich die Kollegen an dich gewöhnt haben und sehen, du schreibst gute Noten, wird es besser.“ So sei es dann auch gewesen. „Ich habe den Eindruck, die Stimmung ist seit den zwölf Jahren, in denen ich in Deutschland lebe, nach rechts gerückt,“ meint L.

Die Entwicklung rassistischer Vorfälle genau zu erfassen, ist schwierig – von der lokalen Polizei werden diese nicht gesondert dokumentiert. Die Zahl der Delikte politisch motivierter Kriminalität von rechts ist zumindest laut Sicherheitsbericht des Polizeipräsidiums Ludwigsburg 2022 um rund 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, von 117 auf 147 Fälle unterschiedlicher Art. Der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt verzeichnete 2022 insgesamt 2093 Angriffe von rechts in Deutschland, einen Anstieg von rund 70 Prozent zu 2012. Dabei war Rassismus laut des Verbands auch 2022 – wie schon in den Vorjahren – das häufigste Tatmotiv.

Chancenlos bei Vermietern

„Rassismus zeigt sich in unterschiedlichen Formen“, sagt Dr. Abdoul-Kawihi Issaka, der seit Februar erster Integrationsbeauftragter der Stadt Sachsenheim ist. Der 39-jährige Deutsche hat in seinem Geburtsland Benin interkulturelle Germanistik studiert und kam 2013 im Rahmen eines Stipendiums nach Deutschland, wo er an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd im Fach Deutsch promovierte.

Seit sechs Jahren ist er in der Integrationsarbeit tätig, in Hessen und nun in Sachsenheim. Er werde des Öfteren als Flüchtling wahrgenommen, sagt Issaka, etwa mit gebrochenem Deutsch oder Englisch angesprochen oder mit abfälligem Ton gefragt, was er hier in Deutschland mache.

In seiner Arbeit als Integrationsbeauftragter erfahre er von Flüchtlingen, die erhebliche Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche hätten. „Auf ihre Anfragen auf Mietanzeigen werden Menschen mit ausländisch klingenden Namen kaum eingeladen und bekommen oft einfach gar keine Rückmeldung.“

Auch Martine und ihr Mann mit ihrem kleinen Kind suchen seit einem halben Jahr eine neue Wohnung in Bietigheim-Bissingen oder Ludwigsburg. „Wir bekommen kaum Antworten, wenn wir uns auf Anzeigen bewerben, oder wir erhalten Absagen nach Besichtigungen, auch wenn die Wohnung weiterhin offenbar frei ist und inseriert wird.“

Wie sich Kommunen, Gruppen und Schulen für Integration und Toleranz einsetzen

Gegen Fremdenfeindlichkeit und für eine gelingende Integration von Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung setzen sich viele Menschen und Gruppen im Kreis Ludwigsburg ein. So etwa die Stadt Sachsenheim, die seit Februar mit Dr. Abdoul-Kawihi Issaka einen Integrationsbeauftragten hat. „Die Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt Arved Oestringer von der Stadt Sachsenheim. „Wir haben ein großes Interesse an der Integrationsbereitschaft aller Menschen, die in diese Stadt gekommen sind“, betont der Pressesprecher. Auch das Motto „Gemeinsam in Vielfalt“ der diesjährigen Feierlichkeiten zu 50 Jahren Gesamtstadt Sachsenheim sei für alle Menschen gedacht, auch für die Flüchtlinge in der Kommune. „Viele Flüchtlinge in Sachsenheim berichten, dass sie hier eine gute Nachbarschaft erleben“, erzählt Abdoul Issaka. „Sie lernen von deutschen Nachbarn und Freunden deutsch“, erzählt der 39-jährige Integrationsbeauftragte und fügt lachend hinzu: “Sie verstehen auch die schwäbische Kehrwoche.“ Was die Integrationsarbeit erschwere, so stelle sich in Gesprächen mit Geflüchteten heraus, sei vor allem die Sprachbarriere, so Issaka. „Viele Menschen müssen wochenlang warten, bis sie einen einen Sprachkursplatz erhalten.“

Interkultureller Einsatz

Dankbar sei die Stadt über die vielen Ehrenamtlichen in der Integrationsarbeit wie etwa im interkulturellen Chorprojekt „Einfach Singen“ für alle Sachsenheimer, bei dem viele Geflüchtete begeistert mitsängen. Oder der Arbeitskreis Asyl, dessen ehrenamtliche Mitglieder Flüchtlingen Deutschunterricht geben.

In Bönnigheim etwa gibt es seit acht Jahren den Ökumenischen Freundeskreis Flüchtlingshilfe (ÖFF), bei dem Rüdiger Rüster seit Beginn an aktiv ist. „Wir, momentan etwa 15 Leute, bieten ehrenamtlich Sprachkurse für Geflüchtete an und unterstützen geflüchtete Familien als Paten“, erzählt der 74-jährige Bönnigheimer. Am 30. Juni gibt es vom ÖFF aus einen internationalen Begegnungsabend für alle.

Nicht zuletzt setzen sich Schulen in der Region für Respekt und Toleranz ein, wie die Gemeinschaftsschule im Sand in Bietigheim, die seit 2021 mit Projekten und Aktionen zum deutschlandweiten Netzwerk „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage gehört. „Wir sind sehr offen für Schüler aus verschiedensten Nationen“, sagt der stellvertretende Schulleiter, Sven Schneider. „Viele unserer Schüler haben eine Fluchterfahrung. Bei uns spiegelt sich das Weltgeschehen wider.“