Bietigheim-Bissingen: „Geburtshelfer“ der AOK im Osten

Rainer Striebel mit seiner Urkunde der Sächsischen Verfassungsmedaille.
/Oliver BürkleDas sächsische Gesundheitswesen wurde nach der deutschen Wiedervereinigung von der Pike auf maßgeblich von einem Bietigheim-Bissinger geprägt. Rainer Striebel wuchs in der Stadt an Enz und Metter auf, besuchte die Realschule im Aurain und begann seine berufliche Karriere als Auszubildender bei der AOK Bietigheim-Bissingen. Im Mai dieses Jahres wurde ihm die sächsische Verfassungsmedaille für sein langjähriges Engagement für die medizinische Versorgung des Bundeslands verliehen.
Für zunächst drei Monate sollte der damals 28-jährige Rainer Striebel nach der Wiedervereinigung 1990 dabei helfen, die AOK im Bezirk Dresden aufzubauen. „Das war eine Herkulesaufgabe“, sagt er. Aus der Kleinstadt, in der alles geregelt war, kam er in ein System, in dem er plötzlich für 300.000 Mark Büroausstattung besorgen sollte – wohlgemerkt ohne Ausschreibungen, Angebote oder sonstige bürokratischen Hürden. Einzig der Liefertermin habe gezählt, erzählt er. „Obwohl die Infrastruktur im Osten nicht ansatzweise mit dem schönen Bietigheim vergleichbar war, wollte ich nicht mehr in diese kleinteilige Welt zurück.“ Es galt, eine IT-Abteilung aufzubauen, Filialen in den Kreisen zu errichten, Mitarbeiter einzustellen. „Da war Improvisationstalent ohne Ende gefordert“, sagt Striebel, der sich erinnert, wie das erste Gehalt im Jahr 1991 noch in Bar an die Beschäftigten ausgezahlt wurde. Bereits nach einem halben Jahr waren rund eine Million Menschen bei der AOK Dresden versichert – völlig andere Dimensionen, als er sie aus dem beschaulichen Kreis Ludwigsburg kannte.
Zahlreiche Herausforderungen
Die Herausforderungen waren entsprechend vielfältig. Striebel erinnert sich, wie die AOK in den Anfangsmonaten Zahlungen von Firmen erhielt, die sich überhaupt nicht zuordnen ließen. 400 Millionen Mark kamen auf diese Weise innerhalb von sechs Monaten zusammen. Und auch die nicht synchronen Zahlungssysteme von DDR und BRD sorgten demnach für einige Schwierigkeiten. „Es wurde klar: Wir waren nicht auf eine Deutsche Einheit vorbereitet. Es gab keine Pläne in der Schublade.“
Deshalb habe man bei der Angleichung der Gesundheitssysteme auch Fehler gemacht. Als Beispiel nennt er die Polikliniken der DDR, die verschiedene medizinische Fachrichtungen unter einem Dach gebündelt hatten. Diese wurden zunächst zerlegt, ehe man vor einigen Jahren wieder begonnen habe, vergleichbare Versorgungszentren zu entwickeln. „Wir hätten die Einheit als Chance begreifen müssen, Dinge möglicherweise anders zu machen. Diese Debatte wurde mangels Zeit aber nicht geführt“, sagt Striebel heute.
Der Bietigheim-Bissinger erklomm in den Folgejahren Stück für Stück die Karriereleiter. 2014 wurde er Vorstandsvorsitzender der AOK Plus – der Fusion der AOK Sachsen und Thüringen. Dieses Amt übte er bis zu seinem Ruhestand Ende 2025 aus.
Andere Probleme als im Westen
Es sei ihm immer um Lösungen für Probleme gegangen. Diese seien im Osten teilweise ganz anders gelagert gewesen als im Westen. So führte die starke Abwanderung vor allem junger Frauen zu einer alternden Bevölkerung und einem Rückgang der Geburtenzahlen. Für den Gesundheitssektor bedeute dies, dass einerseits Fachkräfte fehlten, andererseits aber mehr ältere Menschen versorgt werden müssten. Striebel plädiert dafür, im Osten neue Versorgungskonzepte auszuprobieren, die dann womöglich auch im Rest Deutschlands Anwendung finden könnten. Er glaubt etwa, dass die Telemedizin in Zukunft eine deutlich größere Rolle spielen wird. Eine Konzentration der Krankenhäuser, wie sie vom ehemaligen Gesundheitsminister Karl Lauterbach auf den Weg gebracht wurde, begrüßt er. Trotz weiterer Wege würde sich dadurch die Versorgung verbessern.
Seine AOK habe verschiedene neue Versorgungsmodelle entwickelt, sagt Striebel, dem die Begeisterung für das Thema sichtlich anzumerken ist. Unter anderem das Projekt „Armin“, dass die Kommunikation zwischen Ärzten und Apotheken fördern sollte. Bei den rund 300.000 Versicherten, die täglich mehr als fünf Medikamente einnehmen müssen, habe man in der achtjährigen Projektphase so eine signifikante Reduzierung der Sterblichkeitsquote erreicht. Und auch die Notfallversorgung in Sachsen, für die kein Akteur offiziell verantwortlich war, haben die Krankenkassen gemeinsam geschultert. „Ich habe oft erlebt, dass Krankenkassen zu sehr auf das Geld achten und sparen wollen. Aber das bringt nichts, wenn die bestehenden Versorgungsdefizite den Menschen bei ihren gesundheitlichen Problemen nicht sinnvoll helfen.“ So habe man Stipendienprogramme für Medizinstudenten finanziert oder die Versorgung von Frühgeborenen verbessert. Frei nach dem Motto: „Nicht jammern, sondern helfen, dass es besser wird.“
5000 Menschen beim Abschied
Dass er für seine Arbeit einmal ausgezeichnet werden würde, habe er sich nie träumen lassen. Doch im Mai dieses Jahres verlieh ihm der – übrigens in Bietigheim-Bissingen geborene – sächsische Landtagspräsident Alexander Dierks die Sächsische Verfassungsmedaille. Für Striebel sei das ein Bonus gewesen. Wichtiger sei ihm die Anerkennung seiner Mitarbeiter gewesen: Zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand waren rund 5000 AOK-Beschäftigte gekommen.
„Ich habe die AOK im Osten vom ersten Tag an erlebt, war sozusagen ein bisschen Geburtshelfer.“ Aus zunächst drei Monaten in Dresden wurden mittlerweile 36 Jahre. Seine Heimatbesuche bei der Familie verbindet der sportbegeisterte 64-Jährige gerne mit Stadionbesuchen beim VfB Stuttgart. Und wenn die Bietigheim Steelers oder die Handballer der SG BBM in Dresden spielten, dann habe er doch immer auch für die Gäste gejubelt.
