Altweibernächte Tripsdrill: Todesangst und jede Menge Leichen

Auf dem Schauerhof treiben Gestalten rund um die Themen Bauernhof, Landwirtschaft und Forst ihr Unwesen. So auch dieser Angler mit Kescher und ein Wengerter, der als Sklave gehalten zu werden scheint.
/Martin KalbWillst du mal probieren?“, fragt die Frau mit dem irren Blick, lutscht den Schnuller ab und bietet ihn dem Gegenüber an. Sie ist ganz in weiß gekleidet, genau so, wie man sich die Kleidung für Patienten in einer Nervenheilanstalt vorstellt, die direkt aus einem Albtraum entsprungen ist.
Noch bevor man den Schnuller dankend ablehnen kann, hält ein anderer Patient einem ein Büschel ausgerissener Haare vor das Gesicht. Dann hüpft er, das Büschel in der Hand, von Pflegebett zu Pflegebett, durch den Raum. Die Patienten wurden eingewiesen in die Nervenheilanstalt „Sanatorium Mühlbach“, auch „Klapsmühle“ genannt. Sie ist eines der vier Grusellabyrinthe bei den schaurigen Altweibernächten, die an den beiden vergangenen Wochenenden im Freizeitpark Tripsdrill in Cleebronn veranstaltet wurden. Die Grusellabyrinthe wurden vom Schauspielverein „Maismaze“ aus Leonberg umgesetzt. Er hat sich auf Horror- und Gruselevents spezialisiert.
Das jährliche Event in Tripsdrill, das es seit 2014 gibt, ist nicht das einzige seiner Art: Im Europa-Park in Rust gab es bereits seit 2007 die „Horror Nights“, die vor zehn Jahren von „Traumatica“ abgelöst wurden. Auch die „Halloween Fright Nights“ im Plopsaland in Haßloch bestehen schon seit 2015. Beide Freizeitparks berichten von einem kontinuierlich steigenden Interesse der Besucher an den Gruselevents.
Aufgebaut in großen, von außen nicht einsehbaren Zelten, gibt es bei den Altweibernächten vier Grusellabyrinthe. In diesem Jahr kam zu „Unter die Haut“, „Mit allen Wassern gewaschen“ und „Klapsmühle“ das neue Labyrinth „Zimmer frei“ dazu. Neben den Grusellabyrinthen sind am Abend auch ausgewählte Attraktionen wie die Achterbahnen Karacho und Mammut geöffnet.
Mit der Kettensäge auf Jagd
Auf dem „Schauerhof“, dem Bereich vom Eingang zur Mammutachterbahn bis zum Wasserspielplatz, werden Besucher auch außerhalb der Grusellabyrinthe von aufwendig verkleideten Schauspielern erschreckt und gejagt. Sie machen sich die schlechte Sicht durch zahlreiche Nebelmaschinen zunutze. So können sie wie aus dem Nichts auftauchen: Eine Vogelscheuche versperrt plötzlich den Weg und holt mit ihrer Axt aus. Ein Schwein mit Metzgerschürze, dem abgehackte Hände an einer Kette um den Hals hängen, ein im Blutdurst herumrennender Mann mit Kettensäge, eine Krähengestalt und ein Jäger, dessen Hund Besucher angreifen will, erscheinen aus der Dunkelheit. Sie erschrecken zwar gerne, schäkern aber auch und posieren für Fotos. Die Tickets für die Veranstaltung haben 27,50 Euro gekostet. Für den Blitz-Pass, mit dem man pro Labyrinth einmal an der langen Schlange vorbei direkt zum Eingang darf, zahlt man 48,50 Euro.
Das Labyrinth „Zimmer frei“ spielt im Grand Hotel. An der Rezeption wird man in Empfang genommen, dann geht es mit dem Aufzug tief nach unten. Durch ein Hotelzimmer mit einer wimmernden Frau geht es ins Badezimmer, das einem Tatort gleicht. Auf den strahlend weißen Fliesen ist überall Blut, aus einer Ecke kommt ein entstelltes Gesicht hervor. Ein schwarz gekleideter Mann bietet in der Küche des Hotels den Rattenschwanz der Ratte in seinen Händen zum Essen an. Die Ausrede, man sei Vegetarier, funktioniert nur bedingt. „Ja, das sagen sie alle“, ruft der Rattenmann bedrohlich. Im Heizkeller des Hotels ist alles voller Dampf. Maschinen erzeugen donnernden Lärm; hinter einer klatschen, schreien und lachen die Hotelmitarbeiter höhnisch. Sie rennen einem nach, eilen voraus und versperren den Weg, kapseln einzelne Besucher von ihrer Gruppe ab und drängen sie in Ecken.
