Mutter eines Inhaftierten
: „Wir Angehörigen sind auch gestraft“

Sandras Sohn wurde wegen Drogenhandels zu einer Freiheitsstrafe von knapp zehn Jahren verurteilt. Die Balingerin hat eine Selbsthilfegruppe für Angehörige gegründet. Wie sich ihr Leben seit der Urteilsverkündung verändert hat.
Von
Sophie Holzäpfel
Balingen
Jetzt in der App anhören
Depression: PRODUKTION - 19.02.2025, Niedersachsen, Hannover: ILLUSTRATION - Die Silhouette einer Frau zeichnet sich vor einer hellen Fensterfront ab (gestellte Szene). (zu dpa: «AOK: Länger als sechs Wochen krank - meist wegen der Seele») Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

„Erstmal weiß man gar nicht, wo man anfangen soll“, sagt Sandra aus Balingen, Mutter eines Inhaftierten. (Symbolfoto)

Julian Stratenschulte/dpa
  • Mutter eines Inhaftierten gründet Selbsthilfegruppe für Angehörige in Balingen.
  • Sohn wegen Drogenhandels zu knapp zehn Jahren Haft verurteilt – Wiederholungstat nach Therapie.
  • Sandra kritisiert fehlende Unterstützung und lange Wartezeiten für psychologische Hilfe.
  • Treffen bieten geschützten Raum für Austausch und gegenseitige Unterstützung.
  • Ziel: Tabuthema brechen, Betroffenen Mut machen und Zusammenhalt stärken.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Alles ist dunkel. Die Erinnerung an jenen Abend ist farblos. Kein Lichtstreifen. Diese Dunkelheit habe sie später fast verschluckt, sagt Sandra. Sie sei gerade von einem Spaziergang zurückgekehrt, als die Polizeibeamten die Wohnung stürmten. „Es war wie ein Schock. Alles ging so schnell“, erinnert sich die Balingerin. Die Polizisten führten den Sohn vor den Augen der Mutter ab. Zu diesem Zeitpunkt war er 17 Jahre alt. Traumatisch sei die Erfahrung gewesen, sagt Sandra. „Man fühlt sich hilflos, allein.“ Gefangen in einem Albtraum. Es dauerte mehr als eine Woche, bis sie damals erfahren habe, in welche Justizvollzugsanstalt ihr minderjähriger Sohn gebracht worden war.

Zu wenig Anlaufstellen

Zunächst sei sie vollkommen überfordert gewesen. „Da sind so viele Fragen: Wie komme ich an das Besuchsrecht? Wie oft darf ich ihn besuchen? Wie kann ich meinem Kind helfen?“, zählt Sandra auf. Während der Teenager, der später wegen Drogenhandels verurteilt wurde, in Untersuchungshaft saß, durfte sie ihn nur unter Beobachtung eines Beamten besuchen. „Das Besuchsrecht muss man über den Staatsanwalt beantragen. Beim ersten Mal raucht einem der Kopf.“ Zwei Wochen nach jener Nacht habe sie ihrem Sohn gegenüber gesessen. „Über den Fall durften wir nicht sprechen.“ Sie wusste, dass er selbst Drogen konsumierte. Immer dünner sei er geworden. „Ich konnte ihn aber nicht davon abbringen.“ Dass er jedoch auch damit dealte, davon habe sie nichts geahnt, sagt Sandra.

Sie beschreibt ihren Sohn als sensiblen, schüchternen Menschen mit vielen Unsicherheiten. „Er war immer auf der Suche nach Anerkennung.“ Vielleicht habe er geglaubt, sie so zu finden. „Es geht nicht darum, schönzureden, was er getan hat. Oder ihn in Schutz zu nehmen. Aber er bleibt mein Sohn. Ich würde ihn niemals fallen lassen“, sagt sie mit fester Stimme. In Briefen, die er ihr erst aus der Untersuchungshaft und später aus dem Gefängnis schrieb, habe er immer wieder um Entschuldigung gebeten. Beteuert, wie sehr er bereue, seine Familie enttäuscht zu haben. „Einmal hat er mir gesagt: Mama, weißt du, manche von den Jugendlichen, die hier sitzen, bekommen gar keinen Besuch.“

Jeden ersten Mittwoch im Monat

...trifft sich die Selbsthilfegruppe für Angehörige von Inhaftierten von 18 Uhr an im Haus am Stettberg, in der Ostdorfer Straße 83 in Balingen. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich. Das erste Treffen der Gruppe ist am Mittwoch, 9. Juli. Nähere Informationen gibt es online auf der Webseite (selbsthilfe-zollernalb.de) oder telefonisch unter 0711 - 652516721.

