Textilprofis im Interview
: „Man glaubt nicht, wo überall Textilien verbaut sind“

InterviewDrei Schülerinnen und Schüler der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Balingen verraten im Gespräch, was sie an der Arbeit mit Textilien so fasziniert. Für Absolventen haben sie einige Ratschläge parat.
Von
swp
Balingen
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Immer im fachlichen Austausch: Die Bundes- und Landessieger der Fachschule für Textiltechnik an der PMHS (von links:) Lea Gomeringer, Rebekka Saal und Luca Lämmle.

Immer im fachlichen Austausch: Die Bundes- und Landessieger der Fachschule für Textiltechnik an der PMHS (von links): Lea Gomeringer, Rebekka Saal und Luca Lämmle.

Ines Mayer

In der neuen Fachschulklasse für Textiltechnik an der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule Balingen bilden sich gleich drei Schülerinnen und Schüler weiter, die in den vergangenen zwei Jahren in ihrem Fachgebiet einen Landes- oder sogar Bundessieg geschafft haben. Rebekka Saal wurde 2022 bei den Modenähern Landes- und Bundessiegerin und im Folgejahr Landessiegerin bei den Modeschneidern. 2024 holte sich Lea Gomeringer diesen Titel und Luca Lämmle wurde zuerst Landes-, dann Bundessieger bei den Produktionsmechanikern Textil.

Sie waren alle drei sehr erfolgreich in Ihren Ausbildungsberufen. Wie wird man denn Landes- oder Bundessieger?

Lea Gomeringer: Da möchte ich vorab betonen, dass das natürlich kein Ziel ist, das man sich setzt. Bei der Prämierung kommt es auf die Gesamtpunktzahl an, die man bei der Prüfung erreicht. Maximal sind 100 Punkte möglich.

Luca Lämmle: Das stimmt, vornehmen tut man sich das nicht. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt in der Ausbildung sieht man das eigene Notenniveau und sagt sich dann schon, das will ich halten und so auch den Abschluss machen.

Rebekka Saal: Es gibt zwei Prüfungsblöcke, die unterschiedlich gewichtet werden, einmal der schriftliche Theorieteil und dann vor allem die Praxis. Hier handelt es sich um einen betrieblichen Auftrag, den man an zwei Tagen absolvieren muss.

Erzählen Sie.

Gomeringer: Ich arbeite bei der Firma Mey, also musste ich einen BH fertigen. Im Ausbildungsberuf Modenäherin kommen die Prüfer in den Betrieb, schauen einem über die Schulter und fragen zwischendurch nach einzelnen Arbeitsschritten. Der Fachbegriff lautet: situatives Prüfungsgespräch. Da kommt dann schon Nervosität auf.

Saal: Die Modeschneiderinnen-Prüfung läuft anders ab. Hier wird das Fachgespräch nach der Abgabe geführt. Es kommt hier vor allem auf die Handlungs- und Reflexionskompetenz an und darauf, wie Probleme gelöst werden. Also: Wie wurden die Maschinen eingestellt, welche Fehler traten auf, wie wurden diese behoben etc. Wir mussten alle Arbeitsschritte dokumentieren. Ich habe übrigens bei Trigema eine Softshelljacke genäht.

Lämmle: Das war bei uns, den Produktionsmechanikern, genauso. Der betriebliche Auftrag wurde dokumentiert und bei der IHK musste ich dann Rede und Antwort stehen. Ich habe eine Besatzspitze für Unterwäsche gehäkelt – maschinell natürlich.

Wie kamen Sie zu Ihren Ausbildungsberufen?

Saal: Nach dem Abi habe ich mich nicht in einem Studium gesehen. Ich wollte etwas machen, bei dem man ein Ergebnis sieht. Zunächst habe ich eine Ausbildung als Schilder- und Lichtreklameherstellerin absolviert. Aber im dritten Lehrjahr kam Corona und da es dem Betrieb, der sich auf Messebau spezialisiert hatte, schlecht ging, wechselte ich nach der Gesellenprüfung die Sparte. Ich wollte immer schon richtig nähen können und so habe ich nochmal eine Ausbildung zur Modenäherin und dann Modeschneiderin gemacht.

Gomeringer: Nach dem Abi war mir klar, dass ich nicht studieren wollte – die Hochschulreife war für mich aber natürlich eine Sicherheit und hält mir längerfristig alle Türen offen. Ich wollte ein FSJ machen, aber auch mir kam Corona in die Quere. Ich besann mich dann auf mein altes Hobby: Nähen hatte ich schon früh bei Mutter und Oma gelernt.

Lämmle: Ich hatte nach dem Schulabschluss gar keine konkreten Vorstellungen und zuerst mal eine Zeitlang hier und da gearbeitet. Im Wochenblatt habe dann eine Annonce der Fritz Moll Textilwerke in Altshausen, meinem heutigen Arbeitgeber, gesehen und da zur Probe gearbeitet. Es hat mir so gut gefallen, dass ich ein halbes Jahr später eine Ausbildung begonnen habe.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Gomeringer: Am Anfang stand das Handwerkliche im Vordergrund, aber inzwischen habe ich eine Liebe zu Textilien entwickelt. Das ist ein unglaublich vielseitiger Werkstoff und spornt die Kreativität an. Auch die technischen Aspekte beeindrucken mich. Man glaubt nicht, wo überall Textilien verbaut sind.

