Fachtag Sucht Balingen
: Mut, die Hemmschwellen abzubauen

Der Fachtag Sucht, der am 23. Juli auf der Balinger Gartenschau stattfindet, möchte nicht nur über entsprechende Hilfsangebote informieren, sondern auch Mut machen, sie anzunehmen.
Von
Andrea Maute
Balingen
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„Sucht hat viele Gesichter – und geht uns alle an“: Mit dem Fachtag auf der Gartenschau möchten Tina Morlok (AOK Kigs, links) und Adalbert und Barbara Gillmann (Elternselbsthilfe) auf die Hilfsangebote aufmerksam machen.

Andrea Maute

Es soll ein Tag sein, um Mut zu machen. Mut, die eigenen Hemmschwellen abzubauen und sich Unterstützung im Kreise derer zu suchen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden oder befunden haben. Dies ist eine der Hauptbotschaften, die der Fachtag Sucht am 23. Juli auf der Balinger Gartenschau vermitteln möchte und Adalbert Gillmann wird nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen.

Der Elternkreisleiter der Elternselbsthilfe Zollernalbkreis für suchtgefährdete und suchtkranke Töchter und Söhne weiß: „Fast jeder kommt auf irgendeine Art und Weise irgendwann einmal mit diesem Thema in Berührung.“ Ob im familiären Umfeld, im Verwandten- oder Kollegenkreis: „Sucht hat viele Gesichter – und geht uns alle an.“ Nicht umsonst lautet so auch das Motto des Fachtags. „Es gibt so viel Leid. Auf einen von Sucht betroffenen Menschen kommen etwa vier Mitleidende“, sagt Adalbert Gillmann.

Was die Familien dabei durchmachen, könnte er nicht nur aus eigener Erfahrung berichten. Er tut es. Bewusst geht der Vater zweier betroffener Kinder mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit; ein Schritt, der nicht nur höchsten Respekt verdient, sondern der auch schon vielen Menschen Mut gemacht und sie gelehrt hat, ihre Situation besser zu ertragen, beziehungsweise zu verbessern. Seinen eigenen Vortrag zum Fachtag Sucht hat Adalbert Gillmann aus diesem Grund mit dem Titel „Elternselbsthilfe – weil es hilft!“ überschrieben.

Kommunikation ist wichtig

Ihm und seiner Frau Barbara, die im Bundesverband der Elternselbsthilfe tätig ist, hat ihr Engagement geholfen. Es hat sie, so beschreibt es Adalbert Gillmann, aus einem „ganz großen Tief“ geholt. Es sei ein langer Weg, bis man erkenne: „Ich bin nicht schuld.“ Und bis man gelernt habe: „Mein Kind ist krank und muss behandelt werden.“

Sehr oft gleicht dieser Weg einem Labyrinth aus Schuldgefühlen, mangelnder Kommunikation und Unfrieden. Die Sucht hat die ganze Familie fest im Griff. Nicht nur die suchtkranken Kinder selbst, auch Eltern und Geschwisterkinder leiden. Es ist „ein Teufelskreis“, weiß Adalbert Gillmann. „Eine Situation, an der Familien zerbrechen können.“ Mit Rückhalt, Verständnis, Austausch und Rat möchte die Elternselbsthilfe Betroffene dabei unterstützen, aus dem Teufelskreis auszubrechen.

Seine 15-jährige Erfahrung mit diesem Thema hat Adalbert Gillmann schon vielfach weitergegeben. Mittlerweile konnte die Elternselbsthilfe bereits über 150 Eltern und Angehörigen unter die Arme greifen. Durchschnittlich 15 bis 22 Personen nehmen regelmäßig an den Gruppenabenden teil. Das Spektrum der Süchte, von denen ihre Kinder oder Geschwister betroffen sind, reicht von Drogen- und Alkohol- über Medien-, Spiel- und Medikamentensucht bis hin zu Essstörungen. Besonders alarmierend sei, dass es fast keine einzelnen Süchte mehr gebe, macht Gillmann deutlich. „Das eigentliche Problem ist der Mixkonsum.“ Und die Dunkelziffer weit höher als angenommen.

Eine gute Prävention

Was kann man tun, um bestmöglich zu verhindern, dass die eigenen Kinder immer tiefer in die Suchtspirale geraten? „So früh wie möglich handeln“, rät Barbara Gillmann. Heute würden nicht selten schon Zwölfjährige erste Erfahrungen mit Drogen sammeln. „Eine gute Prävention an Schulen, so etwa ab der sechsten Klasse, ist deshalb das A und O.“

Leider sei die Situation durch Corona noch intensiver geworden. „Die Belastung ist enorm hoch“, weiß das Ehepaar. Und oftmals gipfle diese in Aggressionen, Streit, Machtkämpfe – und Funkstille. Der falsche Weg, sagt Adalbert Gillmann und mahnt: „Das Thema wird viel zu oft totgeschwiegen.“ Dabei sei „eine achtsame, gewaltfreie Kommunikation“ in so einer Situation unheimlich wichtig.

