Bahnhof Sachsenheim
: Warten auf eine zeitgemäße Station

Seit Jahrzehnten fordern Stadt und Bürger die Barrierefreiheit am Bahnhof Sachsenheim. Ein Aufzug wird es laut der DB frühestens Ende 2031 geben.
Von
Bigna Fink
Sachsenheim
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Für Mütter mit Kinderwagen eine Herausforderung. Hier hilft Elke Bauernfeind (links) aus Sachsenheim 2023 einer anderen Mutter, ihren Kinderwagen hoch zum Bahnsteig zu tragen.

/Martin Kalb

Insgesamt 29 Stufen führen relativ steil die einzige Treppe hoch zu den Gleisen des Bahnhofs Sachsenheim. Es gibt weder einen Aufzug noch eine Rampe. Rollstuhlfahrer, Familien mit Kinderwagen, allgemein Menschen mit Mobilitätseinschränkung brauchen am Sachsenheimer Bahnhof Hilfe von anderen Menschen, um zu den Zügen oder vom Gleis in die Stadt zu gelangen. Warum die fast 20.000 Einwohner zählende Stadt noch keinen barrierefreien Bahnhof hat und der Bau eines Aufzugs noch mindestens sechs Jahre dauern soll, ist für viele Betroffene unverständlich. Die BZ hat bei Stadt und Deutscher Bahn (DB) deshalb nachgefragt.

Die Deutsche Bahn ist die Eigentümerin der Verkehrsstation. Die Stadt selbst kann im Prinzip nichts bezüglich einer Baubeschleunigung machen, bestätigt die DB. „Der barrierefreie Bahnhof ist nach wie vor das Wunschziel der Stadt“, betont Arved Oestringer, Sprecher der Stadt Sachsenheim und fügt hinzu: „Wir drängen die Deutsche Bahn seit Jahrzehnten und setzen uns auf allen Ebenen dafür ein, den Ausbau schnellstmöglich zu erreichen.“ Das Kernthema sei der fehlende Aufzug, so Oestringer weiter, „und das ist für Menschen mit Einschränkung äußerst problematisch.“ Beschweren würden sich hauptsächlich Leute, die nicht ganz so oft in der Stadt sind und vom Gleis nicht wegkommen.

Planungen haben 2023 begonnen

Jan Freitag kennt sich bei der Deutschen Bahn am besten mit dem Thema „Barrierefreier Ausbau des Sachsenheimer Bahnhofs“ aus. Er ist Leiter Vertrieb Mobility Südwest der DB InfraGo, der 2024 gegründeten Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn AG, die für die gesamte Infrastruktur des Bahn-Konzerns verantwortlich ist. Er versucht der BZ zu erklären, warum der barrierefreie Ausbau des Bahnhofs Sachsenheim so lange dauern soll.

2023 hat die DB mit dem Landesverkehrsministerium einen Vertrag zur Finanzierung der Planungen in den Leistungsphasen 1 bis 4 für die Bahnhofsmodernisierung in Sachsenheim unterzeichnet. Dies sei ein Zeichen, dass es voran gehe, so Freitag, „darüber sind wir sehr froh.“ Die gesamte Verkehrsstation soll dann innerhalb von zwei Jahren, aber eben erst mit Start in den 2030ern, barrierefrei modernisiert werden. Der Ausbau beinhaltet den stufenfreien Zugang zu den Gleisen mit einem Aufzug und den Neubau der Bahnsteige auf eine zu den Zügen passenden Höhe sowie ein Leitsystem für Blinde und Sehbehinderte, unter anderem mit Handlaufbeschriftungen in der Punktschrift Braille. Nach einer internationalen Ausschreibung habe ein Planungsbüro in Dresden das Projekt für den Ausbau des Sachsenheimer Bahnhofs in der Hand, informiert Freitag.

Drei Jahre für Förderanträge

Bis zum Abschluss des Bauprojekts gebe es neun Planungsphasen, so Freitag. Ende diesen Jahres sollten die Phasen 1 bis 2 abgeschlossen sein. In den Planungsphasen 3 und 4 komme es zur konkreten Kostenberechnung und Planungsgenehmigung beim Eisenbahnbundesamt, der Aufsichtsbehörde für Eisenbahnen in Deutschland. Erst dann, wenn die Finanzpläne stehen, etwa im Jahr 2028, beginne die „sehr lange und umfangreiche Förderantragstellung“ für Finanzhilfen des Bundes im Rahmen des GVFG (Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes), um die Verkehrsverhältnisse der Gemeinden zu verbessern. Drei Jahre dauere es, diese Anträge beim Bundesverkehrsministerium einzureichen, zu prüfen und dann hoffentlich das Geld für den Bau am Bahnhof zugesagt zu bekommen.

