Bietigheim-Bissingen
: Social Media nicht verbieten

Lehrer Robin Harnisch sieht beim Thema Social Media für Jugendliche die Eltern in der Verantwortung, sagt er im Interview mit der BZ.
Von
Lisa Lorenz
Bietigheim-Bissingen
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Der Grundgedanke von Social Media sei schön, so der Lehrer der Gesamtschule. Doch das Handy sei mittlerweile für viele Jugendliche zum Suchtmittel geworden.

Martin Kalb

Australien hat das Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige durchgesetzt, das EU-Parlament arbeitet ebenfalls einen Vorschlag aus. Könnte ein Verbot auch in Deutschland sinnvoll sein? Und was ist eigentlich mit der Medienkompetenz, die in den Konzepten nicht berücksichtigt wird? Die BZ hat dazu Lehrer Robin Harnisch von der Schule im Sand in Bietigheim-Bissingen befragt. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Handy und Social Media bei Jugendlichen und hält unter anderem Vorträge dazu.

Herr Harnisch, ist ein Social-Media-Verbot der richtige Ansatz?

Robin Harnisch: Prinzipiell finde ich das nicht die richtige Lösung. Das Problem, das aktuell bei den 12- und 13-Jährigen besteht, nämlich der Einstieg in Social Media, wird dadurch einfach auf 16 Jahre verlagert. Man schafft quasi ein neues Problemfeld, weil sich die Jugendlichen wieder ausgegrenzt fühlen. Klar ist die Gehirnentwicklung schon fortgeschrittener bei 16-Jährigen, aber immer noch nicht so ausgereift, dass ich sagen würde, ein unbegrenzter Einstieg mit 16 wäre bedenkenlos. Ich würde eher andere Lösungsmöglichkeiten bevorzugen.

Welche Möglichkeiten zum Beispiel?

Der Grundgedanke von Social Media ist ja ein sehr schöner. Mit Freunden in Kontakt treten, Bilder und Videos mit ihnen teilen. Das kann man zwischen 14 und 16 auch schon machen, es muss aber technisch sichergestellt sein, dass die Bilder und Videos nicht bearbeitet sind.

Einen Zugriff auf Reels und Kurzvideos sollte es in dem Alter noch nicht geben. Das Schlimme ist das Doom-Scrolling: Vier Stunden am Tag Kurzvideos anzuschauen, das hat enorme negative Auswirkungen.

Was haben Eltern für Möglichkeiten, um ihre Kinder zu schützen?

Sie können im technischen Bereich agieren, über Drittanbieterapps oder interne Lösungen wie „FamilyLink“ oder die Kinder-Apple-ID. Hier können sie Apps zulassen, sperren oder die Nutzung einschränken.

Wenn Eltern herausfinden, dass ihr Kind problematische Inhalte anschaut, seien es gewaltverherrlichende oder pornografische, können sie ganz anders als die Lehrer mit ihrem Kind ins Gespräch gehen. Ein Handyverbot ist das Letzte, was ich empfehlen würde, denn wenn mein Kind sich mir als Elternteil öffnet, ist das Gespräch die bessere Lösung. Wenn ich das Handy verbiete und wegnehme, schließe ich damit die Tür, die mein Kind nutzen kann, um auf einer Vertrauensbasis mit mir als Elternteil zu sprechen. Diese Basis haben Eltern mehr als alle anderen, denn optimalerweise haben Kinder daheim das Gefühl: „Ich kann scheitern und ich kann auch mal einen Fehler machen, ohne Angst vor der Strafe haben zu müssen.“

Welche Rolle spielen KI und Social Media an Schulen? Erledigt ChatGPT die Hausaufgaben?

Die Schule im Sand ist eine Gemeinschafts- und Ganztagsschule, unsere Schüler haben daher keine Hausaufgaben. Es wird alles im Schulkontext erledigt. Ich glaube nicht, dass viele unserer Schüler regelmäßig KI nutzen für Schulaufgaben. Wenn, dann als Google-Ersatz. Ich kann mir aber vorstellen, dass es an anderen Schularten anders sein könnte und ChatGPT ganz anders genutzt wird als bei uns.

Das Thema Social Media ist da größer. Also die Abfrage zur Bildschirmzeit, die ich für meinen Vortrag zum Thema „Mein erstes Handy“ gemacht habe und immer wieder mache, zeigt, dass an Schultagen bis zu acht Stunden Social Media schon normal sind bei unseren Schülern.

In der Verbotsforderung des EU-Parlaments sind auch „KI-Begleiter“ wie ChatGPT mitinbegriffen. Ist das sinnvoll?

Ja, bis 13 Jahre auf jeden Fall. Ich finde, die EU durchdenkt es besser als Australien. Zusätzlich muss es aber in den Schulalltag integriertes Digital-Training für Jugendliche geben. Und das muss regelmäßig passieren. Wenn ich mit dem Matheunterricht vergleiche: Der findet jede Woche statt.

Wenn etwas wöchentlich stattfindet, ist es nachhaltiger, als wenn man es an einem Aktionstag mit den Schülern thematisiert – dort hält das Gelernte nicht allzu lange. Medienkompetenz wird zwar unterrichtet, dort wird aber nicht explizit und ausführlich auf die Themen Social Media, KI und „Fake News“ eingegangen. Ein einstündiges Digitaltraining müsste fest im Stundenplan integriert werden.

Wer hat die Hauptverantwortung beim Thema Medienkompetenz und Schutz von Jugendlichen: Schulen, Eltern, das Land oder die Plattformen?

In erster Linie sind die Eltern verantwortlich, denn Kinder und Jugendliche sind nie bereit für die Masse an Informationen und Möglichkeiten, die mit einem Smartphone einhergehen. Deswegen kann ich nicht sagen: „Mein Kind ist jetzt bereit dafür.“ Ich als Elternteil muss bereit sein, mein Kind zu begleiten.

Die Hauptverantwortung haben natürlich die Eltern, weil sie die Kontrolle über das Handy haben. Sie können Social-Media-Apps zulassen oder nicht zulassen. Die Schule muss begleiten, denn sie ist auch Erziehungs- und Bildungseinrichtungen. Das kann natürlich nicht noch zusätzlich zu allen Aufgaben geschehen, die die Schulen schon haben. Natürlich muss dann auf der anderen Seite etwas wegfallen beziehungsweise gekürzt werden. Die Plattformen müssen natürlich auch in die Verantwortung genommen werden.

Ist das australische Verbot in der Schule ein Thema? Haben die Schüler Angst, das könnte auch in Deutschland kommen?

Ja, darüber wird schon gesprochen. Ich drücke es bewusst hart aus: Social Media und Handys sind eine Sucht bei den Jugendlichen. Das muss man ganz deutlich sagen. Und wenn ich jetzt meine 12- und 13-jährigen Schüler sehe, die einfach sechs Stunden am Tag auf Instagram sind – an einem Schultag wohlbemerkt – wenn man denen jetzt sagt, „ab nächster Woche dürft ihr das nicht mehr, euer Instagram- oder TikTok-Account wird gesperrt“, da würde der Aufschrei groß sein.

Damit nimmt man einem Süchtigen sein Suchtmittel weg. Das würde am Anfang Probleme geben, es würde sich, denke ich, aber mit der Zeit auch wieder legen und die Schüler würden sich daran gewöhnen.

Vielen Dank für das Gespräch.