Bietigheim-Bissingen: Spitzel sollten Reformation verhindern

Die Stadtkirche in Bietigheim wurde im 16. Jahrhundert für den evangelischen Gottesdienst umgebaut.
/Martin KalbIm Jahr 1517 veröffentlichte Martin Luther 95 Thesen gegen den Ablasshandel, die er der Überlieferung nach an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg anschlug. Was zur Reformierung der Katholischen Kirche gedacht war, sollte sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einer eigenen christlichen Glaubensrichtung entwickeln, woran an diesem Samstag, 31. Oktober, dem Reformationstag, wieder erinnert wird. Bis diese in der Region Fuß fasste, sollte es damals allerdings noch einige Zeit dauern.
Der frühere Pfarrer Erwin Mickler weist in seinem Beitrag über die Reformation in Bietigheim in den Blättern zur Stadtgeschichte (Heft 2, 1984) darauf hin, dass Luther selbst niemals württembergischen Boden betreten habe. Interessant sei aber, dass gleichzeitig mit ihm zwei Bietigheimer an der Universität Erfurt studierten. Ob sie Luther kennenlernten, sei ungewiss, neue Gedanken und Ideen seien damals aber schnell übermittelt und bekannt gegeben worden, so Mickler.
Zudem kam der Reformator 1518 zu einer Disputation ins kurpfälzische Heidelberg. Als Zuhörer mit dabei: der Bietigheimer Student Johannes Seiter.
„Ketzerische“ Schriften verboten
Dass die Reformation trotz dieser Verbindungen in Bietigheim und anderen württembergischen Orten zunächst nicht Fuß fassen konnte, lag daran, dass nach der Vertreibung des württembergischen Herzogs Ulrich durch den Schwäbischen Bund das Land 1520 an das Haus Habsburg verkauft wurde. Letzteres versuchte die Ausbreitung des reformatorischen Gedankens mit allen Mitteln zu verhindern und wies seine Statthalter in Württemberg an, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Das Wormser Edikt von 1521, in welchem Kaiser Karl V. von Habsburg Luther ächtete und das Lesen, Drucken und Verbreiten von seinen Schriften verbot, sei vom habsburgischen Regiment in Stuttgart genau ausgeführt und teilweise noch verschärft worden, so Mickler. Unter anderem wurden Spitzel eingesetzt, um herauszufinden, ob „ketzerische“ Schriften verkauft oder gelesen wurden.
Dass Luthers Ansichten dennoch auch in Bietigheim insgeheim Verbreitung fanden, legen verschiedene Beispiele nahe, die Mickler anführt. So wurde der Bietigheimer Sebastian Hornmold 1521 als Student in Tübingen wegen geheimer Verbindung zum vertriebenen Herzog Ulrich und wegen „Hinneigung zum Luthertum“ der Universität verwiesen. Im Bauernkrieg von 1525 sympathisierten die Ackerbürger der Stadt, das heißt Bietigheimer, die im Haupterwerb Landwirtschaft betrieben, mit den aufständischen Bauern. Und letztere argumentierten bei ihrer Erhebung auch mit dem Inhalt des Evangeliums – wenn auch in eigener Auslegung und gegen den Willen Luthers, der eine sozialrevolutionäre Bibelauslegung und Gewalt scharf ablehnte. Zudem zeigte das Beispiel des Conrad Kemerer aus Bietigheim, der 1531 in Stuttgart wegen der wiedertäuferischen Lehre ins Gefängnis kam und widerrufen musste, dass auch diese radikale reformatorische Richtung an Enz und Metter Fuß fasste.
Den Durchbruch in Württemberg und damit auch in Bietigheim verschaffte der Reformation erst die Rückkehr Herzog Ulrichs im Jahr 1534. Ulrich hatte sich inzwischen der evangelischen Lehre zugewandt und als Unterstützer den ebenfalls protestantischen Landgraf Philipp von Hessen gefunden. Unter Führung des Landgrafen wurden die Truppen des habsburgischen Statthalters am 12./13. Mai bei Lauffen entscheidend besiegt und in den Wochen danach ganz Württemberg eingenommen. Ulrich führte danach die Reformation ein.
Stadtkirche umgestaltet
In Bietigheim hielt die Reformation laut Mickler im Winter 1534/35 Einzug. Der letzte altgläubige Pfarrer Andreas Gutbrod hatte zwar den neuen Glauben angenommen, es haperte aber in der Umsetzung. Deshalb wurde Domenicus Kreber aus Jesingen als neuer protestantischen Pfarrer eingesetzt.
Neben vielen organisatorischen und religiösen Neuerungen in der folgenden Zeit wurde Mickler zufolge auch die Stadtkirche für den evangelischen Gottesdienst umgebaut. Bauarbeiten waren sowieso nötig, als 1542 der auf dem Stumpf des ehemaligen Burgturms errichtete Kirch- und Landwachturm einstürzte.
Außerdem seien im Inneren die Blickrichtung auf den Hochaltar und die Seitenaltäre aufgegeben worden, so Mickler. Die Kanzel wurde versetzt und ein Chorgestühl – für die Frauen zu ebener Erde und die Männer auf den Emporen – errichtet. Es entstand ein evangelischer Predigtraum, „in dessen Mitte die Mitte die Kanzel stand“. Diese Umgestaltung des Gotteshauses hatte bis 1891/92 Bestand, als ein erneuter Umbau vorgenommen wurde.