Bietigheim-Bissingen
: Wie aus Operette Jazz wird

Das Frankfurt Jazz Trio überzeugt im Bietigheimer Kleinkunstkeller mit Spielfreude und Fantasie.
Von
Dietmar Bastian
Bietigheim-Bissingen
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Das Frankfurt Jazz Trio überzeugte das Publikum im Bietigheimer Kleinkunstkeller

/Oliver Bürkle

Was haben George Gershwin, Hildegard Knef, Duke Ellington und Franz Lehár gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht allzu viel. Doch wenn sich versierte Jazzmusiker ihrer Melodien annehmen, verschwimmen die Grenzen zwischen amerikanischem Songbook, deutschem Schlager und Wiener Operette. Wie reizvoll das sein kann, demonstrierte das Frankfurt Jazz Trio am Freitagabend im Bietigheimer Kleinkunstkeller unter dem Motto „Our Favorite Things“.

Der stimmungsvoll beleuchtete Kleinkunstkeller bot den rund 50 bis 60 Besuchern einen idealen Rahmen. Am Flügel saß der aus Ludwigsburg stammende Olaf Polziehn, ein Pianist von außergewöhnlichem Format. Sein butterweicher Anschlag, seine harmonische Fantasie und die Eleganz seiner Improvisationen prägten das Geschehen. Ihm ebenbürtig war Martin Gjakonovski am Kontrabass. Mit federndem Drive, rhythmischer Präzision und ausgefuchsten solistischen Ausflügen erwies er sich als gleichrangiger Mitgestalter.

Die beiden waren ein gewitztes Gespann, das sich mit sichtlichem Vergnügen musikalische Ideen zuspielte. Den Schlagzeugpart übernahm der junge Jakob Hein, der für den verhinderten Bandgründer Thomas Cremer eingesprungen war und mit differenziertem Besenspiel und kraftvollen Akzenten das Zusammenspiel unterstützte.

Vertraute Melodie verwandelt sich in raffiniertes Spiel

Wie aus zunächst tastenden Gedanken ein mitreißendes Geschehen entstehen kann, zeigte „Il Postino“. Zu suchenden Klavierfiguren gesellten sich allmählich die tiefen Töne des Kontrabasses und das leise Rascheln der Schlagzeugbesen. Die Musik verdichtete sich und mündete schließlich in einen kraftvollen gemeinsamen Drive. Bei George Gershwins „Our Love Is Here to Stay“ verwandelte sich die vertraute Melodie in ein raffiniertes Spiel mit Jazzharmonien. Die Verständigung funktionierte wortlos, über Blicke und ein kurzes Nicken. Polziehn, der auch mit lockeren Erläuterungen durch das Programm führte, bezeichnete das Stück als „Energiespritze“ fürs Publikum.

Dass sich auch deutsches Liedgut für solche Erkundungen eignet, bewies Hildegard Knefs „Lass mich bei dir sein“, eine harmonisch reiche Ballade. Noch überraschender geriet Franz Lehárs „Dein ist mein ganzes Herz“. Aus schwelgerischer Tenorromantik wurde ein temperamentvolles Jazzarrangement voller Witz und harmonischer Einfälle.

Filmmelodie entfaltet schwerelose Zartheit

Zu den schönsten Momenten des Abends gehörte Johnny Mandels „The Shadow of Your Smile“. Die berühmte Filmmelodie entfaltete unter Polziehns Händen eine beinahe schwerelose Zartheit. Sein Klavierspiel war von solcher klanglicher Delikatesse, dass sich Bass und Schlagzeug auf eine behutsame Begleitung beschränken konnten. Die Musik durfte atmen und ihre melodische Schönheit entfalten. Polziehn bemerkte augenzwinkernd: „Dieses Stück ist so unvergleichlich schön. So tolle Musik zu schreiben, gehört eigentlich verboten.“

Dass die drei Musiker auch anders konnten, offenbarte Duke Ellingtons „Mainstem“, dessen Bluesfundament Gelegenheit für rhythmische Exkurse bot. Ein reizvoller Dialog zwischen Kontrabass und Schlagzeug wurde mit Szenenapplaus bedacht. Auch bei „Tristism“ rückte Gjakonovski mit einem ausgedehnten Solo ins Zentrum des Geschehens. Nach der Ballade „Why Did I Choose You?“ zeigte „Someday My Prince Will Come“ noch einmal die improvisatorische Beweglichkeit des Trios – mit perlenden Klavierläufen und virtuosen Passagen.

 Dietmar Bastian