Bietigheim-Bissingen: Schwäbischer Spiderman zieht die Fäden

Udo Geiger mit dem Chitinpanzer einer Spinne: der Rest nach einer Häutung.
/Martin KalbAcht behaarte Beine – mehr braucht es nicht, um den meisten Leuten eine Heidenangst einzujagen. Die Rede ist von Spinnen, genauer Vogelspinnen. „Den meisten sind die Bewegungen suspekt, die Art, wie sich bewegen“, weiß der Bissinger Udo Geiger, Feuerwehrmann bei der Werkfeuerwehr Bosch, Forschungscampus Renningen, und bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bissingen. Woher er das so genau weiß? Geiger wird als Vater von fast 30 Spinnen als „Schwäbischer Spiderman“ gehandelt, ein Experte in Sachen Arachnologie.
Vor 38 Jahren kam er zu seinem ersten Exemplar, einer Weißknievogelspinne, in Fachkreisen als „Acanthoscurria geniculata“ bekannt, und verliebte sich direkt in die haarigen Achtbeiner. „Spinnen leben in ihrer eigenen Sinneswelt und nehmen ihre Umwelt über ihre Haare wahr, das ist total faszinierend“, erklärt der Spinnen-Flüsterer, der bei Feuerwehreinsätzen im ganzen Landkreis stets hinzugerufen wird, wenn eine Spinne für Aufsehen sorgt.
So auch, als vor ein paar Jahren in Eglosheim angenommen wurde, dass sich eine giftige Bananenspinne in einem Supermarkt eingenistet hatte – letztlich handelte es sich um eine Riesenkrabbenspinne, die für Menschen ungefährlich ist. Diese erhielt übrigens bis zu ihrem Lebensende Asyl bei Geiger, welcher sie auf den Namen „Fridolin“ taufte.
Durch sein Wissen, welches er sich über die Jahre selbstständig angeeignet hat, hält er seit zehn Jahren Seminare, um das Personal bei den Berufsfeuerwehren und Freiwilligen Feuerwehren zu schulen. „Sind die Leute erst einmal aufgeklärt, fällt die Angst in der Regel auch weg – und je größer die Spinne ist, desto ungefährlicher ist sie“, erzählt der schwäbische Spiderman aus Bissingen im Gespräch mit der BZ.
Asyl für Nosferatu-Spinnen
Unter den vielen Vogelspinnen in den Terrarien, die Geiger bei sich zuhause beherbergt und füttert, finden sich auch zwei Nosferatu-Spinnen, die von Fachleuten als „Zoropsis spinimana“ bezeichnet werden. Diese habe er überraschend in seiner Wohnung entdeckt. Nun päppelt er sie auf, bevor er die populären Nosferatus wieder in die Natur entlässt. Wie gefährlich diese Spinnen sind? „Natürlich können sich die Nosferatus durch die Haut beißen, aber der Biss ist gerade einmal so giftig wie der Stich einer Wespe“, erklärt der Bissinger. Aber: „Die Wespe ist gefährlicher, denn die kann hinterherfliegen, das kann eine Spinne nicht“, meint er.
Grundsätzlich seien Spinnen weniger angriffslustig, wenn es um Menschen geht. „Sie sehen, dass der Mensch größer ist, und beißen eigentlich nur, wenn sie sich bedroht fühlen“, erklärt Geiger. Typisch für Vogelspinnen ist, dass sie beispielsweise ihren Bauch zeigen, wenn er gelb ist – denn die Farbe bedeutet in der Tierwelt „gefährlich“, so der Bissinger. Dazu kommt der obligatorische Schlag nach vorne mit einem der Vorderbeine – bedeutet nämlich so viel wie: „Ich werde dich angreifen, wenn du mir näher kommst“. In der Regel folgt erst dann der Biss, bevor die haarigen Kleintiere schnell abhauen.
Der Favorit unter seinen Schützlingen war eine schwarze Uruguay-Vogelspinne – die „Grammostola pulchra“ – die allerdings vor ein paar Tagen im Alter von 14 Jahren verstorben ist. Ihr Name war Velvet. Was Geiger an der Spinnendame so geschätzt hat, war ihre ruhige Art. Auch wenn er seine Spinnenkinder nicht aus den Terrarien holt, – für die Spinnen bedeutet das Stress – konnte er mit Velvet beinahe spielen. Wenn man sie leicht anstubste, wackelte und tänzelte sie mit dem Bein. Eine eher aggressive Art ist die „Theraphosa blondi“ – von Geiger nur als „Blondi“ bezeichnet. Das Weibchen bringt es derzeit auf 12 Zentimeter, wird aber bis zu 30 Zentimeter Beinspannweite erreichen, wenn sie einmal ausgewachsen ist. „Dann besorge ich auch ein größeres Terrarium“, sagt Geiger und lacht.
„Step“ – nur einen Schritt
Hin und wieder werde er bezüglich der Terrarien gefragt, ob diese nicht zu klein seien. Tatsache ist, dass sich die meisten Spinnen kaum bewegen – manche sitzen zum Beispiel die ganze Zeit nur auf einem Stein, das konnte Geiger bereits bei einer seiner Spinnen beobachten. Die Terrarien sind zudem auf die Spinnenart zugeschnitten. So gibt es beispielsweise Boden–, Baum und Röhrenspinnen, dahingehend sind auch seine Terrarien konzipiert.
Seine Schützlinge haben aber alle so ihre Eigenheiten – wie etwa „Step“. Warum ausgerechnet dieser Name? Die brasilianische Riesenvogelspinne „Lasiodora parahybana“, die Geiger übrigens aus dem Tierheim Stuttgart geholt hat, heißt so, weil sie immer nur einen Schritt macht. Nämlich aus ihrer Höhle, wenn es Futter gibt, und zurück in die Höhle, wenn sie gefuttert hat.
Doch was essen Vogelspinnen überhaupt? „In der Natur fressen Spinnen eigentlich alles, was sie überwältigen können“, erklärt Geiger. In der Regel sind das Insekten, Heimchen, Schaben und ab und zu mal Schwarzkäfer-Larven. Zur Not würden Spinnen allerdings auch ihresgleichen essen. Die einzigen Exemplare, die Geiger zusammen halten kann, sind seine blauen Jemen-Vogelspinnen – die „Monocentropus balfour“. „Diese haben ein Sozialverhalten“, erläutert der Feuerwehrmann. Aktuell sind es zwei Weibchen und ein Männchen. Der große Vorteil aber ist: Spinnen können bis zu einem Jahr ohne jede Nahrung auskommen. Die Haltung sei deswegen nicht so kostenintensiv, wie man bei 27 Spinnen annimmt. „Etwa 20 bis 30 Euro gebe ich monatlich für die Kleinen aus“, sagt Geiger.
Alle Spinnen, die der Spiderman aus Bissingen beherbergt, seien juristisch zur Haltung zugelassen, betont er. Und was seine Frau von seiner Leidenschaft hält? Nun, auch sie ist ein großer Spinnen-Fan – einige der Achtbeiner seien auch ihre Schützlinge. „Sie mag die ruhigen ganz gerne“, so Geiger.
Für Neugierige: Der schwäbische Spiderman ist Mitglied beim Vogelspinnen-IG Esslingen. Geiger und sein Verein werden mit einem Infostand auf der Stuttgarter Animal-Messe am Samstag und Sonntag zugegen sein, um alle Fragen rund um Arachnologie zu beantworten. Und auch Spinnen werden ausgestellt sein.







