Tierschutz in Albstadt
: „Jedes einzelne Tier ist es wert“

Auf dem Hof von Hans Möhrle in Albstadt haben 44 Rinder des Vereins „Lebenshilfe Kuh & Co.“ ein liebevolles Zuhause gefunden. Alle Tiere haben in ihrem früheren Leben viel Leid erfahren.
Von
Andrea Maute
Truchtelfingen
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Viele tierische Begegnungen konnten am Hoftag gemacht werden, zu dem der Verein „Lebenshilfe Kuh & Co.“ auf den Hof von Hans Möhrle nach Truchtelfingen eingeladen hatte. Für manche war es die erste Begegnung mit ihrem Patentier.

Viele tierische Begegnungen konnten am Hoftag gemacht werden, zu dem der Verein „Lebenshilfe Kuh & Co.“ auf den Hof von Hans Möhrle nach Truchtelfingen eingeladen hatte. Für manche war es die erste Begegnung mit ihrem Patentier.

Andrea Maute

Der Weg zu Grace führt durch die Bilderbuchlandschaft der Schwäbischen Alb. Fast endlos erstrecken sich rechts und links der Straße sattgrüne Wiesen. Im flirrenden Licht der Sommersonne, die angenehme Strahlen gen Erde schickt, zeichnet sich am Horizont der Wald ab. In unmittelbarer Nähe liegt das Gehöft. „Vom Hof aus noch ein kleines Stück geradeaus, dann rechts. Und dann siehst Du sie“, lautet die Wegbeschreibung.

Grace zu übersehen, ist freilich kaum möglich. Schließlich gehört sie zu den „großen Drei“ der Tiere, die auf dem Lebenshof in Truchtelfingen ihr Dasein genießen dürfen. Ein Leben in Würde, mit einer liebevollen Versorgung – und 40 Hektar Platz, um ausgiebig grasen zu können.

Mit der Kuh auf Du und Du

An der Abbiegung angekommen, sind es nur noch ein paar Schritte bis zur Weide. Und da steht sie auch schon. Inmitten einer bunten Herde glücklicher Rinder. Grace – eine junge Angusfärse. Mit schwarzem Fell und einer weißen Blesse, die von der Form her einer Landkarte ähnelt.

Alle Zweibeiner, die sich an diesem Hoftag am Weidezaun versammelt haben, sind gekommen, um ihrem jeweiligen Patentier einen Besuch abzustatten. Den Weg, den sie dafür in Kauf genommen haben, ist nicht unbedingt der nächste. Sogar aus Niederbayern ist eine Besucherin für ein Tête-à-Tête mit ihrem tierischen Patenkind angereist.

Und dann stehen sie sich, oft zum ersten Mal, gegenüber. Auf einer grünen Sommerwiese auf der Schwäbischen Alb. Aug in Aug: Kuh und Mensch.

Ein Blick in die sanften Augen von Grace.

Ein Blick in die sanften Augen von Grace.

Andrea Maute

Langsam macht Grace ein paar Schritte nach vorne und streckt den Kopf in Richtung des ausgestreckten Arms. Ihre sanften Augen mit den langen Wimpern mustern aufmerksam den Besucher. Man spürt den warmen Atem und die weichen Lippen, die sich dem Grasbüschel nähern, das ihr die Hand als Willkommensgruß darbietet. Es scheint, als ob sie diese Geste zu würdigen weiß, denn nach dem ersten vorsichtigen Annähern umschlingt sie das grüne Bündel mit ihrer langen Zunge und fängt genüsslich an zu kauen.

Das Ohrenspiel signalisiert Aufgeschlossenheit. Sogar Streicheln ist erlaubt. Und während die Hand sanft den Kopf des Tieres krault, macht sich unwillkürlich ein Glücksgefühl breit. Mit der Kuh auf Du und Du – es ist ein Erlebnis, das man nicht vergisst.

Tiere aus schlechter Haltung

Noch lange könnte man die Ruhe und das friedliche Idyll genießen. Es ist Grace, die nach einer Weile befindet, dass es jetzt an der Zeit ist, dass sich jeder wieder unter seine Artgenossen mischt. Mensch und Tier. Nach der Verabschiedung tuckert der Traktor mit den Besuchern wieder in Richtung Hof, wo diese noch so einiges über ihre tierischen Patenkinder erfahren.

Bild Sabine Massler

Elsa - eine der ältesten Kühe der Hinterwälder Herde.

