Vom Model zur Mutmacherin
: Wie die Ex-GNTM-Kandidatin aus Haigerloch die Regeln neu schreiben will

Mit 1,87 Metern galt sie als zu groß. Mit Größe 36 als zu dick. Kera Rachel Cook kennt die Absurditäten der Modelwelt – und will heute Mädchen und Frauen zeigen, dass ihr Wert woanders liegt.
Von
Lea Irion
Haigerloch
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Kera Rachel Cook

Kera Rachel Cook ist Ex-Model und arbeitet heute als Unternehmerin.

Ralph Geiling
  • Kera Rachel Cook, Ex-GNTM-Model, will Frauen stärken und gründet den "Empress-Mind-Club".
  • Sie kämpfte gegen Essstörungen und gesellschaftliche Erwartungen, jetzt inspiriert sie andere.
  • Cook plant einen Film über starke Frauen wie Oprah Winfrey und Kamala Harris.
  • Sie will Gleichberechtigung durch Zusammenarbeit, nicht Konkurrenz.
  • Videos und Vorträge sollen Frauen unterstützen, ihre eigenen Regeln zu schreiben.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Kera Rachel Cook wollte lange Zeit in ihrem Leben immer den anderen gefallen. Mit 15 Jahren bekam sie schließlich einen Modelvertrag angeboten. Die Bedingung: Sie musste Gewicht verlieren. Es kam, wie es kommen musste: Cook rutschte in eine Essstörung, kämpfte jahrelang gegen die Zahl auf der Waage, gegen Druck aus der Branche und gesellschaftliche Erwartungen – am allermeisten aber kämpfte sie gegen sich selbst.

Im Jahr 2017 schaffte sie den Absprung. Sie hatte eine Teilnahme bei „Germany’s Next Topmodel“ hinter sich, war zeitweise stationär in Behandlung und manchmal waren die Gedanken in ihrem Kopf so erdrückend, dass sie nicht mehr weitermachen wollte. Von jetzt auf gleich fuhr Kera Rachel Cook ihr Leben auf null herunter und ließ das Modeln hinter sich. „Es war wie kalter Entzug“, sagt sie heute am Telefon. „Plötzlich interessiert sich niemand mehr für dich. Es war echt hart.“

Cook fing an, über ihre Zeit als Model zu sprechen. Darüber, wie utopisch die Anforderungen für sie als Frau mit 1,87 Meter Größe waren. Dass sie als Plus-Size-Model galt – mit Kleidergröße 36/38. Und darüber, wie sie trotz Gewichtsabnahme gesagt bekam, dass ihre Knochen wohl einfach „zu stabil gebaut“ seien.

Sie saß im Nachtcafé, bei Markus Lanz, gab Interviews und fragte sich: Wer bin ich eigentlich, wenn ich kein Model mehr bin?

Der Kampf gegen die Vorurteile

Heute weiß die 36-Jährige: Ihr Wert bemisst sich nicht am Äußeren. „Ich habe gelernt, dass ich anderen helfen und etwas mitgeben kann“, sagt das Ex-Model, das heute mit zwei kleinen Kindern und ihrem Mann in Haigerloch-Bittelbronn lebt. Zwischenzeitlich verdient Cook ihr Geld mit Vorträgen, etwa an Schulen wie jüngst in Balingen. Doch das ganze Thema Selbstwert begleitet sie noch intensiver, als sie ursprünglich gedacht hatte. Und deswegen plant die geborene Böblingerin jetzt den nächsten großen Schritt.

Denn Frauen – das weiß Cook als Ex-Model gut – werden gesellschaftlich gesehen immer besonders genau unter die Lupe genommen. „Frauen sollen bestenfalls immer leicht bekleidet sein, filigran auftreten und lange Haare haben“, skizziert die 36-Jährige, „und da macht man sich als Frau natürlich auch viele Gedanken. Die Festplatte ist quasi voller Gedanken, die sich ums Aussehen drehen, um die Wirkung auf andere. Dabei sind wir doch so viel mehr als das“.

Um dieses „Mehr“ sichtbar zu machen, will Cook eine Plattform für Frauen schaffen: den sogenannten „Empress-Mind-Club“. Sie hätte statt „Empress“ (zu Deutsch „Kaiserin“) auch das Wort „Mastermind“ („Genie“) nehmen können. Aber das, sagt Cook, habe sie zu sehr mit Männlichkeit verbunden. Stattdessen will sie mit dem „Empress-Mind-Club“ eine Denkweise unter Frauen etablieren, die ihnen klarmacht, dass sie mehr sind als das, was die Gesellschaft von ihnen erwartet – klug, kreativ, visionär.

