Es ist ein unfaires Duell zwischen schnöden Zahlen und der Macht der Gewohnheit: Wer über 20 Jahre hinweg täglich eine Packung à 20 Kippen verbraucht, der bezahlt laut dem „Ersparnisrechner“ der Info-Plattform „Rauchfrei“ eine Summe von etwa 51 000 Euro. „So viel wie ein Wohnwagen für viele schöne Urlaube“, heißt es dann noch illustrierend auf der Startseite des Portals. Wer den Regler für die Anzahl der Jahre noch weiter nach rechts verschiebt, der kommt über einen Sportwagen am Ende bei seiner verpassten Segelyacht an.
Zugegeben – dafür müsste man mit dem Rauchen früh anfangen. Im Jahr 2022 haben das laut der Debra (Deutschen Befragung zum Rauchverhalten) erstaunlich viele aber auch getan: Der Statistik zufolge griffen zirka 35 Prozent aller Deutschen regelmäßig zur Kippe, davon 15,9 Prozent in der Alterskohorte von 14 bis 17 Jahren. Bemerkenswert ist in dieser Gruppe der sprunghafte Anstieg im Vergleich zum Vorjahr (2021: 8,7 Prozent). Nach dieser überraschenden Erkenntnis wabert in der Luft nun das Warum.

Corona: Raucherfalle Homeoffice

„Vor Corona waren wir auf einem super Weg“, sagt Martin Weise, Fachbereichsleiter der psychosozialen Beratungsstelle für Suchtkranke und Suchtgefährdete der Diakonie in Balingen. Wie auch der Leiter der Studie, Dr. Daniel Kotz von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, vermutet Weise die Zunahme von Stress und Ängsten im Zuge der Pandemie als akute Ursache.
Bei den Berufstätigen sei laut Kotz die ausbleibende soziale Kontrolle im Homeoffice hinzugekommen. Bei den Jugendlichen wiederum hält Martin Weise Faktoren für entscheidend, die gänzlich unabhängig von temporären Krisen existieren: „Für die Rettung von Banken oder die Abwrackprämie hat man auf die Schnelle Millionen locker gemacht. Aber kaum geht es um Schulen oder Freizeitangebote, läuft alles nur noch schleppend. Jugendliche müssen sich aber entfalten können, sonst entsteht großer Frust“, sagt Weise. „Und dann sehen die Leute solche Zahlen und schlagen die Hände über den Kopf, als kämen die von irgendwo her.“

Höhere Tabaksteuer seit Januar

In beinahe allen Beratungsgesprächen in Balingen suche ein Raucher nach Rat – dabei gehe es aber immer um andere Suchtmittel. Dass ein sozialer Leidensdruck und damit eine Motivation zum Aufhören kaum besteht, kreidet Weise einer laxen Einstellung des Gesetzgebers gegenüber der Tabakindustrie an. Denn Legalität suggeriert unbedenkliches Handeln: „Das kennt man auch vom Alkohol“, so der Suchtbeauftragte.
Im Januar 2022 wurde mit Anhebung der Tabaksteuer zumindest die finanzielle Hürde das erste Mal seit sieben Jahren um rund zehn Cent pro Schachtel erhöht. Seit diesem Monat sind es noch einmal weitere zehn Cent, sodass der Durchschnittspreis gegenwärtig bei 7,70 Euro liegt.

Eine Nation auf Entzug: Neuseeland will rauchfrei werden

Was im Ohr eines Rauchers nach Wucher klingen mag, ist am anderen Ende der Welt derweil Spottpreis. Mehr als umgerechnet 21 Euro kostet in Neuseeland eine Packung. Das ist aber auch jenes Land, das vor weniger als einem Monat das Gesetz „Smokefree 2025“ erlassen hat, mit dem Ziel, in besagtem Jahr quasi rauchfrei zu sein: Zigaretten dürfen dann überhaupt nicht mehr über neuseeländische Ladentheken gehen. Eine dann noch legale Alternative sind E-Zigaretten, die immer wieder als Hilfsmittel zur Entwöhnung von Tabak beworben werden.

Dampfen als Alternative?

„Die Tabakindustrie hat da ganze Arbeit geleistet. Das geht schon seit den 60ern so, dass irgendwas als ‚gesund‘ beworben wird“, sagt Martin Weise. Galten vor siebzig Jahren die neuen Filter als gesunder Zusatz, so genießt nun das Dampfen einen unverfänglichen Ruf.
Mit Blick auf die karzinogenen Stoffe auch nicht zu Unrecht; sie sind nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums in deutlich geringerer Menge vorhanden als im Tabak. Problematisch ist dagegen die häufig unklare Zusammensetzung der Flüssigkeiten. „Ich will da eigentlich gar keine Vergleichbarkeit herstellen, das muss man separat beobachten. Und für das Dampfen gibt es noch gar keine langfristigen Untersuchungen“, merkt Martin Weise an.

Entwöhnung: Neue Rituale schaffen

Ob das Dampfen bei der Tabakentwöhnung eine Hilfe sein kann, bezweifelt er insofern, als ritualisiertes Verhalten eine mindestens so große Rolle spiele wie die Notwendigkeit eines Rauchers, das körperliche Bedürfnis nach dem Suchtmittel zu stillen. In Kooperation mit der AOK hatte die Diakoniestelle bis 2019 noch einen Entwöhnungskurs im Programm, der auf das Erlernen neuer Verhaltensmuster setzte.
„Dieser Kurs war aber nie gut besucht“, erinnert sich Weise. „Und wenn, dann waren es Leute zwischen 30 und 60, die schon gesundheitliche Probleme bemerkt haben.“

Alle zwei Monate eine Haushaltsbefragung

Die Debra-Studie wird am Institut für Allgemeinmedizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf seit 2016 durchgeführt. Die Haushaltsbefragungen in zweimonatigem Rhythmus erfolgen digital und richten sich an Personen ab dem Alter von 14 Jahren. Insgesamt werden jedes Mal rund 2000 Personen befragt (Zufallsstichproben). Die Studie wird vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert.