Premiere in Schömberg: Nicht-Muslime erstmals beim Fastenbrechen dabei

Während des Ramadans verzichten Muslime tagsüber auf Essen und Trinken. Am Abend wird gemeinsam gegessen – so wie hier in Schömberg beim sogenannten Fastenbrechen, zu dem der Kulturverein Fetih Camii D.I.T.I.B eingeladen hatte.⇥
Volker SchweizerWer am Samstagabend in der Altstadt einen Parkplatz suchte, tat sich bisweilen schwer. Aus allen Himmelsrichtungen strömten die Menschen – am Ende werden es wohl so an die 300 gewesen sein – zur Stauseehalle, wo die Mitglieder des islamisch-türkischen Kulturvereins Fetih Camii D.I.T.I.B ein dreigängiges Menü auftischten. Dabei wurde gebetet, aber auch viel geschwätzt und gelacht.
Das gemeinsame Fastenbrechen im Ramadan ist nichts Außergewöhnliches, neu war in diesem Jahr aber, dass auch Bürger aus dem Städtle, unabhängig von Religionszugehörigkeit oder Herkunft, daran teilnehmen durften. Eingeladen waren die Nachbarn der Moschee und Vertreter aus dem Gemeinderat, den Vereinen und den Kirchen.
Was ist der Ramadan?
Es bestand freie Platzwahl, schließlich war die Intension der Veranstaltung, dass sich Muslime und Nicht-Muslime kennenlernen, ins Gespräch kommen, dabei vielleicht sogar Freundschaften entstehen.
Mit Blick auf die Kriege in der Welt, vor allem im Gaza-Streifen und in der Ukraine, betonte Aliriza Kablan in seiner Begrüßung, dass der Kulturverein mit dem gemeinsamen Abend Werte wie Vielfalt, Toleranz und Menschlichkeit hochhalten wolle, darüber hinaus zeigen möchte, was der Ramadan bedeute. Das „Fastenbrechen am See“ solle künftig jedes Jahr stattfinden. Vielleicht entstehe daraus eine Tradition. Die (deutschen) Gäste hörten aufmerksam zu, auch als Yakub Akboga in arabischer Sprache aus dem Koran rezitierte.
Sie erfuhren unter anderem, dass sich der Fastenmonat nach dem Mond orientiert und sich das Fastengebot an gesunde Erwachsene richtet, Kranke, Reisende, aber auch werdende oder stillende Mütter sowie Kinder und alte Menschen davon ausgenommen sind. Der Ramadan, ergänzte Vorstandsvorsitzender Vahdet Özdemir, sei eine Zeit der inneren Einkehr, der Dankbarkeit und des Zusammenhalts. Für die Zukunft wünschte er sich, dass das Fastenbrechen einen festen Platz im Kalender der Schömberger findet. In der Stadt sei man verwurzelt, die Moschee stehe schon seit Jahrzehnten. Abschließend dankte Özdemir den vielen Helferinnen in der Küche und den Jugendlichen, die das Essen verteilten.
Die Tische waren frühlingshaft eingedeckt, mit Tulpen und etwas Grün; außerdem standen Ayran, Datteln und Bonbons bereit. Als Vorspeise wurde Linsensuppe mit Fladenbrot serviert, der Hauptgang bestand aus einer Fleischpfanne mit Reis und Salat, und als Nachspeise gab es Baklava, ein in Zuckersirup eingelegtes orientalisches Gebäck. Alle langten gerne zu, die meisten Teller waren, als Mert Yüksel ein Gebet sprach, leergegessen.
Seit 1983 in Schömberg
Noch vor dem Essen grüßte der Iman der Gemeinde, Yakub Akboga, die Gäste „mit Liebe und Zuneigung“, bevor Gemeinderat Marc Schwarz versicherte, dass die Schömberger die Einladung gerne angenommen hätten, dadurch lasse man die Nachbarschaft lebendig werden. Und so werde ein friedliches Miteinander auf beeindruckende Weise praktiziert.
Schwarz‘ Ratskollege, Walter Schempp, der auch Vorsitzender der TG Schömberg ist, berichtete, dass sich viele türkische Mitbürger im Sportverein engagieren. Er war nicht mit leeren Händen gekommen, dem sichtlich überraschten Vorstandsvorsitzenden überreichte er ein inhaltsschweres Kuvert. Dass die Völkerverständigung in Schömberg funktioniert, zeigte sich zuletzt beim Kulturfest, das an Pfingsten vor einem Jahr an die 1500 Gäste vor die Moschee gelockt hatte.
Eine islamisch-türkische Gemeinde gibt es in Schömberg schon lange, sie ist seit 1983 im Vereinsregister eingetragen. Zunächst trafen sich die Mitglieder – heute sind es über 400 – in der Dorfgasse im früheren „Rössle“. 2002 wurde das alte Gasthaus teils abgerissen und an gleicher Stelle ein Gemeindezentrum erstellt. Im Mai 2003 fand die Einweihung statt. Zum Einzugsbereich der Moschee gehören die Gläubigen aus dem Oberen Schlichemtal, aus einzelnen Balinger Stadtteilen und aus Meßstetten.
