Die Wahl auf den in Moskau geborenen Denis Pisarevskiy fiel nicht zufällig. Für das zweite Benefizkonzert des Fördervereins Friedhofkirche Balingen wird der Organist und Pianist am kommenden Sonntag, 15. Januar, an der Orgel sitzen und gemeinsam mit dem im Zollernalbkreis wohlbekannten Cellisten Sebastian Triebener zugunsten von Balingens ältestem Gotteshaus spielen.

„Keine Kollektivschuld aufbürden“

Entscheidend, so betont es der Vorsitzende Wolfgang Schuppler, sei zu keinem Zeitpunkt Pisarevskiy Herkunft denn die musikalische Qualität seines Spiels gewesen. Zumal das Benefizkonzert nicht als politisches Statement, sondern durch und durch als Förderveranstaltung für den Erhalt der Friedhofkirche zu verstehen sei. „Der Vorstand findet es zwar richtig, zu hinterfragen, wie russische und auch andere Künstler zur russischen Invasion in die Ukraine stehen. Es ist aber falsch, alle Menschen mit russischem Pass im Verdacht zu haben, den russischen Angriff gutzuheißen oder sogar zu verteidigen“, lautet es in einer gemeinsamen Stellungnahme. „Wir werden dem Einzelnen keine Kollektivschuld aufbürden.“ Umgekehrt verlange Pisarevskiy, der sich ohnehin gegen Russlands gegenwärtige Politik verwehrt, eben diese Haltung von den Organisatoren des Konzertes.

Das Schweigen von Netrebko

Was hier im Kleinen beschäftigt, hatte die Welt der Künste im Großen vor einem Jahr schwer verunsichert. Das Rauschen um die Frage, wie denn nun mit russischen Künstlern umzugehen sei, erreichte spätestens mit dem verdächtigen Schweigen von Star-Sopranistin Anna Netrebko und die mittlerweile offene Putin-Treue von Münchens Ex-Philharmoniker-Chefdirigent Valery Gergiev sogar jene, die keine Affinität zur Klassik verspüren.
Statt Generalboykott aller russischen Künstler ebnete sich im Laufe des vergangenen Jahres ein Mittelweg, der auf eigenen Wunsch oder aber auf Bitten der Veranstalter oftmals ein öffentliches Bekenntnis vonseiten der Künstler notwendig machte. Denis Pisarevskiy positionierte sich schon kurz nach Kriegsbeginn, als er im März 2022 in der Stuttgarter Stiftskirche die Orgel während eines Friedensgebets für die Ukraine spielte.

Sanierung der Friedhofkirche: Bröckelnder Putz

Moraldebatten derlei Natur in Balingen indes lenken den Blick vom Wesentlichen ab: Denn die Friedhofkirche aus dem 11. Jahrhundert bedarf dringend Sanierungsarbeiten. „Das ist auch eine Frage der Sicherheit, weil der Putz bröckelt und einige Stückchen sich so weit gelöst haben, dass da schon etwas heruntergefallen ist“, erklärt Wolfgang Schuppler.
Um die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Balingen finanziell zu unterstützen, plant der im Juli 2022 gegründete Förderverein ein Budget über 600 000 Euro einzusammeln. Das entspricht einem Drittel der bislang zu erwartenden Gesamtkosten für eine Generalsanierung (1,8 Millionen Euro). Die ursprüngliche Gruppe der sieben Gründungsmitglieder hat zwischenzeitlich Zulauf erhalten, darunter Wolfgang Schuppler, der seine Erfahrung aus dem Förderverein für eine neue Orgel in der katholischen Heilig-Geist-Kirche in das Projekt miteinbringt.

Die Friedhofkirche Balingen soll ein Ort der Kultur werden

Langfristiges Ziel des Fördervereins ist es, nicht nur die Substanz der Friedhofkirche zu verjüngen, sondern das Zeugnis aus romanischer Epoche neu zu beleben: Geplant sind Konzerte, Lesungen, Vorträge und Ausstellungen, noch bevor die Sanierungsarbeiten überhaupt beendet sind. Dieses Vorhaben wird noch den Einbau eines neuen Heizungssystems und einer multifunktionalen Veranstaltungstechnik nötig machen.
„Wir wollen aus diesem Ort eine Bürgerkirche für alle machen, die also ausdrücklich nicht konfessionsgebunden ist“, erklärt der Vorsitzende. Kulturveranstaltungen werden sich bis zur Vollendung aller Arbeiten wohl aber schon in großer Zahl ereignet haben – denn über just diesen Weg sollen Spendengelder in die Kasse fließen.

Sebastian Triebener und Denis Pisarevskiy

Nach einem ersten Benefizkonzert im November mit rund 100 Zuhörern, gefolgt von einer Krippenausstellung mit etwa 500 Besuchern, nun also der gemeinsame Auftritt von Denis Pisarevskiy (29) und Sebastian Triebener (22). Zu hören sind am Sonntag Werke von Johann Sebastian Bach, Luciano Berio, John Stanley, Bernhard Romberg und Joseph Haydn. Pisarevskiy wird außerdem erstmals seine „Oszilliationen“ vor Publikum spielen.
Den Kontakt zu beiden Musikern verdankt der Verein seiner zweiten Vorsitzenden, die Balinger Stadträtin und Musikprofessorin Irmgard Priester. „Aus ihrem Netzwerk werden wir noch eine ganze Weile schöpfen“, prophezeit Schuppler.

Freier Eintritt, aber gerne mit Spende

Pisarevskiy erhielt seine Ausbildung unter anderem am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium und der Musikhochschule Stuttgart. Konzerte führten den 29-Jährigen nach Deutschland, Österreich, Spanien, Großbritannien und China.
Der in Tübingen geborene Sebastian Triebener (22) studierte an den Staatlichen Musikhochschulen in Trossingen und Stuttgart. Schon früh machte er bei internationalen Wettbewerben auf sich aufmerksam.
Das Konzert beginnt um 17 Uhr. Eintritt kostenlos, Spenden kommen der Kirche zugute.