Sabine Massler

Wie so viele der sogenannten „Nutztiere“, die vom Verein „Lebenshilfe Kuh & Co“ gerettet wurden, stammt auch Grace aus schlechter Haltung. „Zusammen mit Monty und Marie kam sie 2018 über verschiedene Wege zu uns“, erzählt die Vorsitzende Sabine Massler.

Die Drei gehören zu den 44 Rindern, die auf dem Hof von Hans Möhrle in Truchtelfingen ein Zuhause gefunden haben; eines, in dem sie all das Leid, das sie in ihrem früheren Leben erdulden mussten, hinter sich lassen können. Hier sind sie keine Nummern. Hier sind sie Individuen und werden so behandelt, wie es jedes Tier verdient hätte – ob Haustier oder „Nutztier.“

Dass letztere leider wenig Lobby haben, ist eine traurige Tatsache. „Durch Informationen über die Lebensgeschichten unserer Tiere, die unter `normalen Umständen` alle tot wären, wollen wir auf das Schicksal von Millionen Tieren aufmerksam machen, die unter unsäglichen Bedingungen leiden und elend sterben“, erklärt die Vorsitzende.

Im Laufe der Jahre haben die Tierschützer viel gesehen. Sie haben, wie es Sabine Massler beschreibt, „in die Hölle geblickt.“ Und nie aufgehört, für eine bessere Welt zu kämpfen.

Eine Lebensaufgabe

Mit Veranstaltungen und Aktionen möchte der 2016 gegründete Verein auf die Missstände im Umgang mit „Nutztieren“ hinweisen und über die Zusammenhänge zwischen Agrarindustrie, Massentierhaltung, Tiertransporte und Konsumverhalten aufklären. Für die Ehrenamtlichen ist das mehr als ein Engagement. Es ist eine „Lebensaufgabe“ – bei der es manch steinigen Weg zu beschreiten gilt.

Auf den vier Partnerhöfen, die sich neben Albstadt in Mahlstetten, Untermarchtal und in der Eifel befinden, haben insgesamt 92 Rinder, vier Schweine und zwei Puten des Vereins „Lebenshilfe Kuh & Co“ ein sicheres Domizil gefunden. 12.240 Euro betragen alleine die monatlichen Pensionskosten; für den 62 Mitglieder zählenden Verein (davon fünf Aktive) eine riesige Herausforderung.

Ein wichtiger Teil, um diese enormen Kosten stemmen zu können, sind neben Spenden die Patenschaften. 70 Prozent der Tiere sind derzeit bepatet. Und für die noch Patenlosen erhoffen sich die Tierschützer, dass auch sie noch ihre Menschen finden, die sie ins Herz schließen.

Wer Unterstützung leisten möchte, ist in der Wahl der Höhe des monatlichen Patenbetrags völlig frei. „Die Tiere haben in der Regel mehrere Paten. Wir finden das gut, weil es sicherer ist, als wenn nur ein Pate da wäre“, erklärt Sabine Massler. Und Sicherheit für das Tier ist schließlich oberstes Gebot.

Auch über neue Mitglieder und nicht zuletzt Helfer, die bei der Arbeit tatkräftig mit anpacken, würde sich der Verein sehr freuen. Jeder ist herzlich willkommen, ein Gefühl für die Tiere zu entwickeln und sie live zu erleben. Paten haben dazu übrigens nicht nur an den Hoftagen Gelegenheit, sondern dürfen nach Absprache gerne öfter auf die Höfe kommen.

Und so ist es an diesem Tag also kein Abschied für längere Zeit, sondern es schwingt auch Vorfreude auf ein baldiges Wiedersehen mit. „Wir wissen, dass unsere Arbeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist“, sagt Sabine Massler zum Schluss. „Doch jedes einzelne Tier ist es wert, dass man für es kämpft.“ Blickt man in die sanften Augen der Kühe, ist dem nichts mehr hinzuzufügen.

Hilfe für die Geschundenen

Der Verein „Lebenshilfe Kuh & Co.“ setzt sich gegen schlechte Haltung von „Nutztieren“, Massentierhaltung und Tiertransporte ein.

Die Tiere des Vereins sind auf vier Lebenshöfen zu Hause. Hilfe leisten kann man etwa in Form von Spenden oder Patenschaften.

Patenschaften können auch verschenkt werden. Die Höhe des monatlichen Betrags ist frei. Paten dürfen ihr Patentier an den Hoftagen sowie nach Absprache besuchen.

Auch neue Mitglieder sind herzlich willkommen.

Weitere Informationen über den Verein „Lebenshilfe Kuh & Co.“ gibt es unter www.lebenshilfe-kuh-und-co. de.