Bietigheim-Bissingen: „Im Kern ist Dürr ein Automatisierer“

Der Vorstandsvorsitzende der Dürr AG, Jochen Weyrauch, wünscht sich in Deutschland mehr positiven Spirit und ein innovationsfreundlicheres Klima.
/Oliver BürkleSeit 1. Januar 2022 ist Dr. Jochen Weyrauch Vorstandsvorsitzender der Dürr AG in Bietigheim. Mit der BZ hat er über die aktuellen Entwicklungen im Konzern gesprochen.
Wie sieht Ihre persönliche Bilanz nach 2,5 Jahren aus?
Jochen Weyrauch: Wir haben als Team viel bewegt. Was die Transformation des Konzerns angeht, haben wir noch einmal zugelegt. Und das in einer durchaus anspruchsvollen Zeit: die Pandemie, die geopolitischen Spannungen, der Wandel der Automobilindustrie. Unser Automobilgeschäft wird mitgetragen von den Veränderungen in Richtung nachhaltige Produktion. Beim Aufbau des Automatisierungsgeschäft haben wir große Schritte gemacht – mit dem Zukauf von Teamtechnik und BBS Automation. Auch die Mitarbeitenden haben wir mitgenommen, als wir vor zwei Jahren mit ihnen ein umfassendes Vision-Mission-Purpose-Programm aufgestellt haben, bei dem wir uns auf gemeinsame Werte verständigt haben. Es passiert vieles, was künftig Früchte tragen wird. Das macht viel Spaß.
Der Tod von Heinz Dürr war eine Zäsur. Ich bin froh, dass ich ihn noch dazu bewegen konnte, seinen 90. Geburtstag in der Firma zu feiern. Als er hereinkam und die Mitarbeitenden ihm ein Geburtstagsständchen gesungen haben, war das ein richtiger Gänsehautmoment. Es war für ihn ein ganz besonderer Moment. Es war aber auch für uns toll, dass wir das noch einmal gemeinsam erlebt haben. Wir vermissen seinen Spirit, seine neugierige und verschmitzte Art, dieses ‚Komm, das kriegen wir hin’.
Wie kommt die geplante Zusammenführung der Divisionen Anlagenbau und Maschinenbau/Lackierroboter intern an?
Bei der Mehrheit der Mitarbeitenden sehr gut, so erlebe ich es. Einige sagen, dass es längst überfällig war. Ein paar erinnern sich noch daran, dass es Phasen gab, in denen die Trennung geradezu zelebriert wurde. Heute bündeln wir unsere Stärken, also die Kompetenz, große Lackierereien zu bauen und gleichzeitig intelligente Lackierroboter zu entwickeln. Jeder bei Dürr hat gute Gründe, stolz zu sein.
Wir haben auf die Zusammenführung schon länger hingearbeitet und werden damit unsere Stärken noch besser ausspielen können. Wir sind der einzige Anbieter, der beide Bereiche in einem Haus vereint: Großanlagenbau und Lackierroboter. Gerade im Bereich des nachhaltigen Lackierens können wir den Kunden viel bessere Gesamtangebote machen, wenn sämtliche Anlagenteile noch stärker aufeinander abgestimmt sind.
Wie gehen Sie bei der Umstrukturierung vor?
Wir erarbeiten sie intern, mit etwas externer Unterstützung bei der Moderation. Und es ist ein großes Momentum darin. Es gibt manche Teams, die von allein aufeinander zugehen. Das zeigt mir einmal mehr, dass das jetzt der richtige Schritt ist. Die erste Führungsebene haben wir bekannt gegeben, die neue Struktur wird Anfang 2025 eingeführt.
Werden Stellen gestrichen?
Nein, es ist kein Programm, mit dem wir Stellen abbauen wollen. Wir wollen die Stärken von Dürr gemeinsam mit den Mitarbeitenden noch effizienter nutzen. Unser Glück ist es, dass wir im Moment voll ausgelastet sind. Vielleicht können wir in der Führung noch ein bisschen schlanker werden.
Kommt der angekündigte mögliche Verkauf der Sparte Umwelttechnik?
Das steht noch unter Gremien-Vorbehalt, der Aufsichtsrat hat noch nicht entschieden. Ich war früher selbst Leiter der Umwelttechnik und habe viel Herzblut in das Geschäft gesteckt. Ich habe damals auch den Kauf unseres größten Wettbewerbers in den USA gepusht, womit wir das Geschäft mehr als verdoppelt haben.