Lämmle: Die Vielfalt von Textilien steht bei mir auch im Vordergrund. Es ist beeindruckend, wie unterschiedlich die Herstellungsarten sind und wo sie überall zum Einsatz kommen, bis hin zu Geotextilien im Brücken- oder Deichbau.

Saal: Mich fasziniert der historische Kontext, der Einfluss der textilen Welt auf die Gesellschaft und umgekehrt, der Stellenwert von Textilien und Mode in den verschiedenen Epochen. Da kommt man dann angesichts der heutigen Fast Fashion schon auch ins Grübeln. Wie können Kleidungsstücke so billig verkauft werden, für die so viele Arbeitsschritte nötig waren?

Im Moment besuchen Sie alle drei die Fachschule für Textiltechnik. Was lernen Sie hier und mit welchem Ziel?

Gomeringer: Wie der Name schon sagt, steht das Technische im Vordergrund: die textile Kette mit Blick auf Herstellung und Ausrüstung, vor allem auch technischer Textilien. Es geht gewissermaßen um das große Ganze. In meinem Ausbildungsberuf war der Fokus auf Konfektionierung bzw. Bekleidung gerichtet.

Lämmle: Einerseits geht’s um die großen Zusammenhänge und andererseits kommen wir an die Kernelemente von Textilien heran. Das ist eine große Bandbreite, die den ganzen Produktionsprozess umfasst, bis hin zum Umgang mit Mitarbeitern.

Saal: Genau, denn am Ende der Weiterbildung legen wir die Prüfung zum staatlich geprüften Techniker bzw. Bachelor professional ab. Damit qualifizieren wir uns als Führungskraft im mittleren Management. Wir lernen also den Umgang mit Mitarbeitern, Delegieren, Problemlösung etc. Und natürlich ist es auch ein Vorteil zu wissen, wie eine Strickmaschine funktioniert.

Sie besuchen die Fachschule für drei Jahre in Teilzeit. Welche Tätigkeiten üben Sie derzeit in Ihren Betrieben aus?

Saal: Ich habe jetzt eine Stelle, die meine beiden Ausbildungen miteinander verbindet, indem ich viel mit Logos zu tun habe. Ich berate bei der Umsetzung, wenn zum Beispiel ein Poloshirt mit einem Firmenlogo bestickt oder beflockt wird.

Gomeringer: Ich bin im Bereich Qualitätssicherung tätig, konkret im Farbmanagement. An einem BH können schon mal 40 Kleinteile zusammenkommen, die farblich aufeinander abgestimmt sein müssen. Den Umgang mit Farben fand ich schon während der Ausbildung sehr interessant.

Lämmle: Ich bin in meinem Betrieb zuständig dafür, dass die Qualitätsstandards in der Maschenware eingehalten werden. Ich muss also die Maschinen für neue Aufträge rüsten, Feineinstellungen vornehmen, mich um die Materialbeschaffung kümmern, kurz: sicherstellen, dass alles läuft.

Viele Schulabgänger tun sich schwer mit der beruflichen Orientierung. Was raten Sie ihnen?

Lämmle: Ich selbst hatte ja nicht gleich einen Plan. In so einem Fall rate ich, einfach mal was auszuprobieren, auch verschiedene Tätigkeiten, und zu schauen, ob es passt. Sobald man in einem Beruf Spaß findet und Interesse daran hat, ist das Ganze ein Selbstläufer.

Gomeringer: Ganz wichtig ist die intrinsische Motivation. Dann fällt auch das Lernen leicht, weil man wissen und verstehen möchte. Man muss sich die Frage stellen: Was erfüllt mich? Ich denke, der Faktor Geld sollte nicht ausschlaggebend sein, sondern ob man gern zur Arbeit geht. Wir werden mehr als 40 Jahre im Beruf sein, das ist ein Großteil des Lebens. Da möchte ich was zurückbekommen.

Saal: Wenn man eine Ausbildung oder ein Studium begonnen hat, sollte man aber auch erstmal durchhalten, nicht schon nach einem halben Jahr abbrechen. Es gibt immer Startschwierigkeiten, die Umstellung von Schule zu Beruf ist riesig. Nach ein paar Jahren kann man den eingeschlagenen Weg aber durchaus auf den Prüfstand stellen. Ein Spurwechsel ist dann auch nicht verwerflich. Da sollte man der Devise folgen: Wenn es dich nicht glücklich macht, wechsle.

Gomeringer: Die Entscheidung muss auf jeden Fall von einem selbst kommen, nicht von außen. Dann kann man sich auch in schwierigen Zeiten sagen: Ich bin hier, weil ich hier sein möchte.