Der linke Handrücken Iosif Frankos ist nicht einfach nur tätowiert. Er ist bis knapp über das Handgelenk tief geschwärzt, und zwar mit einer Farbe, die bis zum 4. Januar dieses Jahres aus den europäischen Tattoo-Studios zu verschwinden hatte. Denn seit diesem Stichtag gelten für Franko und seine Kollegen aus der Tattoo-Branche Änderungen der europäischen Chemikalienverordnung (REACH-Verordnung). „Das bedeutet Stress und Kosten“, ärgert sich der Tätowierer.
Bereits im Januar vergangenen Jahres durften Tätowierfarben der Verordnung zufolge keine Stoffe mehr enthalten, die als karzinogen oder erbgutschädigend gelten, oder sich aber dauerhaft im Organismus anreichern.
Reduziert werden soll durch diese Maßnahme zudem das Aufkommen chronischer Allergien und entzündliche Hautreaktionen infolge von Unverträglichkeiten bei den Tätowirten.

Mehr als 4000 Stoffe betroffen

Das betrifft in erster Linie Konservierungsstoffe und Bindemittel, in Summe handelt es sich nach Angaben der Verbraucherzentrale um mehr als 4000 Stoffe, für die nun im Gebrauch Grenzwerte gelten. Einzige Schonfrist bis vor einer Woche gewährte der Gesetzgeber für die beiden Pigmente „Green 15:3“ und „Blue 7“, sodass sich Farbhersteller auf das Verbot einstellen konnten. Der 5. Januar 2023 also war für Tattoo-Studios innerhalb der EU der Tag, ihre alten Farbbestände in die Tonne zu klopfen.
Die REACH-Verordnung hat die Tattoo-Welt auf den Kopf gestellt: Besorgte Kunden und Tätowierer wähnten bereits das Aus der Farbtattoos, derweil versuchten sich Hersteller weltweit an neuen Rezepturen. Alle Farben, auch sämtliche Schwarztöne, wurden neu gemischt. Bereits im Frühling 2022 waren verordnungskonforme Produkte auf dem Markt erhältlich. Die ersten Versuche in den Studios führten zur Erkenntnis, dass sich die Arbeit der Tätowierer zumindest innerhalb der kommenden Monate bis Jahre komplizierter gestalten wird.
„Bei den Kunden tauchen Fragen auf, die man nicht beantworten kann, weil die Erfahrung mit den neuen Farben fehlt“, schildert Franko. An einem „Sleeve“ etwa, einem vollständig tätowierten Arm, sitze er je nach Komplexität der Motive monatelang. Weil niemand als Proband herhalten wolle, zeige sich die Kundschaft mit Wunsch nach bunten Motiven merklich zögerlich: „Wer noch mit den alten Farben angefangen hat, weiß jetzt nicht, wie die neuen aussehen. Ob man dieselben Farben nochmal genauso hinbekommt“, erklärt Iosif Franko, der in Balingen das Studio „Graffit Ink“ betreibt.
Drei Farbspezialisten gehören zu seinem Team. Sie hätten sich im Laufe des vergangenen Jahres gelegentlich daran gewagt, zulässige Farben zu mischen, in der Hoffnung, Farbtöne gezielt zu reproduzieren. Das glückte allerdings in den seltensten Fällen. „Wir mischen einfach sehr ungern, weil man auf den Tropfen genau alles notieren muss. Deshalb benutzen wir die Farbe normalerweise so wie sie kommt.“ Von minderer Qualität könne bei den neuen Farben gar nicht die Rede sein: „Das sind keine schlechten Produkte, aber die ganze Änderung ist einfach Humbug“, moniert der Tätowierer. „Die neuen Farben sind doppelt so teuer wie die alten“, ergänzt er.

„Geringe Toxizität“

Inwiefern das Verbot von „Green 15:3“ und „Blue 7“ tatsächlich sinnvoll ist, wird in der Fachwelt auch nach Inkrafttreten der aktuellsten REACH-Verordnung diskutiert. So merkt das Bundesamt für Risikobewertung an, dass die verfügbaren Informationen über beide Pigmente auf eine „vergleichsweise geringe Toxizität hindeuten“, diese Datengrundlage allerdings für zuverlässige Aussagen noch viel zu dünn sei.
Dem ungeachtet fürchtet Iosif Franko selbst jedenfalls nicht, von seinem Körperschmuck eines Tages gesundheitliche Schäden davonzutragen – mahnt aber zugleich, von Produkten fragwürdiger Herkunft Abstand zu nehmen. Denn geschützt ist der Beruf des Tätowierers nicht: „Da reicht theoretisch der Gewerbeschein und ein Set für 100 Euro aus China.“
Die Verfügbarkeit solcher Sets im Internet habe laut Franko bereits dazu geführt, dass junge Hobby-Tätowierer ihre Freunde und Bekannten kurzerhand zu Kunden machten. Gerade jetzt, da in Tattoo-Studios aufgrund der neuen Farben und der allgemeinen Inflation wegen die Preise steigen, wähnt Iosif Franko eine verborgene Zuspitzung dieses Phänomens.

„Das Ziel ist, Tätowierfarben sicherer zu machen“

Im Auftrag der Europäischen Kommission untersuchte die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) Tätowierfarben auf verdächtige Inhaltsstoffe: „Das Ziel ist nicht, Tätowierungen zu verbieten, sondern Tätowierfarben und Permanent-Make-up sicherer zu machen“, erklärt die ECHA auf ihrer Homepage. 2020 stimmten die Mitgliedsstaaten und die Kommission zu, die von der ECHA als kritisch definierte Stoffe zu beschränken.
Die REACH-Verordnung gilt bereits seit 2007 und verpflichtet Hersteller, Importeure und Anbieter von Produkten mit chemischen Inhaltsstoffen dazu, Verantwortung für die Sicherheit dieser zu tragen. Kontrolliert wird die Umsetzung in den Tattoo-Studios durch das jeweilige Gesundheitsamt. Teil der Verordnung ist es auch, die neuen Farbprodukte mit Pflichtangaben zu versehen.