15. Akademietage in Bietigheim-Bissingen: Wie viel Wachstum ist gesund?

Akademietage der Schiller-VHS: Die Vorträge im Bietigheimer Kronenzentrum waren gut besucht.⇥
Oliver BürkleWenn die Wirtschaft nicht wächst, wird sie als „krank“ bezeichnet, erklärte Professor Mathias Binswanger am Mittwoch bei den Akademietagen der Schiller-VHS im Kronenzentrum. Wie es zu diesem Verständnis kam und welches Wachstum zu einer „gesunden“ Wirtschaft führt, stellte Binswanger in seinem Vortrag „Wirtschaftswachstum: Vom Heilsversprechen zur Zwangshandlung“ dar.
„Ich bin weder für, noch gegen Wachstum“, stellte Binswanger, der unter anderem als Privatdozent an der Universität St. Gallen lehrt, klar. „Wachstum ist nichts Außergewöhnliches. Der Mensch wächst ja auch, aber eben nicht unendlich“, so Binswanger. Das Wirtschaftssystem sei darauf ausgelegt, dass nur stetiges Wachstum für Innovationen und Gewinne sorge und damit auch das Funktionieren des Systems ermögliche. Das Dilemma sei: zwar brauchen Unternehmen das Wachstum für ihren Erfolg, doch eben dieses verursache auch Schäden an der Umwelt.
Wo sich die Wachstumsgrenze tatsächlich befindet, sei nicht zu ermitteln. Doch ob eine Wirtschaft immer mit der Maximalrate wachsen müsse, sei fraglich. Binswanger spricht davon, dass das Wachstum gemäßigt werden müsse, dazu bedarf es allerdings auch einiger Anpassungen im System. Statt Aktiengesellschaften seien Genossenschaften gerade für kleinere Unternehmen eine gute Alternativform.
Das Problem sei, dass die Wirtschaft mehr und mehr zu „einer Art Selbstläufer“ werde. „Wir werden damit zunehmend zu Getriebenen“, erklärte Binswanger die Entwicklung, die das Wirtschaftswachstum vor allem im 20. Jahrhundert genommen habe. Veränderungen müssten global stattfinden, da das Weltwirtschaftswachstum ansonsten nicht in nachhaltigere Bahnen gelenkt werden könne.
Im vergangenen Jahr konnten von den Akademietagen aufgrund der Pandemie nur die Auftaktveranstaltung stattfinden. Daher wurden die Vorträge zum Thema „Der große Umbruch – In welcher Gesellschaft wollen/werden wir leben?“ auf dieses Jahr verlegt. Die Organisatoren waren mit der Teilnehmerzahl zufrieden. Am Freitag enden die Akademietage mit einem Vortrag von Professor Paul Kirchhof.