Eine andere Art von Unbehagen, weniger durch Erschrecken und mehr durch ein unangenehmes Grundgefühl, löst das Grusellabyrinth „Unter die Haut“ aus, das durch das Waschhaus, den Wartebereich des Waschzuber-Raftings, läuft. „Schritt für Schritt, und keiner kam zurück“, säuselt die Frau im langen Umhang, die einen hier begrüßt. Zwischen Unmengen an seltsam entstellten Puppen rennen noch seltsamer verkleidete Gestalten umher. Sie tragen Masken, die an Ed Gein erinnern, und erzeugen ohrenbetäubenden Lärm, indem sie eine Stange am Stahlgeländer entlangrattern lassen, während sie durch die Gänge rennen. Ein kaltes Klimpern kommt aus dem Raum, in dem ein Mann eine Eisenkette durch Wasser zieht. Über ihm hängen leblose Körper wie Schweine zum Ausbluten von der Decke. Über Wäscheleinen hängen Hautfetzen zum Trocknen. Um die nächste Ecke findet man abgetrennte Körperteile in Waschmaschinen vor. Langsam wird klar, was hier vor sich geht. Die Puppen sind an der Macht, und sie brauchen Haut. Aber nicht irgendwelche: Auch die Besucher werden beim Gang durch das Labyrinth beäugt, es werden junge Mädchen mit hübscher Haut gesucht.
Saunagang mit Toten
Leblose Körper gibt es auch im Grusellabyrinth „Mit allen Wassern gewaschen“ zu genüge. Kaum hat man das Zelt, auf dem sich an der Außenseite eine Wasseroberfläche mit sanften Wellen spiegelt, betreten, wird es auf einmal sehr warm und stickig. Mitten in eine Sauna führt der Weg, doch die, die hier einmal geschwitzt und entspannt haben, liegen nun reglos in ihren Bademänteln auf den Sitzbänken. Für die Besucher gibt es ein paar Spritzer Wasser zur Abkühlung, dann erreicht man den Jungbrunnen – auch wenn keine der Gestalten mehr so richtig frisch aussieht. Die Meeresungeheuer sind mit Algen und Seetang behangen, ihre Haut ist dunkelgrün, ihre Finger sind aufgequollen. Von der Decke hängende Filzstreifen simulieren lange Wasserpflanzen, ab und zu versperrt ein Wassermonster den Weg. Trotzdem geht es in diesem Labyrinth eher ruhig zu – im Vergleich zur „Klapsmühle „oder auch dem Hotel.
Unter panischen Irren
Wer sich das Grusellabyrinth „Klapsmühle“ von innen ansehen will, wird schneller als gedacht selbst zum Patient. Denn in Empfang genommen wird man im ersten Raum des Zelts von Doktor Tinnitus, der einen Hörtest vornimmt. Es besteht ihn niemand, und ehe man sich versieht, wird man in die eingewiesen. Nach der Frau mit dem Schnuller und dem Mann mit dem Haarbüschel erkennt ein weiterer Patient, der unbedingt aus der Anstalt möchte, seine Chance. Er hängt sich an einen Besucher der Gruppe und lässt sich eine ganze Weile nicht mehr abschütteln, egal, ob man vor ihm wegrennt oder kreischt. Zumal das eigene Kreischen sowieso von dem der Insassen übertönt wird.
Im Leichenraum, in dem leblose Körper, eingepackt in Mülltüten, von der Decke baumeln, wirft sich eine panische Patientin schreiend an eine Glasscheibe. Hat man sich zwischen den Leichen hindurchgekämpft, bedrängt einen nun eine Gestalt in Zwangsjacke. Ihr Mund ist zugenäht, ihre Augen sind umso weiter aufgerissen. Während sie in der „Klapsmühle“ gefangen bleibt, kommt der Besucher irgendwann durch den letzten Türvorhang wieder ins Freie, wo sich die beim Schauerhof herumtreibenden Gestalten und die dunkle, in Nebel gehüllte Umgebung im Vergleich zur „Klapsmühle“ wie ein erleichtertes Aufatmen anfühlen.