Kera Rachel Cook im Jahr 2016. Über die Jahre hat sie inneren Frieden gefunden – und damit auch bedinungslose Liebe zu ihrem Körper.

Kera Rachel Cook im Jahr 2016. Über die Jahre hat sie inneren Frieden gefunden – und damit auch bedingungslose Liebe zu ihrem Körper.

Privat

Gesellschaftliche Stigmata und patriarchale Strukturen sorgen nämlich noch immer dafür, dass Frauen viel seltener in Führungsetagen rutschen, seltener Firmen gründen als Männer und oft weniger Geld bekommen – bei gleicher Arbeit. Diese Lohnlücke zwischen Männern und Frauen wird „Gender Pay Gap“ genannt.

Doch es gibt auch einen nicht messbaren Parameter, der Kera Rachel Cook umtreibt: den „Gender Dream Gap“.

Übersetzen könnte man das als Art „Traumlücke“ zwischen den Geschlechtern. Während Jungs vom Präsidentenamt träumen oder vom Job als Astronaut, trauen sich viele Mädchen irgendwann nicht mehr zu, solche Rollen einmal selbst zu übernehmen. Es ist eine Kluft zwischen dem, was Mädchen glauben, erreichen zu können, und dem, was sie aufgrund gesellschaftlicher Barrieren tatsächlich erreichen.

Cook weiß, dass solche Entwicklungen nur überkommen werden können, wenn man selbst aktiv wird und versucht, die Gesellschaft für diese Muster zu sensibilisieren. Auch deswegen will sie über ihren „Empress-Mind-Club“ Frauen zum Umdenken bewegen – denn internalisierter Frauenhass macht auch vor Frauen selbst nicht Halt. „Wir drehen jetzt im April die ersten Videos“, erläutert Cook. Es sollen Kurzvideos werden, die unter anderem erklären, was die eigene Denkweise mit persönlichem Erfolg, mit Selbstwert und Achtsamkeit zu tun haben.

„Ich würde mich nicht als Feministin bezeichnen“

Obendrauf arbeitet die 36-Jährige an einem Film namens „The Female Law – Die Macht, die Regeln neu zu schreiben“. Er soll die Geschichten starker Frauen wie zum Beispiel Oprah Winfrey, Kamala Harris oder Simone Biles erzählen, die gesellschaftliche Hürden überwunden haben und heute ihren eigenen Weg gehen. Der Dokumentarfilm versteht sich als Reise zu weiblichem Erfolg, geprägt von innerer Stärke, Mut und Vision – und macht die „Gender Dream Gap“ sowie die Kraft weiblicher Vorbilder zum zentralen Thema.

Finanzieren will Cook das Projekt auf innovative Art und Weise: Es soll nämlich möglich sein, Teile des Films zu kaufen – zum Beispiel eine konkrete Minute an irgendeiner Stelle im Film. Je nachdem steht am Ende sogar der eigene Name samt Foto im Abspann. Cook will dadurch unter anderem sicherstellen, dass das Projekt unabhängig bleibt und kein Einfluss von außen vorgenommen wird. Doch vor dem Dreh steht die Konzeption, und daran arbeitet die 36-Jährige im Moment mit Hochdruck.

Ihr gehe es im Übrigen nicht um einen Konkurrenzkampf zwischen den Geschlechtern oder das gegenseitige Ausspielen. „Ich würde mich auch nicht als Feministin bezeichnen, sondern mehr als Humanistin“, erläutert Cook. „Ich habe nämlich keine Lust darauf, dass wir am Ende zu den ‚besseren Männern‘ werden – ich will lieber, dass wir ein gesundes Gleichgewicht für alle Menschen schaffen.“ Sie versteht Gleichberechtigung nicht als Kampf gegeneinander – sondern als gemeinsame Aufgabe.

Mit ihrem Film, dem „Empress-Mind-Club“ und ihrer eigenen Geschichte will Kera Rachel Cook eine Bewegung anstoßen. Eine, die Mädchen und Frauen darin bestärkt, nicht nur groß zu träumen – sondern die Regeln neu zu schreiben.