Bietigheim-Bissingen
: Bahnstrecke steht seit 75 Jahren unter Strom

Am 6. Oktober 1951 fuhr der erste elektrisch betriebene Zug über das Bietigheim-Bissinger Viadukt und nahm damit den elektrifizierten Streckenabschnitt nach Mühlacker in Betrieb.
Von
Martin Hein
Bietigheim-Bissingen
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Anfang der 1950er-Jahre wurden die Bahnstrecken rund um Bietigheim elektrifiziert. 1950 zunächst die Gleise zwischen Ludwigsburg und Bietigheim, ein Jahr später weiter bis nach Mühlacker.

BZ-Archiv

Wer am 6. Oktober 1951 an den Bahnhöfen zwischen Bietigheim und Mühlacker stand, erlebte ein Stück Eisenbahngeschichte zum Anfassen. Mit Musikkapellen und feierlichem Empfang wurde an diesem Tag die Elektrifizierung der Strecke eingeweiht. Es war der Startschuss für eine neue Ära des Reisens in der Region.

Damals wie heute ging es auch beim Thema Eisenbahn um das liebe Geld. Trotz der sehr angespannten Finanzlage der Deutschen Bundesbahn (DB) wurde vor 75 Jahren die Bahnstrecke Bietigheim – Mühlacker elektrifiziert. Ein Jahr zuvor fuhr der erste elektrische Zug von Ludwigsburg bis Bietigheim. Damit wurde auf dem Schienennetz der DB allmählich das Ende der Ära der Dampflokomotiven eingeläutet. Zunehmend wurden die Dampfloks durch modernere und schnellere Elektrolokomotiven ersetzt.

Kürzere Fahrtzeiten

Elektrisch fahren bedeutete eine Verkürzung der Fahrzeit. So benötigte 1951 ein Personenzug, der von einer Dampflokomotive gezogen wurde, von Mühlacker bis Stuttgart mit Halt an allen Bahnhöfen 95 bis 100 Minuten. Mit den moderneren und leistungsfähigeren Elektrolokomotiven verkürzte sich die Reisezeit eines Personenzuges mit Halt an allen Bahnhöfen auf 77 bis 80 Minuten. Verspätungen waren im Gegensatz zu heute damals eher die Ausnahme.

Der Ausbau der etwa 24 Kilometer langen Bahnstrecke von Bietigheim bis Mühlacker war ein Kraftakt. Täglich verkehrten etwa 300 Züge auf dieser Strecke. Trotz der hohen Zugzahlen wurden während des Verkehrs die Masten entlang der Strecke aufgestellt, die Oberleitungen gezogen und Arbeitszüge zu den Baustellen ausgeführt. Zugverspätungen seien dadurch nur in den seltensten Fällen entstanden, vermeldete die DB stolz. Die Bundesbahn modernisierte dabei auch alle an dieser Bahnstrecke liegenden Bahnhöfe. Telefon und Stromkabel durften in der Nähe der Oberleitung nicht mehr frei auf Masten verlegt sein, deshalb wurden die alten Holzmasten für die Beleuchtung durch Betonmasten ersetzt.

Bahnhof modernisiert

Auch der Großsachsenheimer Bahnhof, der nun auch an der elektrifizierten Bahnstrecke lag, wurde richtig herausgeputzt. Der Bahnsteig 2 erhielt einen neuen Teerbelag, die Vorhalle des Bahnhofs ein neues Dach und eine in der Nacht schön leuchtende Uhr wurde angebracht. Mit dieser neuen Uhr sei ein alter Wunsch der Reisenden in Erfüllung gegangen, berichtete der Enz- und Metter-Bote am 6. Oktober 1951. Das Elektrifizierungsprogramm, das von Stuttgart bis Mannheim umgesetzt werden sollte, kostete damals die stolze Summe von 100 Millionen Mark, einschließlich der Beschaffung von 24 Elektroloks und zwölf Triebwageneinheiten.

Am Samstag, 6. Oktober 1951, war es endlich soweit. Ein mit grünen Girlanden geschmückter elektrischer Sonderzug fuhr vormittags auf dem Bietigheimer Bahnhof ein. Die Kapelle des Musikvereins Bahnhof (den gab es damals wirklich) begrüßte den Sonderzug. Alles was Rang und Namen hatte, war an Bord des Sonderzuges und machte in Bietigheim Halt. Dazu gehörten der Vizepräsident der Bundesbahn Hermann Stroebe, Ministerpräsident Reinhold Maier und Landtagspräsident Wilhelm Keil, um nur einige zu nennen. Die prominenten Gäste begrüßte Bürgermeister Karl Mai in Bietigheim. Bietigheim sei nun Ausgangspunkt zu einem weiteren glücklich vollendeten Teilstück, freute sich Mai. Nach einem kleinen Imbiss fuhr der Zug weiter und erreichte bereits nach vier Minuten Großsachsenheim.

Große Freude in den Kommunen

Ein Schülerchor unter der Leitung von Oberlehrer Fritz Naser begrüßte die honorigen Fahrgäste. Schülerinnen der Landfrauenschule kredenzten den Gästen eine Erfrischung. Der Großsachsenheimer Bürgermeister Paul Roller gab seiner Freude Ausdruck, dass besonders der Berufsverkehr eine starke Entlastung erfahre, indem auch die Fahrzeiten verkürzt würden. Roller hoffte zudem, dass künftig nicht mehr viele der Berufstätigen nur mit Stehplätzen an ihren Arbeitsort befördert würden.

Auch am Vaihinger Bahnhof wurde die Ankunft des Zuges groß gefeiert. Ministerpräsident Reinhold Maier durfte sich aus dem 250 Jahre alten Ehrenpokal der Vaihinger Bäckerzunft einen Willkommenstrunk genehmigen. Eine Schülergruppe führte in historischen Trachten einen Flößertanz auf, dann fuhr der Zug weiter nach Illingen. Auch dort wurden die Gäste freudig empfangen und verköstigt.

Der Enz- und Metter-Bote berichtete, dass eine unübersehbare Menschenmenge den geschmückten Zug schließlich im Mühlacker Bahnhof begrüßte. Eine Fahnenwand, umgeben mit Grünschmuck und Girlanden sei errichtet worden und wurde vom Spalier festlich gekleideter Kinder flankiert.

Verbesserung für Berufsverkehr

Der erst kurz zuvor gewählte Mühlacker Bürgermeister Erich Fuchslocher würdigte zunächst die Bedeutung des Bahnhofs für Mühlacker und betonte, wie zuvor sein Großsachsenheimer Amtskollege, die bedeutende Verbesserung des Berufsverkehrs durch die Elektrifizierung an. Ministerpräsident Reinhold Maier lobte die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Bundesbahn und Landesregierung sowie alle beteiligten Dienststellen und den unerschütterlichen Fleiß der Arbeiterschaft.

In würdiger Form fand so der Einweihungstag der elektrifizierten Eisenbahn-Teilstrecke Bietigheim-Mühlacker in der dortigen Uhlandhalle seinen, wie es hieß, harmonischen Ausklang.