Bietigheim-Bissinger Stadtwald: Kahlschläge sind im Naturwald tabu

Bei der Übergabe der Nabu-Urkunde im Oberen Wald (von links): Michael Nill, Fachbereichsleiter Wald im Landratsamt, Oberbürgermeister Jürgen Kessing, Johannes Enssle, Landesvorsitzender des Nabu, und Revierleiter Axel Armbruster.
Martin KalbDes Öfteren erreichten ihn Beschwerden darüber, dass es im Stadtwald so „unaufgeräumt“ aussehe, erzählte Oberbürgermeister Jürgen Kessing am Dienstag im Oberen Wald vor Forstleuten und Nabu-Mitgliedern eine kleine Anekdote. Doch die Unordnung sei gewollt, sie ist Teil der Bewirtschaftung im Sinne eines Naturwalds, wie sie im Bietigheim-Bissinger Stadtwald schon seit Jahren üblich ist. Das habe die Stadt nun auch offziell, so Kessing, in Gestalt einer Urkunde, die ihm Johannes Enssle, der Vorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu) in Baden-Württemberg, beim Vor-Ort-Termin an der Waldhütte am Abendberg überreichte.
Darin wird der Stadt das Prädikat „Nabu-Naturwaldbetrieb“ verliehen. Der Umwelt-Verband zeichnet damit Waldbesitzer aus, die sich für mindestens zehn Jahre verpflichten, nach den Wald-Qualitätsrichtlinien des Nabu zu wirtschaften. Die Auszeichnung solle Lob und Ansporn zugleich sein, den erfolgreichen Weg weiterzugehen, so Enssle. Mit Bietigheim-Bissingen sind es jetzt insgesamt neun Nabu-Naturwaldbetriebe im Land.
Artenschutz hoch im Kurs
Der Wunsch, das Prädikat zu erlangen, ging laut Kessing auf einen Antrag der GAL-Fraktion im Gemeinderat zurück, der von der Verwaltung und den anderen Fraktionen unterstützt wurde. Revierförster und GAL-Stadtrat Axel Armbruster stellte den Kontakt zum Nabu her. Bei einem Termin vor Ort habe er gesehen, „hier wird vorbildlich gewirtschaftet“, sagte Enssle, selbst von Beruf Förster.
Dass Natur- und Artenschutz im Stadtwald schon lange hoch im Kurs stehen, verdeutlicht Revierförster Armbruster an drei Beispielen. So gebe es hier einen sehr hohen Anteil an Eichen – die Baumart, die für den höchsten Artenreichtum stehe. Zudem fühlten sich hier Fledermäuse offenbar sehr wohl: Mindestens sechs Arten seien nachgewiesen. Und schließlich könnten sich auf sechs Prozent der Waldfläche ganz ohne forstliche Nutzung wertvolle „Urwälder von morgen“ entwickeln. Froh über die Auszeichnung zeigte sich auch Kreis-Forstamtsleiter Dr. Michael Nill. Dies sei „eine Anerkennung der langjährigen Arbeit“.
Nabu-Landeschef Enssle betonte, dass es sich bei dem Nabu-Prädikat um keine Zertifizierung handle, sondern um eine Auszeichnung zur Selbstverpflichtung. Zu den Kriterien gehöre, dass die Kommunen auf Kahlschläge im Wald verzichten. Denn dadurch verschlechtere sich die Nährstoffsituation der Böden. Ebenso sind Neupflanzungen tabu. Stattdessen wird der Wald natürlich durch die „Absaat“ der Bäume verjüngt. „Was von Natur aus kommt, wächst am Standort am besten“, erklärte Enssle.
Kein Einsatz von Chemie
Auch jeder Chemieeinsatz ist zu unterlassen, ebenso sind biologische Forstschutzmittel mit toxischer Wirkung und künstliche Mineraldüngung nicht erlaubt. Die Betriebstechnik bei der Arbeit im Wald soll „sanft“ sein, um den Waldboden zu schonen. Die Technik solle an die Grundsätze einer naturnahen Waldbewirtschaftung angepasst werden und nicht die Art der Waldbewirtschaftung an die technischen Möglichkeiten. Enssle regte in diesem Zusammenhang auch den Einsatz von Pferden an.
Im Naturwaldbetrieb soll zudem durch gezielte Maßnahmen des Biotop- und Artenschutzes die biologische Eigenart und Vielfalt des Waldes bewahrt werden. Johannes Enssle wies dabei auf die Bedeutung von Flächen hin, die sich selbst überlassen werden. „Für die Artenvielfalt sind sterbende Bäume die wichtigsten.“ Denn dort fänden Vögel und Fledermäuse viel Nahrung.
Verpflichtung zur Jagd
Ein etwas heikler Punkt ist die sogenannte Wilddichte. Der Aufbau sich selbst verjüngender, produktiver und vielfältiger Mischwälder sei nur erreichbar, wenn der Wildverbiss in Grenzen gehalten werde, sagte Enssle. Das heißt, es müssten insbesondere Rehe geschossen werde, die gerne die Triebe junger Bäume fressen. Als Naturwaldbetrieb verpflichtet sich die Stadt dazu, die – verpachtete – Jagd im eigenen Wald an dem Ziel „waldverträglicher“ Wildbestände auszurichten.
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