Dario Fo’s „Bezahlt wird nicht“: Premieren-Volltreffer im Clussgarten

Antonia und Margherita auf Streifzug. Es wird geplündert, was geht, zur Not auch getarnt als Schwangerschaftsbauch.
/Oliver BürkleDem Publikum des Clussgartens in Ludwigsburg war das Wetter egal, Hauptsache es konnte die Premiere des Intendanten Peter Kratz von Dario Fo’s „Bezahlt wird nicht“ erleben. Die rasante sozialkritische Farce aus dem Mailand der 70er vor der italienischen Ölpreiskrise auf heute bezogen, spielte brandaktuell in die Energiekrise und in die Inflation hinein, gegen die sich zwei Supermarktdiebinnen mit den Waffen der Frau wehrten.
Zuschauer im Wohnkomplex
Die Zuschauer saßen mitten in einem Wohnkomplex mit einem Plakat von Karl Marx auf dem Surfbrett, einer Küche mit Kühlschrank und sündhaft teurem, alten Gasherd, einem Schrank sowie einem Schlafzimmer auf der zweiten Bühnenebene. Das Team des Theatersommers zog noch Wasser von den Böden ab, damit keiner der Schauspieler, die sehr körperbetont und auch tänzerisch arbeiten, ausrutscht.
Im Nu waren die Zuschauer mitten drin im Leben von Antonia (Janina Zamani), ihrem Mann Giovanni (Andreas Klaue) sowie dem befreundeten Ehepaar Margherita (Yasmin Münter) und Luigi (Jörg Pauly). Ihnen machte Lennart Allessandro Naether als Polizist, Kommissar, Paketbote und leicht verwirrter Opa nur augenscheinlich das Leben schwer. Im Stil der italienischen Commedia dell’arte.
In „Bezahlt wird nicht“ (Originaltitel „Non si paga“) zieht Antonia die Fäden des Stückes, indem sie mit Margherita den Supermarkt plündert, in dem alles viel zu teuer geworden ist. Vor ihren Männern haben die Frauen jede Menge Ausreden für den Diebstahl parat vom „Schnäppchentag“ bis zu vorgetäuschten Schwangerschaften in dicken Bäuchen, wo auch Tierfutter jeder Art versteckt landete.
„Fleischmischung für Hunde und Katzen, Hirse für Kanarienvögel, gefriergetrocknete Kaninchenköpfe für Hühner“ entdeckt Giovanni, als er im Feinripp-Unterhemd mit Hosenträgern und mit einem Mordshunger auf dem Fahrrad von der Arbeit heim kommt. Wegen des „Schweinefraßes“ in der Kantine waren auch bei ihm alle gegangen ohne zu bezahlen. Damit, dass seine Arbeiterklasse klaut, ist der ehrliche Giovanni allerdings nicht so ganz einverstanden.
Eine „Cucina impossibile von Sterneköchen“ erleben die Zuschauer beim Köcheln eines Vogel-Hirse-Süppchens mit dem Fonds aus den getrockneten Kaninchenköpfen für Hühner, als wegen des „Überfalls im Supermarkt“ eine polizeiliche Hausdurchsuchung von Johnny Controletti ansteht, der sich angesichts seines Polizeigehalts selbst aufregt über „Spekulanten, die raffen und rauben“ und gleich wieder „Arrivederci“ sagt. Margherita simuliert mit dem Diebesgut unter ihrem roten Mantel derweil Schwangerschaftswehen.
Von da an steigert sich der Zweiakter im Tempo, bis das übrige Diebesgut aus dem Supermarkt per erfundener Fötustransplantation unter Antonias bunter Kittelschürze landet. „Frauensache, Mutterkuchen“ springt Antonia dem „Mafioso“ von ermittelndem Kommissar auf den Rücken. Aus einer Olivendose auslaufende Vinaigrette deklariert sie in unschlagbarer Textfertigkeit mit den richtigen Betonungen als „Fruchtwasser“.
Giovanni, der Feminist
Giovanni entpuppt sich in dem Stück als Feminist, wie Dario Fo einer war. Über Frauen zu seinem Freund Luigi: „Wir werfen ihnen die Lohntüte hinterher, vögeln sie und machen ihnen ein Kind. Ausbeuter sind wir.“ „Genau genommen müssen unsere Arbeitgeber unsere Ehefrauen bezahlen, weil wir sie vögeln und damit fit machen für die Arbeit“, findet Luigi und stimmt mit Giovanni den „Bohrloch-Druckluft, Schweißnaht-Schlag“- Song im Discosound an, während seine Firma für die Entwicklung umweltfreundlicher Motoren dicht macht.
Die Ereignisse überstürzen sich in rasantem Tempo und die Schauspieler gehen direkt ins Publikum während die Schauspielerinnen ihre plünderischen Scheinschwangerschaften nicht mehr länger hinter heiligen Legenden verstecken. Auf der Cluss-Bühne wird es ohne Strom nacht (Rotlicht). Und siehe da: Giovanni und Luigi haben auch etwas angeschafft, und zwar Geldsäcke „zum Bau einer Gesellschaft der Zukunft“. „Drrr, drrr“, meldet sich ein „gewisser Herr Fo“ in der Telefonzelle. Mit dem Wunsch das Publikum möge lachen. Heike Rommel