Schmuckhandel: Sparen beim Juwelier: Silber statt Gold, Edelstahl statt Silber

Inhaberin Hilal Öztürk in ihrem Geschäft „Juwelier Seher“ in Albstadt-Ebingen spürt, dass viele Menschen sparen müssen.⇥
Rena WeissWährend der Juweliersverband unter dem Titel „Luxus läuft - Juweliere mit Umsatzwachstum“ über die Geschäftslage jubelt, sieht es bei Geschäften vor Ort anders aus. „Es ist ruhig geworden“, fasst Hilal Öztürk, Inhaberin des Juweliers Seher in Albstadt-Ebingen, zusammen. Sogar im Vergleich zum ersten Coronajahr. „2020 war eigentlich noch alles normal, dann hat sich die Coronazeit lang gezogen“, erzählt sie. Im vergangenen Jahr hätte sie dann gedacht, die Krisenzeit sei überstanden.
Krise geht auf den Geldbeutel
„Dann kam die Inflation, die hohen Preise unter anderem für Gas und Strom, das hat sogar mehr reingehauen als Corona.“ Denn die jetzige Krise gehe direkt auf den Geldbeutel – und den braucht man eben für Schmuck. Vor allem im Weihnachtsgeschäft sei eine deutliche Zurückhaltung spürbar gewesen, das Geschäft habe sich sehr in Grenzen gehalten. „Dabei sind die Monate November und Dezember im Normalfall die verkaufsstärksten für unsere Branche“, erklärt Öztürk.
Auch an der Art des Schmucks, der ausgewählt wird, bemerkt sie den Spardrang ihrer Kundinnen und Kunden. „Wer früher Goldschmuck gekauft hat, tendiert nun eher zu Silber. Wer vorher Silber gewählt hat, greift entweder zu günstigerem Silber oder zu Edelstahl“, erzählt die Juwelierin. Der Goldpreis habe in letzter Zeit ordentlich zugelegt, eine Goldkette gebe es ab 200 Euro, Silber fange schon bei unter 40 Euro an.
Branche macht mehr Umsatz
Das Geschäft mit Trauringen laufe relativ normal, allerdings stellt Öztürk auch hier Zurückhaltung fest. „Ein Zirkonia-Steinchen ist eben günstiger als ein kleiner Diamant oder ein Brillant.“
Die Erfahrungen der Ebinger Juwelierin decken sich nicht mit den Branchenzahlen, die der Handelsverband Juweliere (BVJ) jüngst herausgegeben hat. Dessen Fazit: Die Umsätze mit Schmuck und Uhren sind in Deutschland in 2022 um über 20 Prozent gestiegen. Der Einzelhandel der Branche konnte nach BVJ-Berechnung im vergangenen Jahr mit 5,3 Mrd. Euro damit sogar fast 11 Prozent mehr umsetzen als im Vor-Corona-Jahr 2019.
Werthaltige Investitionen
Drei Viertel der Branchenumsätze entfielen auf Schmuck. „Die Menschen wollen sich und anderen eine Freude bereiten und sich für die Entbehrungen der Pandemiephase belohnen“, so BVJ-Präsident Stephan Lindner laut Mitteilung. „Werthaltige Investitionen liegen im Trend. Goldschmuck, Diamanten und Edelsteine sind gefragt. Der Inflation und den Krisen zum Trotz: Luxus läuft“, stellt Lindner fest.
Oder eben auch nicht. Zwar gibt es auch bei Hilal Öztürk Kundinnen und Kunden, die mehrere tausend Euro ausgeben. „Wer sich wirklich etwas gönnen will, der kauft sich einen Diamantring für den Heiratsantrag und gibt dafür auch ordentlich Geld aus“, erklärt sie. Das sei grundsätzlich aber eher selten und auch nicht häufiger geworden als vor der Corona-Pandemie und der Ukraine-Krise. „Man muss auch bedenken, mein Geschäft befindet sich in einer kleinen Kreisstadt, in Großstädten und anderen Lagen haben manche Menschen ganz andere Einkommen und Vermögen“, sagt sie noch.
Luxus im Trend
Nach Wegfall der Pandemiebeschränkungen bleibe die Frequenz in den Innenstädten und damit den Juweliergeschäften zwar unter dem Vor-Corona-Niveau, so der Verband weiter, womit er die Beobachtungen Öztürks bestätigt. Durch den Trend zu höherwertigen und höherpreisigen Produkten konnte dies laut BVJ jedoch überkompensiert werden. „Unsere Produkte leben von Emotionen und dem Einkaufserlebnis in den Geschäften.“
Vor allem 2020 und 2021 hätten die Schließungen zu einer Verlagerung von Umsätzen in den Onlinebereich geführt. Der Umsatzanteil des Online-Handels ging bei Schmuck und Uhren in 2022 jedoch wieder auf 12 Prozent zurück. Lindner: „Wie in keiner anderen Branche dominiert der inhabergeführte Fachhandel nach wie vor den Markt. Bei aller Digitalisierung der Kommunikation und Investition in den E-Commerce-Bereich ist das persönliche Erlebnis, die Fachberatung und das Anprobieren im Verkauf von Schmuck und Uhren weiterhin erfolgsentscheidend.“
Laut einer aktuellen Untersuchung des IFH Köln liegt der Marktanteil des Fachhandels in 2022 bei 68,7 Prozent. Über die Hälfte der Umsätze (50,7 Prozent) werden dabei vom Fachhandel getätigt, der nur ein Geschäft betreibt. Auch die Fachhändler mit mehreren Filialen seien fast ausnahmslos inhabergeführt. Warenhäuser hatten in den letzten Jahren einen schweren Stand. Der Umsatz des Online-Handels ging nach vollständiger Wiederöffnung der Läden von 14,4 Prozent in 2021 wieder auf 12,2 Prozent in 2022 zurück.
