Blick ins Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen: Rabattmarken als klebriger Kundenfang

Das Haus des Kaufmanns Hermann Schneck (links), einem Gründungsmitglied des Rabattsparvereins Bietigheim. Schneck vertrieb Aussteuerartikel, Woll- und Baumwollgarne und Strickwaren. Heute: Henry’s (Hauptstraße 54). ⇥
Stadtarchiv Bietigheim-BissingenIn vielen Handelsgeschäften, sei es im Supermarkt, in der Drogerie oder im Baumarkt, wird einem an der Kasse die Frage gestellt: „Sammeln Sie Punkte?“ Man händigt dem Kassenpersonal sein Rabatt-Plastikkärtchen aus und bekommt darauf einen kleinen Preisnachlass in Form von Punkten gutgeschrieben, die man in Prämien oder Gutscheine eintauschen kann.
Diese moderne Form der Kundenbindung durch einen kleinen Rabatt ist allerdings „alter Wein in neuen Schläuchen“. Rabatt beim Einzelhändler gab es schon vor über 100 Jahren. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in Deutschland die ersten Rabattsparvereine, die Rabattmarken ausgaben. So beispielsweise in Heilbronn, Winnenden, Waiblingen, Backnang, Besigheim und auch in Bietigheim.
Rabattsparverein gründet sich
Bei einer Versammlung im Bietigheimer Gasthof zum Bären gründeten am 23. September 1913 19 Geschäftsleute aus Handel und Gewerbe den „Rabattsparverein Bietigheim und Umgebung e.V“. Im Enz- und Metterboten vom 31. Oktober 1913 wurde die Vereinsgründung veröffentlicht. Am 12. und 15. November 1913 berichtete der Enz- und Metterbote von sechs weiteren beigetretenen Geschäften. Unter den Vereinsmitgliedern waren acht Bäckereien, daneben Kolonialwarenhandlungen, Buch-, Textilwaren-, Haushaltswaren- und auch zwei Eisenhandlungen.
Mück, Schneck, Heidel
Die ersten Vorstandsmitglieder waren die Kaufleute Josef Mück, Hermann Schneck und Albert Heidel. Wer mit seinem Geschäft dem Verein beitreten wollte, musste ein Eintrittsgeld entrichten. Laut Vereinssatzung war Zweck dieser mittelständischen Selbsthilfeorganisation „die Sache des selbstständigen kaufmännischen und gewerblichen Mittelstandes zu vertreten, den Gewerbebetrieb seiner Mitglieder zu fördern und eine gesunde Entwicklung des Barverkehrs durch die Ausgabe von Rabattmarken bei Barzahlung herbeizuführen“. Oder anders ausgedrückt: Die Händler wollten die Kunden an sich binden und das bisher übliche „Anschreiben“ eindämmen. „Anschreiben“ bedeutet, dass der Händler für seine Kunden ein Heft führte, in das Kaufdatum, Preis und gekauftes Produkt eingetragen wurden, bis die aufgelaufene Rechnung vom Kunden zu einem zuvor vereinbarten Termin beglichen wurde.
Das Geschäftsgebaren des Bietigheimer Rabattsparvereins wurde entsprechend den Vorgaben des Rabattgesetzes jährlich durch einen unabhängigen Prüfer des Verbands der Rabattsparvereine Deutschlands überwacht. Dass sich die Vereinsmitglieder an die Statuten des Rabattsparvereins hielten, wurde durch verschiedene in der Satzung enthaltene Strafandrohungen gewährleistet.
Strafen wurden angedroht
Wer sich weigerte, die Marken auf Verlangen auszuhändigen, vom satzungsmäßigen Rabatt abwich oder Kunden nötigte, auf Rabattmarken zu verzichten, musste mit einer Strafe rechnen. Ob es jemals zu einer derartigen Strafe kam, ist nicht bekannt.
Rabattmarken erfreuten sich insbesondere in den 1950er- und 1960er-Jahren wachsender Beliebtheit und waren ein Zeichen dafür, dass viele Hausfrauen mit dem Pfennig rechneten. Rabattmarken sammeln war eine beliebte Alltagsbetätigung und passte durchaus gut ins Zeitgeschehen.
Das Image der Markenheftchen war mit dem „man muss ja sparen“-Konzept der Nachkriegszeit verknüpft. Früher wurden die Rabattsparbücher der Einzelhändler auch als die „Sparkasse der Hausfrau“ bezeichnet.
Nicht zwingend günstiger
Allerdings war der Einkauf in einem Geschäft mit Rabattmarken nicht unbedingt günstiger als bei einem anderen Einzelhändler. Außer dem Bietigheimer Rabattsparverein gaben auch große Handelsmarken wie Edeka, Lichdi oder Kaiser‘s Kaffee-Geschäft eigene Rabattmarken aus. Nach dem Zahlen an der Kasse wurden den Kunden abhängig vom Kaufbetrag entsprechende Rabattmarken ausgehändigt. Diese Rabattmarken wurden in ein Markenbuch geklebt, das man im Kaufladen bekam. Den dreiprozentigen Rabatt gab es allerdings nur bei sofortiger Barzahlung. Bei Aus- oder Schlussverkäufen wurde kein Rabatt gewährt. Für ein voll geklebtes Markenbuch im Wert von 50 DM wurden 1,50 DM entweder in bar ausgezahlt oder auf den nächsten Einkauf angerechnet.
Ende der 60er-Jahre waren die Einzelhändler aus Wettbewerbsgründen gezwungen, ihr Warenangebot auf Netto-Verkaufspreise umzustellen. Das bedeutete zugleich das Aus für die Rabattmarken.