Nicht nur der Sachsenheimer Bahnhof sei bezüglich seiner Hindernisse mit all seinen Stufen betroffen. „Wir betreiben in Baden-Württemberg rund 700 Verkehrsstationen“, so Freitag, Vertriebsleiter DB InfraGO. „Es ist eine Frage der zur Verfügung stehenden Finanzmittel.“

Bis Ende 2029 sind 300 Millionen Euro von DB, Land und Kommunen im Rahmen des Bahnhofsmodernisierungsprogramm Baden-Württemberg II (BMP II) Deutschland vorgesehen. „Wir können nur Schritt für Schritt vorgehen“, so Freitag.

Walheims Gleise bald barrierefrei

Die, die in das BMP II aufgenommen wurden, sind bezüglich verschiedener Parameter ihres Zustands klassifiziert worden. In Baden-Württemberg sind an 47 Bahnhöfen der DB InfraGO AG zwischen Anfang 2025 und Ende 2029 der stufenfreie Bahnsteigzugang, die modernen Regelhöhen und/oder die Umsetzung der Kriterien der „weitreichenden Barrierefreiheit“ vorgesehen“, heißt es im aktuellen, fünften Programm zur Barrierefreiheit der Deutschen Bahn AG.

Dabei sind Walheim und Bietigheim-Bissingen, „für Sachsenheim waren bisher keine Mittel vorhanden“, so Freitag. So soll in Walheim 2026 die gesamte Verkehrsstation erneuert, die Bahnsteige auf Zughöhe gebracht und das Blindenleitsystem installiert werden.

„Jetzt dauert es leider noch ein paar Jahre“. Für alle Betroffenen sei das nicht schön, bedauert Freitag. „Wir arbeiten intensiv daran und sind mit der Finanzierung des Landes auf einem guten Weg.“ Die gesamte Infrastruktur der deutschen Bahnhöfe zu erneuern sei eine Mammutaufgabe, so Freitag. Alternativen bis zum Aufzug in den 2030er-Jahren wie Schieberinnen seien aus Sicherheitsgründen bei der Bestandstreppe keine Option, so Freitag.

Hilfen für Geheingeschränkte

Es bleibt also dabei, dass in den nächsten mindestens sechs Jahren geheingeschränkte Menschen nur mit Hilfe anderer Menschen zu den Gleisen kommen.

Mit etwas Vorlaufzeit hilft auch die Mobilitätsservice-Zentrale (MSZ). Man könne sich dort anmelden, informieren und beraten lassen, empfiehlt Freitag. Die MSZ bietet Ein-, Um- sowie Aussteigeservices, etwa mittels Hublift für den Rollstuhl, und gibt Reiseauskünfte, die sich an den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen orientieren. Freitag rät auch zur Webseite www.bahnhof.de mit der Übersicht über die Stationen, deren Aufzüge intakt und deren Gleise stufenfrei erreichbar sind.

Scharfe Kritik vom Bundesrechnungshof und dem Behindertenbeauftragten

Nicht nur Sachsenheims Bahnhof ist barrierevoll: Laut DB sind zwölf Prozent der Gleise noch nicht stufenfrei erreichbar. Im Juli hatte der Bundesrechnungshof gegen das Verkehrsministerium scharfe Kritik geübt. Förderprogramme würden mangelhaft umgesetzt und forderte in einem Bericht, den Ausbau der Barrierefreiheit an Bahnhöfen besser zu planen und zu finanzieren.

Auch der Behindertenbeauftragte des Bundes Jürgen Dusel kritisierte in einem Bericht des Recherchezentrums Correctiv, dass rund 3500 Bahnhöfe im Land nicht barrierefrei sind, und der Ausbau nicht konsequent vorangetrieben wird: „Wenn man sich anschaut, wie lange es dauern soll, bis alle Bahnhöfe barrierefrei sind – das ist ein unüberschaubarer Zeitraum.“ Bleibe es bei dem jetzigen Tempo der DB, dauere es noch rund 35 Jahre, bis das Ziel der Barrierefreiheit erreicht sei.