Mittlerweile sind wir weltweit mit Abstand der größte Player auf diesem Markt und es gibt noch viel Potenzial - etwa beim nachhaltigen CO2-Management oder bei der Energieeffizienz. In diese Themen müsste man jetzt investieren. Die Frage ist, ob Dürr das selbst tun soll und ob wir noch der richtige Eigentümer sind. Denn unser strategischer Fokus liegt auf einem anderen Thema, nämlich auf der Automatisierung. Im Kern ist Dürr ein Automatisierer – ob bei den Lackieranlagen, in der Möbelproduktion und beim Holzhausbau oder bei Montagetechnik für Elektroantriebe und medizinische Produkte.
Wie ist die Ankündigung aufgenommen worden?
Die Nachricht kam intern schon überraschend, vor allem auch in den USA. Die Umwelttechnik hat Heinz Dürr vor 60 Jahren selbst gegründet. Mittlerweile kommt bei der Mehrheit der Mitarbeitenden in dem Bereich aber ein Selbstbewusstsein auf: Das Geschäft hat eine kritische Masse erreicht und könnte als eigenständiges Unternehmen glänzen. Aus Sicht der Mitarbeitenden gibt es Unsicherheiten, das ist verständlich. Aber ich glaube, wir haben gut kommuniziert.
Wie viele Menschen wären von einem Verkauf betroffen?
Weltweit sind es rund 1500, in Deutschland gut 400. Eine mögliche Umsetzung wird, wenn sie überhaupt kommt, frühestens 2025 stattfinden.
Wie läuft es bei der Homag?
Wir richten das Geschäft neben der Möbelindustrie stärker auch auf den Holzhausbau aus, indem wir die Produktionstechnik für Wohnmodule ausbauen. Wir haben Kunden aus dem Fertighausbereich, die komplette Hausmodule aus Holz vorgefertigt auf die Baustelle bringen. Das ist viel schneller als der klassische Hausbau, benötigt weniger Fachkräfte und ist zudem klimafreundlich. Auch hier geht es also um nachhaltige Automatisierung. Zwischen Homag und dem Lackieranlagengeschäft bestehen viele Berührungspunkte. Es gibt zum Beispiel ein Projektmanagementhandbuch, das für Lackieranlagen genauso gilt wie für komplette Möbelproduktionsanlagen. Das darf man nicht unterschätzen: Eine effiziente Projektabwicklung entscheidet darüber, ob Sie am Ende Geld verdienen oder nicht.
Bei den Lackieranlagen sparen Sie mittlerweile 20 Prozent der Energie ein. Was ist das nächste Ziel?
Gerade entwickeln wir ein Verfahren, das den Overspray reduziert. Künftig sollen beim klassischen Zerstäuben des Lacks 90 Prozent auf der Karosserie landen, das ist sehr viel.
Wir haben die Energiemenge, die für das Lackieren einer Karosse benötigt wird, in den letzten Jahren deutlich reduziert. Heute brauchen Sie im Schnitt pro Karosse etwa 800 Kilowattstunden. Unsere neuesten Lackierereien brauchen selbst für große Karosserien nur 400 Kilowattstunden oder weniger. Zugleich elektrifizieren wir die Energieversorgung und vermeiden Emissionen, sofern Grünstrom eingesetzt wird. Manche Kunden setzen auch schon Wasserstoff ein.
Auftragslage und Umsatz sehen gut aus. Die Aktienentwicklung sieht etwas anders aus.
Darüber sind wir auch nicht glücklich, es kommen verschiedene Faktoren zusammen: die Schwächephase bei Homag, die Skepsis am Kapitalmarkt gegenüber dem Automobilsektor und die schwierige geopolitische Lage. Zuletzt dann auch die unglückliche Idee mit Importzöllen auf importierte Autos aus China, die auch die westlichen Autohersteller trifft – das führt zu Unsicherheiten, die sich auch bei uns im Kurs widerspiegeln.
Wir haben im ersten Quartal gezeigt, dass wir im Auftragseingang gut unterwegs sind und haben auch ein gutes zweites Quartal in Aussicht gestellt. Das allein hat noch nicht gereicht. Wir müssen jetzt kontinuierlich die Performance liefern, die wir prognostiziert haben.
Neben einem Bürokratieabbau: Was brauchen Sie von der Politik, um eine gute Performance zu liefern?
Wir brauchen in Deutschland mehr positiven Spirit, ein innovationsfreundlicheres Klima und eine aktive und positive Begleitung durch die Politik.
Es gibt viele Initiativen bis hin zum Lieferkettengesetz, die an sich positiv gedacht sind. Aber diese Initiativen muss man in einen globalen Kontext stellen und so aufsetzen, dass die Unternehmen im Land nicht über Gebühr belastet werden. Zudem muss Europa selbstbewusster auftreten: Als Europäer wünsche ich mir, dass wir noch mehr das Zepter in die Hand nehmen.
Vielen Dank für das Gespräch.