Doch nur starke und informierte Angehörige haben die Kraft zu handeln, bevor sie sich den Zugang zum irgendwann zu einem jungen Erwachsenen gewordenen Kind sprichwörtlich verbauen.

Mut machen, Hilfe anzunehmen

Der Fachtag, den die Elternselbsthilfe in Kooperation mit der Kontakt- und Informationsstelle für gesundheitsbezogene Selbsthilfe der AOK Neckar-Alb (Kigs) durchführt, will die Betroffenen dazu ermutigen, sich helfen zu lassen. Er beleuchtet das Thema Sucht außerdem aus allen möglichen Perspektiven.

Unter anderem wird ein Schauspieler die persönliche Geschichte von Adalbert Gillmann erzählen. Ärzte, Therapeuten und Suchtbetroffene informieren die Besucherinnen und Besucher über Auswirkungen und Folgen der Sucht. Doch nicht nur Informationen sind wichtig, sondern auch der Austausch. Die Experten haben ein offenes Ohr für Fragen und nehmen sich nach ihren Referaten Zeit, sie zu beantworten.

Experten beantworten Fragen

Mit diesem Tag möchte Adalbert Gillmann nicht nur erreichen, dass die Elternselbsthilfe Zollernalbkreis einer großen Öffentlichkeit bekannt wird. Er möchte vielmehr auch vermitteln: Niemand muss in einer solchen Situation mit seinen Problemen alleine bleiben.

Der Fachtag Sucht am Sonntag, 23. Juli: Programm und Informationen

9.30 Uhr, Hauptbühne: Begrüßung durch Adalbert Gillmann (Elternselbsthilfe Zollernalbkreis) sowie Renate Liener-Kleinmann und Tina Morlok (AOK).

9.40 Uhr, Hauptbühne: Grußworte Landrat Günther-Martin Pauli und Bürgermeister Ermilio Verrengia.

10 Uhr, Stadthalle: Vortrag „Medikamente und Abhängigkeit“, Roland Bieger, Fachapotheker für klinische Pharmazie im Zollernalb Klinikum Balingen.

10.45 Uhr, Stadthalle: Vortrag „Essstörungen, Magersucht und Co.“, Dr. Dipl.-Psych. Gaby Resmark, Psychologin, Psychotherapeutin, Kompetenzzentrum Uni-Tübingen.

11.30 Uhr, Stadthalle: Vortrag „Pathologische Glückspielsucht“, Daniel Nakhla, Therapeutischer Leiter Therapiezentrum Münzesheim (Kraichtal-Kliniken).

12.15 Uhr, Hauptbühne: Wilde Bühne – Forumtheater zum Thema Sucht. Ehemals abhängige Menschen lassen ihre persönlichen lebensgeschichtlichen Erfahrungen in ihr künstlerisches Schaffen einfließen.

13.15 Uhr, Hauptbühne: Vortrag „Mediensucht – Internet, Handy, Computerspiele“, Alexander V. Ries, Fachbereichsleiter Digitalisierung Uni-Tübingen.

14 Uhr, Hauptbühne: Vortrag „Alkohol und Drogenabhängigkeit“, Johannes Schönthal, Bereichsleitung medizinische Reha im bwlv, Klinikleiter bwlv Fachklinik Tübingen.

14.45 Uhr, Hauptbühne: Wilde Bühne – Improvisationstheater.

15.30 Uhr, Hauptbühne: Vortrag „Suchtprävention ist Persönlichkeitsentwicklung“, Mathias Wald, Ex-Drogenabhängiger, Keynote Speaker und Life-Coach.

16.30 Uhr, Hauptbühne: Podiumsdiskussion zum Thema „Sucht in der Familie – was bedeutet das?“ mit Wolf Hafner (1. Vorsitzender Bundesverband der Elternkreise), Martin Weise (Suchtberatungsstelle/Diakonie), Mathias Wald (Ex-Drogenabhängiger), Adalbert Gillman (Elternkreisleiter Elternselbsthilfe Zollernalbkreis), Tom Ullrich (Sozialpädagoge/Sozialtherapeut), Evelyn Hilbeck (Suchttherapeutin), Johannes Schönthal (Arzt/Psychologe).

18.15 Uhr, Hauptbühne: Vortrag „Elternselbsthilfe – weil es hilft“, Adalbert Gillmann, Elternkreisleiter Elternselbsthilfe Zollernalbkreis.

Verschiedene Selbsthilfegruppen und Institutionen sind außerdem mit Infoständen vor der Stadthalle vertreten.

Die Elternselbsthilfe Zollernalbkreis für suchtgefährdete und suchtkranke Töchter und Söhne trifft sich jeden zweiten Montag um 20 Uhr in der Friedrichstraße 67 (altes Landratsamt) in Balingen. Eine erste Anmeldung bei Adalbert Gillmann ist unter Telefon (07476) 4 49 07 41 oder per E-Mail an info@elternselbsthilfe-zak.de erforderlich. Weitere Informationen gibt es auch auf der Homepage der Gruppe unter www.elternselbsthilfe-zak.de.