Abfallentsorgung im Kreis Ludwigsburg: Altpapiersammlungen vor dem Aus?

20 Jahre hat die Jugend der SG BBM in Bissingen Altpapier gesammelt. ⇥
Martin KalbMehr als 20 Jahre lang hat die Handballjugend der SG BBM (Sportvereinigung Bissingen) bis zu sechs Mal im Jahr Altpapier gesammelt, um die Vereinskasse aufzubessern. Ab sofort ist damit Schluss. Die Sammelcontainer sind abbestellt. „Zuletzt haben wir pro Tonne immer weniger Geld vom Verwerter bekommen. Nun mussten wir befürchten, sogar noch etwas bezahlen zu müssen, um unser Altpapier loszuwerden“, sagt Wolfgang Heyd, der die Aktion bislang unermüdlich organisiert hatte. Wie viel der Verein in guten Zeiten damit verdient hat, möchte er nicht sagen. Ein Minusgeschäft jedenfalls werde es nicht geben.
Tradition wird eingestellt
Im Landkreis ist der Abfallentsorger Alba Süd GmbH & Co. KG mit Sitz in Waiblingen Partner der Vereine für die Altpapiersammlung. Geschäftsführer Michael Stutz bestätigt zwar nicht, dass sein Unternehmen von den Vereinen Geld verlangt anstatt welches auszuzahlen. Er spricht vielmehr von einer „schönen Tradition, die wir mit großem Bedauern einstellen müssen“. Seit einigen Jahrzehnten habe das Unternehmen die Vereinssammlungen unterstützt, „obwohl sich dies finanziell für Alba nicht recht gelohnt hat“, so Stutz. Zusätzlich zu den Zahlungen an die Vereine fielen dem Unternehmen Kosten für die Mitarbeiter, die Sortierung, die Fahrzeuge und Anlagen an. Durch den aktuell starken Preisverfall würden nun sogar Verluste durch die Vereinssammlung entstehen, stellt er fest. Die Erlöse liegen nach seinen Angaben „inzwischen unter jenen 45 Euro, die wir allein schon an die Vereine auszahlen“. Daher habe Alba nun die Reißleine gezogen: keine Geschäfte mehr mit Vereinen.
Im Landkreis wurden 2018 laut Auskunft eines Sprechers des Landratsamts insgesamt 43 669 Tonnen Altpapier gesammelt. Davon seien 2783 Tonnen von Vereinen abgeliefert worden. Insgesamt sind die Vereine sammelmüde geworden: 2010 hatten sie noch knapp 4000 Tonnen abgegeben. Papierabfälle aus den Haushalten holt die Entsorgungsfirma Suez ab, die im Landkreis für den Abtransport des Recyclingmülls zuständig ist. Für vergangenes Jahr liegen noch keine abschließenden Zahlen vor. Die Abfallbilanz 2019 werde derzeit erstellt, so der Sprecher.
Die Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises (AVL) sieht die Gründe für den rasanten Preisverfall innerhalb weniger Monate in den „hohen Lagerbeständen und hohen Sammelmengen“. Erschwerend sei, dass die Exportmöglichkeiten – insbesondere nach China – weiter stark eingeschränkt seien. Das Land war bisher der mit Abstand größte Abnehmer von Altpapier. Doch China hat beschlossen, nur noch Papier mit minimalen Fremdstoffen anzukaufen, was faktisch nie erreicht wird. Hinzu kämen im süddeutschen Raum steigende Importe aus Italien. Innerhalb des europäischen Binnenmarkts ist der Handel uneingeschränkt möglich.
Auf dem deutschen Markt türmt sich immer mehr Altpapier. „Die Lager waren sowohl bei den Anbietern als auch der Vielzahl von Verarbeitern proppevoll“, heißt es aus Branchenkreisen. Jörg Lacher, Geschäftsführer des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung, prognostiziert laut Medienberichten: „Eine Gebührenerhöhung ist damit bei vielen Kommunen fast schon unausweichlich.“
Für Alba-Süd-Geschäftsführer Stutz ist „die weitere Entwicklung auf dem Altpapiermarkt aktuell nicht absehbar“. Sollten weiter große Mengen Altpapier aus den Nachbarländern auf dem deutschen Markt angeboten werden, während gleichzeitig die Nachfrage konjunkturbedingt schwächele, „müssen wir mit einem weiteren Preisverfall rechnen“. Der Rohstoffmarkt sei grundsätzlich geprägt durch Preise, die zu ständigen Schwankungen neigten.
Papier bleibt in Deutschland
Nach seiner Auskunft bleibt das gesammelte Altpapier in Deutschland und geht nicht in den Export. Sortenreines Papier „geht ohne Umweg in Papierfabriken zur Herstellung von neuem Papier“. Gemischtes Altpapier sortiert das Unternehmen in der eigenen Sortieranlage in unterschiedliche Papierarten und -qualitäten. Die gingen „ebenfalls in die jeweilige Verwertung in Deutschland“.