Am schlimmsten, sagt Sandra, seien die Selbstzweifel gewesen. „Man fragt sich selbst die ganze Zeit: Was habe ich falsch gemacht?“ Sie habe mit kaum jemandem aus ihrem Umfeld darüber gesprochen. Aus Angst vor den Reaktionen, der Verurteilung. „Man ist selbst so labil, man will als Mutter in diesem Moment nicht hören, dass er die Strafe verdient hat. Wir Angehörigen sind auch gestraft.“ Im Zollernalbkreis hätte sie jedoch kaum Anlaufstellen gefunden, sagt sie. Sie habe versucht, einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu bekommen. „Die Wartezeiten sind lang. Wenn man aber Hilfe braucht, dann braucht man sie jetzt und nicht irgendwann in sechs bis acht Monaten.“

Sie habe sich wahnsinnig einsam gefühlt. „Dabei bin ich das nicht. Das, was ich durchlebe, machen andere Angehörige auch durch. Aber es ist immer noch ein Tabuthema, kaum jemand spricht darüber.“ Schon damals habe sie gedacht: Das muss sich ändern. „Und vielleicht muss ich hier die Veränderung anstoßen.“

Doch zunächst habe sie die Idee wieder verworfen, sagt Sandra. Ihr Sohn hat nach seinem einjährigen Gefängnisaufenthalt eine Therapie gemacht. Erstmal wurde alles besser. Bis es wieder schlimmer wurde. Er habe eine Ausbildung gemacht, gearbeitet, sei mit seiner Freundin zusammengezogen. Dann, im Dezember vergangenen Jahres, stand die Freundin ihres Sohnes vor Sandras Haustür. Er sei wieder inhaftiert worden, habe sie vollkommen aufgelöst erzählt. Erneut der Verdacht des Drogenhandels. Diesmal im großen Stil. Das sollte sich bestätigen. Sechs Monate später wurde er zu neun Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Noch sitzt er in Untersuchungshaft, schon bald soll er verlegt werden. „Es war wieder ein Schock. Ich bin wirklich aus allen Wolken gefallen, ich habe es nicht mal erahnt.“ Von der Polizei habe sie zunächst keine weitere Auskunft erhalten.

Ein geschützter Raum

„Aber diesmal war es im Vergleich zum letzten Mal ein bisschen einfacher. Ich wusste zumindest, was ich machen muss“, bemerkt Sandra. Als sie ihren Sohn dann wiedersah, war sie überrascht. „Die Struktur im Gefängnis hilft ihm auf eine Art. Er hat wieder einen klareren Blick, er kann wieder lachen. Es hört sich paradox an, aber es geht ihm momentan besser.“

Sie werde auch diesmal für ihren Sohn da sein, betont Sandra. „Das werde ich immer.“ Und den Kopf nicht in den Sand stecken. „Ich versuche mich abzulenken, immer etwas zu machen.“ Laufen gehen, lange Spaziergänge, Schwimmen: All das helfe. „Damals hing ich so in der Schwebe. Diesmal weiß ich wenigstens ungefähr, was auf uns zukommt. Das Schlimmste ist immer die Ungewissheit.“

Die Idee, die ihr seit Jahren durch den Kopf ging, nahm plötzlich Gestalt an. „Ich will einen geschützten Raum schaffen, für Menschen, denen es genauso geht wie mir. Ich will meine Erfahrungen weitergeben, anderen helfen, so gut es geht.“ Die alleinerziehende Mutter nahm Kontakt zu Selbsthilfegruppen für Angehörige von Inhaftierten in Nürnberg und Dortmund auf. „Bei uns hier im Zollernalbkreis gab es so etwas bis jetzt nicht.“

In Stuttgart sei sie schließlich fündig geworden. Unterstützung bekommt sie neben den Selbsthilfekontaktstellen „KISS“ und „KIGS“ vom sozialen Dienst der AOK und dem Verbund „Selbsthilfe im Zollernalbkreis“.

Anderen Mut machen

Nicht nur die Inhaftierten bekämen einen gesellschaftlichen Stempel aufgedrückt, sondern oft auch ihre Angehörigen, kritisiert Sandra. Ihr Ziel sei es, anderen Betroffenen Mut zu machen und für das Thema zu sensibilisieren. „Du bist nicht allein damit. Wir können zusammen stärker durch diese Zeit gehen.“

Was ihr hilft? „Meinen Sohn wieder lächeln zu sehen. Wir müssen jetzt nach vorne schauen“, betont sie. „Ich habe es schon einmal gepackt und packe es wieder. Aber viele zerbrechen daran.“ Umso wichtiger sei es, eine Anlaufstelle zu haben, einen Ort, an dem man frei sprechen kann, verstanden wird und nicht verurteilt. Diesen Ort gibt es von nun an in Balingen. „Zu merken, dass man nicht allein ist, dass andere Menschen den gleichen Schmerz empfinden und darüber zu sprechen, kann helfen“, sagt Sandra. Und lächelt.