Bietigheim-Bissingen
: Jiddische Musik interpretiert

Die nicht alltägliche Band „Homentaschn“ gibt es inzwischen seit 25 Jahren. Sie blickt inzwischen auf mehr als 150 Auftritte zurück, vor allem in der Region.
Von
Walter Christ
Bietigheim-Bissingen
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Die Mitglieder der Band Homentaschn (von links) Götz Engelhardt, Rainer Albrecht, Roland Wunderlich und Harald Schnabel gaben ein Konzert im PKC Freudental.

/Privat

PKC Freudental. Der Tag der offenen Tür zum Purim-Fest wird mit einem Sahnehäubchen gekrönt: Die Klezmer-Musik-Band „Homentaschn“ gibt ein Konzert. Gut zwei Stunden lang. Das Publikum in der restlos besetzten ehemaligen Synagoge ist begeistert. Das Quartett kommt um Zugaben nicht herum. Ein Abend mit Hörgenüssen, die nachklingen.

Konträr zum zunehmenden Antisemitismus ist auch in Deutschland jiddische Musik, Klezmer-Musik, die es schon seit dem 15. Jahrhundert gibt, gefragt. Giora Feidman, der „King of Klezmer“, der seine Klarinette wie kaum ein anderer schmachten und jauchzen lassen kann, ist einer der Gründe dafür. Allerdings gibt es hier auch über hundert Bands, die diesem Musik-Stil frönen. In unserer Region ist das auch – und gerade – die Band „Homentaschn“, die es nun seit einem Vierteljahrhundert gibt.

Wie es dazu kam: Roland Wunderlich aus Bietigheim-Bissingen und der Lauffener Rainer Albrecht spielten schon in den 1980er-Jahren jiddische Lieder vom Folk-Duo „Zupfgeigenhansl“. Ende der 1990er-Jahre wurden die Aktivitäten wieder aufgenommen. Es entstand in Ingersheim das Veranstaltungsprojekt „Die versunkene Welt des ostjüdischen Stetl – eine musikalisch-kulturelle Zeitreise in Liedern, Bildern und Geschichten“, zunächst mit verschiedenen Besetzungen.

Erster öffentlicher Auftritt in Ludwigsburg

Ab Herbst 2000 fand sich die Gruppe in der heutigen Besetzung (mit Harald Schnabel aus Ingersheim und Götz Engelhardt aus Lauffen) zusammen. Im Januar 2001 gab es das erste öffentliche Konzert im Seniorenstift Elisa in Ludwigsburg. Im Februar 2001 folgte ein Auftritt im Kaffeehaus Hagen in Heilbronn.

Was den besonderen Namen anbelangt, entschied sich die Band 2003 für „Homentaschn“. Das ist ein traditionelles, beliebtes, dreieckiges Gebäck aus der jüdischen Küche, das vor allem zum fröhlichen Purimfest gegessen wird. Außerdem ist es der Titel eines schönen Liedes voller Humor und Schwung, das die Gruppe immer im Programm hat. Das erste Konzert als „Homentaschn“ war am 18. Oktober 2003 in der Friedenskirche Ludwigsburg im Begleitprogramm einer Anne-Frank-Ausstellung.

Insgesamt hat das Klezmer-Ensemble inzwischen über 150 Auftritte. Einer davon in der Partnergemeinde von Ingersheim – Ingersheim/Elsass bei Colmar. Die meisten Auftritte waren in der Region, aber auch in Ravensburg, in der Pfalz oder in der ehemaligen Synagoge Michelbach bei Crailsheim. Zu den besonderen Terminen zählen drei Heimspiel-Konzerte im Schloss in Kleiningersheim und vier in Lauffen, ebenso viele Auftritte im Kraichgau und Hohenlohe an Orten mit jüdischer Geschichte.

„Der Schwerpunkt unseres Programms liegt neben Klezmer-Stücken immer auf jiddischen Liedern, bei denen wir dann auch jeweils kurz den politischen, historischen, sozialen oder religiösen Hintergrund erklären“, beschreibt Rainer Albrecht die Intentionen der Programmgestaltung. „Dabei ist es uns wichtig, nicht nur Stetl-Klischees zu bedienen und eine untergegangene Kultur zu würdigen, sondern auch das Jiddisch als ausdrucksstarke und differenzierte sowie immer noch lebendige Sprache sichtbar zu machen.“ Das geschieht mit Liedern und jiddischen Adaptionen, „die erst in den letzten Jahren entstanden sind und von der Lebendigkeit der jiddischen Sprache zeugen“, so Albrecht.

Geschichten von Ausgrenzung und Armut

Das heißt, die Gruppe entführt ihr Publikum in ihrer Affinität zu diesem jahrhundertealten Kulturgut in die Historie jiddischer Lieder vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die neuen und alten Klezmer-Stücke erzählen Geschichten vom Leben in der Fremde, von Ausgrenzung, Armut, Vertreibung und der Sehnsucht nach einem besseren Leben, aber auch von jüdischen Frauen, Festen, von Hoffnung und Lebensfreude, die gerade auch in der Musik zum Ausdruck kommt.

Lieder, die das Leben nicht nur im ostjüdischen Stetl melancholisch und fröhlich, eindringlich und poetisch, zornig und humorvoll beschreiben. Das Stetl, in vielen Städten und Dörfern Osteuropas das jüdische Viertel, war die Heimat der jiddischen Sprache und Literatur, der Chassdiim und der Klezmorim, von Armut und Diskriminierung wie von Humor und Lebensfreude. „Und die Vernichtung aschkenasischen Lebens in Osteuropa durch das NS-Deutschland darf nicht das letzte Wort sein, und ist uns Auftrag und Verpflichtung, gegen jede Form von Rassismus einzutreten“, so die Band-Philosophie. Unangenehme Misstöne von außen oder Anfeindungen gab es „zum Glück bisher nicht“.

„Besonders bewegend ist, wenn jüdische Zuhörer sich erinnern, dass in ihrer Familie früher jiddisch gesprochen wurde, oder eine alte Dame sich daran erinnert, dass sie diese Lieder als Kind vorgesungen bekam“, so die Erfahrungen von „Homentaschn“.