Bissinger Historie: Gleisbahn scheitert am Gemeinderat

Skizze eines Sattelwagen für den Kohlentransport im Baugesuch für die geplante Gleisbahn.
Stadtarchiv Bietigheim-BissingenSchienenprojekte brauchen oft etwas länger bis zur Realisierung, das kennt man aus der Neuzeit. Aber auch vor mehr als 100 Jahren klappte der geplante Bau einer elektrischen Gleisbahn in Bissingen nicht auf Anhieb.
Der Hintergrund: Im Jahr 1911 bauten die Enzgauwerke GmbH Bissingen auf einem rechts der Enz liegenden Grundstück unterhalb des Wäldchens „Brandhalde“ ein Dampfkraftwerk. Schon bei der Inbetriebnahme der Anlage im Mai 1911 war erkennbar, dass es angesichts der dynamisch steigenden Nachfrage nach Strom zu klein war. 1913 wurde es an die Neckarwerke Esslingen verkauft und erweitert, wodurch sich die Leistung von ursprünglich 600 KW auf 6,6 MW erhöhte.
Vom Güterbahnhof wurden die Kohlen anfangs mit Pferdefuhrwerken, unter anderem mit solchen des Fuhrwerkers Karr, zum Lagerplatz an der Ringstraße, der heutigen Karlstraße, gefahren. Zur automatischen Beschickung der Dampfkessel wurde im Zusammenhang mit der Kraftwerkserweiterung 1913 ein an den Hang angelehntes offenes, 27 Meter breites und 29 Meter langes Kohlensilo aus Stampfbeton gebaut, das von der Ringstraße her befüllt wurde.
Für das vergrößerte Kraftwerk mit drei Dampfkesseln gingen die Enzgauwerke in einem Brief an die Gemeinde Bissingen vom 15. Februar 1913 davon aus, dass sie täglich zehn Güterwaggons Kohlen benötigten, was mehr als dem Zehnfachen der bisherigen Brennstoffmenge entsprach. Der Kraftwerksleitung war natürlich klar, dass man diese enorme Kohlenmenge weder mit Pferdefuhrwerken noch mit Lastwagen über die schmale Charlottenstraße anliefern konnte. Deshalb planten die Enzgauwerke für den Kohlentransport vom Güterbahnhof zum Kraftwerk eine elektrisch betriebene Gleisbahn.
Transport mit dem Sattelwagen
Dazu sollte abgehend vom Entladeplatz am Güterbahnhof ein Gleis gebaut werden, das die Bahnhofstraße überquert, durch die Charlottenstraße führte, die Ringstraße querte und am Ausladeplatz oberhalb des neuen Kohlenbunkers endete. Über eine Kipprampe sollten die Kohlen in den Kohlenbunker gelangen und darin talabwärts rutschen.
Als Transportfahrzeug wollte man einen so genannten Sattelwagen einsetzen, der bei einem Volumen von zwölf Kubikmeter etwa zehn Tonnen Kohlen aufnehmen konnte. Zur Realisierung dieser Planung war man allerdings darauf angewiesen, dass die Gemeinde Bissingen die Charlottenstraße, die bislang nur ein schmaler, geschotterter Weg war, in ausreichender Breite ausbaute, sodass Platz für die Gleisbahn mit den erforderlichen Strommasten war. Eine entsprechende Zusage der Gemeinde Bissingen lag vor.
Widerstand der Anwohner
Damals waren an der Charlottenstraße bereits einige Häuser vorhanden, so dass auch Straßenraum für Fußgänger und den sonstigen Straßenverkehr geschaffen werden musste. Die Enzgauwerke hatten wegen der Genehmigung des Bahnbetriebs Anfang 1913 Kontakt mit der Königlichen Direktion der Württembergischen Staats-Eisenbahnen aufgenommen, die allerdings auf die wegepolizeiliche Genehmigung der Gemeinde Bissingen zur Einlegung der Schienen in die Straße wartete.
Diese Genehmigung wurde zwar von Schultheiß Karl Kälble mündlich angekündigt, vom Gemeinderat letztlich aber nicht erteilt, weil es Widerstand und Einsprüche seitens der Anwohner der Charlottenstraße gab, die Nachteile durch Staub und Lärm befürchteten. Vom Gemeinderat Bissingen wurde alternativ der Bau einer Drahtseilbahn ins Gespräch gebracht, was die Neckarwerke, die inzwischen Eigentümerin des Kraftwerks geworden waren, jedoch ablehnten.
Da eine Einigung mit den Anwohnern der Charlottenstraße nicht zustande gekommen war, zogen die Neckarwerke am 25. November 1913 das Gesuch zum Bau der elektrischen Gleisbahn zurück. Nach einer neuen Planung vom Mai 1914 sollte das Industriegleis der Rommelmühle mitbenutzt und im Wäldchen „Brandhalde“ ein Abzweig zum Kraftwerk gebaut werden. Wegen des kurz danach beginnenden Ersten Weltkriegs konnte das Projekt nicht realisiert werden. Deshalb mussten die Kohlen weiterhin mit Fuhrwerken auf der Charlottenstraße zum Kohlenbunker herangefahren werden. Allerdings gingen die Fuhren insgesamt zurück, weil sowohl während des Krieges als auch in den ersten Friedensjahren Kohlen Mangelware waren, weshalb die Kraftwerksleistung zurückgefahren werden musste.
Abzweig durch den Wald
Die geschotterte Charlottenstraße war wegen der schweren Kohlenfuhrwerke in einem schlechtem Zustand und musste immer wieder gewalzt werden. Im September 1921 beschwerten sich die Neckarwerke über den miserablen Zustand der Charlottenstraße, was Bissingens Schultheiß Karl Kälble zur Äußerung veranlasste, dass sie daran selbst schuld seien, weil die Charlottenstraße nicht für das Befahren mit außerordentlich schweren Kohlenfuhrwerken ausgelegt sei.
Erst am 20. August 1922 konnte die 1914 geplante Gleisanlage durch den Wald in Betrieb genommen werden. Täglich verkehrten ein bis zwei Güterzüge zwischen Bahnhof und Kraftwerk. Das Kraftwerk war mehr als 50 Jahre in Betrieb und wurde 1964 stillgelegt.