Bietigheim-Bissingen: Mit besonderem Tastsinn den Krebs erkennen

Dr. Cristina Kaiser Juan (links) ist seit Anfang September ein Mal wöchentlich in der Bietigheim-Bissinger Praxis von Dr. Sarah Beathalter (rechts). Kaiser Juan bietet taktile Untersuchungen der Brust an.
/Andreas EssigLächelnd kommt die Patientin aus dem Behandlungszimmer. „Ich werde wieder kommen“, stellt sie gleich klar. Gerade eben hatte sie eine taktile Untersuchung der Brust, durch die Gewebeauffälligkeiten per Abtasten erkannt werden können. Übernommen hat diese besondere Untersuchung Dr. Cristina Kaiser Juan. Sie ist seit Anfang September dienstags in der gynäkologischen Praxis von Dr. Sarah Beathalter in Bietigheim-Bissingen. Cristina Kaiser Juan lies sich vor acht Jahren über „discovering hands“ zur Medizinisch-Taktilen Untersucherin (MTU) ausbilden. Das besondere: „Discovering hands“ bildet blinde und sehbehinderte Frauen zu MTU aus, da diese durch ihre Sehbehinderung meist deutlich bessere Tastfähigkeiten haben.
Kaiser Juan ist seit ihrer Geburt blind. Sie kommt aus Spanien und arbeitete dort für eine Blindenorganisation. Auch als Lehrerin an einem Gymnasium in Madrid arbeitete die Doktorin der Altphilologie. Als sie nach Deutschland kam, war sie auf der Suche nach einem neuen Arbeitsfeld und entdeckte so die Ausbildung bei „discovering hands“.
2018 absolvierte sie die neunmonatige Ausbildung und ist seither als MTU in verschiedenen Praxen tätig. Während sie anfangs nur in Stuttgart arbeitete, ist sie nun auch einmal die Woche in Bietigheim-Bissingen. „Ich habe schon vor Jahren Berichte zu den taktilen Untersucherinnen gelesen und mich dann informiert wer das anbietet. So habe ich Frau Kaiser Juan kennengelernt“, sagt Dr. Sarah Beathalter. Für sie ist es wichtig, diese Vorsorgeuntersuchung anbieten zu können: „Wir haben immer weniger Zeit in unserem Praxisalltag. Auch das neue GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz wird das in Zukunft noch verschärfen“, sagt Beathalter. Mit der MTU nehme sich eine ausgebildete Person eine Stunde Zeit für die Patientin, das sei wichtig.
Regelmäßige Vorsorge
„Ich hab mich so gut aufgehoben gefühlt. Frau Kaiser Juan war sehr einfühlsam“, sagt die Patientin. Ihr ist das Thema Vorsorge sehr wichtig. Alle zwei Jahre gehe sie zur Mammografie und nun könne sie im Jahr dazwischen, die taktile Untersuchung nutzen, um quasi Lückenlos das Brustgewebe überprüfen zu lassen.
Im Oktober findet jedes Jahr der „Pinktober“ statt. In dieser Zeit soll auf das Thema Brustkrebs und vor allem auf Methoden der Früherkennung aufmerksam gemacht werden. „Die Angst vor Brustkrebs ist größer geworden. Jeder kennt jemanden, der Brustkrebs hat oder hatte“, sagt Beathalter. Neben der einstündigen taktilen Untersuchung bietet Cristina Kaiser Juan auch Schulungen an, in denen sie in Einzelberatungen den Frauen erklärt worauf sie in ihrem Brustgewebe achten müssen und wie sie die Brust richtig abtasten.
Orientierung mit Klebestreifen
„Bei einer Untersuchung unterteile ich die Brust in vier Zonen, die ich mit den Dokumentationsstreifen beklebe“, sagt Kaiser Juan. Diese Streifen sind in zehn Zentimeter Abschnitten strukturiert, die mit kleinen Erhebungen den blinden und sehbehinderten MTU hilft, sich zu orientieren. „Wenn ich etwas finde, muss ich ja auch genau sagen können wo das war“, erklärt Kaiser Juan. Neben dem genauen Abtasten, hat die gebürtige Spanierin in ihrer Ausbildung gelernt, wie sie einer Patientin von einer Auffälligkeit berichtet.

Mit besonderem Tastsinn den Krebs erkennen
/Petra Neset-Ruppert„Das Wichtigste erkläre ich immer gleich am Anfang: Viele Auffälligkeiten, die ich finde, sind gutartig.“ Das soll den ersten Schrecken nehmen. Meist zeige sie der Patientin dann auch die betreffende Stelle, damit sie selbst die Gewebeauffälligkeit erfühlen kann. Das Wort „leider“ falle bei den Gesprächen mit ihren Patientinnen nie, denn es gehe darum sie zu informieren und nicht sie zu verängstigen.
Die taktile Untersuchung können auch Frauen, die nicht Patientinnen in der Bietigheimer Praxis sind in Anspruch nehmen. „Wenn etwas gefunden wird, schaue ich mir das natürlich auch noch kurz im Ultraschall an. Wir lassen hier niemand einfach so aus der Praxis gehen“, betont Beathalter.
Für Cristina Kaiser Juan rückte das Thema Brustkrebs erst mit ihrer Ausbildung in den Fokus: „Wir müssen den Mut haben das zu besprechen. Brustkrebs darf kein Tabuthema sein“, sagt sie. Wer das eigene Brustgewebe gut kenne, könne Ruhe in das mit Angst behaftete Thema Brustkrebs bringen.
Mittlerweile sei sie in der Bietigheimer Praxis auch gut angekommen. Das Team unterstütze sie sehr bei der Orientierung in den Räumlichkeiten. Bei der Anreise aus Stuttgart müsse sie allerdings auf einen Fahrdienst zurückgreifen. „Als ich mit meinem Mobilitytrainer den Weg vom S-Bahnhof zur Praxis lief, sagte er mir, dass es zu gefährlich sei. Es fehlt an blindengerechten Ampeln und die Bordsteine sind zu flach“, sagt Kaiser Juan. Da sie während der taktilen Untersuchung höchst konzentriert arbeiten muss, sei es bei sechs Stunden Arbeitszeit in der Praxis wichtig, dass für den Hin- und Rückweg noch ausreichend Ressourcen für eine sichere An- und Abreise gegeben sein müssen.
Großes Interesse
Für Gynäkologin Beathalter habe sich bereits jetzt schon bestätigt, dass das Angebot in ihrer Praxis eine wichtige Ergänzung für die Gesundheitsvorsorge im Kreis ist: „Frau Kaiser Juan ist bereits bis Ende des Jahres ausgebucht.“ Und dass das regelmäßige Abtasten der Brust wichtig ist, sei hoffentlich mittlerweile bei den meisten angekommen, denn „Brustkrebs kennt kein Alter“, betont Cristina Kaiser Juan.
Vorsorge bei Brustkrebs
Die taktile Untersuchung der Brust, die durch eine ausgebildete MTU vorgenommen wird, dauert eine Stunde. Das Angebot ist eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) und muss in der Regel von den Patientinnen selbst übernommen werden.
Doch mehr als 40 gesetzliche Krankenkassen haben diese Leistung bereits in ihr Angebot aufgenommen. Wer auf eigene Kosten die Untersuchung vornehmen lässt, kann ein Formular zur Prüfung der Kostenübernahme mitnehmen.
Neben der taktilen Untersuchung gibt es auch noch die Mammografie, eine Röntgenuntersuchung der weiblichen Brust, die gesetzlich Versicherte im Alter von 50 bis 75 Jahren alle zwei Jahre kostenlos in Anspruch nehmen können. pn