Bei den meisten beginnt es mit Schlaflosigkeit, erst danach tauchen die Rücken- oder Magenschmerzen auf. Wird es dann zwischen schikanierenden Kollegen oder noch schlimmer – mit Mobbing aus der Führungsetage – richtig schlimm, müssen manche beinahe täglich vor Arbeitsantritt brechen. Die Ehrenamtlichen von „Anti-Mobbing-Zollernalb“ und der Erste Vorsitzende des Vereins, Heinz Weisser, haben viel gesehen und noch mehr gehört. Weisser ist zudem Konflikt- und Mobbingberater der Konflikthotline Baden-Württemberg.
Seit 30 Jahren engagiert sich der Verein – eine der wichtigsten Anlaufstellen in ganz Baden-Württemberg – mit Selbsthilfegruppen und einem großen Netzwerk für Menschen, die am Arbeitsplatz Mobbing ausgeliefert sind, und dort von unbeteiligten Kollegen keine Unterstützung erhalten. „Wer nichts tut, und einfach nur zusieht, macht sich schuldig“, mahnt Weisser. Das Problem: Wie auch in jenen Situationen, die unser Gewissen sofort Alarm schlagen lassen – ein gewalttätiger Konflikt auf der Straße zum Beispiel –, besteht immer auch die begründete Angst, ebenfalls Gewalt zu erfahren.
Dazu kommt ein schwach ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass Zivilcourage nicht nur physisches Eingreifen oder die Alarmierung von Rettungskräften bedeutet, sondern auch das Intervenieren im Büroalltag, wenn es denn nötig wird.

Wann spricht man von Mobbing?

„Nicht jeder Konflikt ist gleich Mobbing, viele sind sogar heilsam, wenn bei einem schwierigen Projekt zum Beispiel Lösungen gefunden werden müssen“, sagt Weisser. „Bei Mobbing geht dann aber alles auf einmal gegen eine bestimmte Person.“ Weil Mobbing ein schwerer Vorwurf ist, hat der 1999 verstorbene Sozialwissenschaftler Heinz Leymann einen Katalog mit 45 Handlungen zusammengestellt, um Mobbing zu identifizieren. Entscheidend ist dabei, dass diese Handlungen über Monate wiederholt und systematisch auftreten müssen.

„Bossing“: Wenn der Chef mobbt

Im Berufsalltag können das unterschlagene Informationen oder E-Mails sein, verleumderischer Klatsch unter Kollegen, vermeintlich spaßiges Piesacken. Ist der Chef persönlich am Werk, wird von „Bossing“ gesprochen; dann finden sich manche an einem Schreibtisch im fensterlosen Kabuff wieder – so vor Jahren im Bankenumfeld geschehen, wie Heinz Weisser erzählt, als kleine Dorffilialen auch in der Region geschlossen wurden, und Mitarbeiter in den Hauptzentralen Anschluss finden mussten.
„Mobbing-Dynamiken entstehen häufig in Situationen mit hohem Belastungsdruck oder bei Missgunst. Wenn zum Beispiel jemand Neues meine eigene Position bedroht“, sagt Weisser. Gerade der Stressfaktor indes könne dazu führen, dass selbst Menschen zu Tätern werden, die im Nachhinein von ihrem eigenen Handeln überrascht sind. „Betroffen sind dann meistens die harmoniebedürftigen Menschen, die sich sehr spät wehren.“
Grundlage für ein gesundes Arbeitsumfeld wiederum ist in erster Linie die Wertekultur des Arbeitgebers – in erster Linie Wertschätzung der Mitarbeiter und schnelles Handeln, sobald sich kritische Signale zeigen. Aber: „Das, was die Firmen da tolles über sich im Internet schreiben, wird nicht immer gelebt“, beklagt Weisser.

Wie kann man helfen?

Eigenständig Hilfe zu besorgen, ist für Opfer äußerst schwierig. Denn neben mangelndem Eingreifen durch Kollegen geht derzeit in Deutschland die Zahl der Betriebsräte zurück – nach Einschätzung Weissers der wichtigste Grund für die von ihm beobachtete Zunahme an betrieblichen Mobbing-Fällen. Manche Vorgesetzte entzögen sich zudem ihrer Verantwortung: „Da heißt es dann gerne – regelt das mal unter euch.“ Umso wichtiger, als Kollege doch aktiv zu werden: Wer Sorge um das eigene Standing hat, etwa vor einem mobbenden Chef, muss dies nicht vor aller Augen tun. „Man kann signalisieren, dass man Beistand gibt.“ Weil das alleine aber nicht ausreicht, kann in Absprache mit dem Betroffenen externe Hilfe gesucht werden. „Viele Mobbing-Opfer melden sich nicht selbst. Es sind ihre Angehörigen. Das ist dann meistens schon sehr spät.“

Kontakt suchen und Tagebuch führen

Anti-Mobbing-Zollernalbkreis ist ein Verein mit Kontakt zu Juristen, Therapeuten und Rehakliniken sowie zu Ansprechpartnern in den Behörden. Wer Hilfe braucht, wird begleitet, bis sich die Situation im Arbeitsumfeld beruhigt hat oder aber ein neuer Arbeitsplatz gefunden ist.
Wer von Mobbing betroffen ist, sollte in jedem Fall sorgfältig Tagebuch führen. Denn Mobbing vor Gericht zu beweisen ist schwierig, vor allem wenn Kollegen als Zeugen schweigen. Ein Gesetz gegen Mobbing gibt es nicht. Der Schutz des Arbeitnehmers besteht allein durch die Fürsorgepflichten des Arbeitgebers und in manchen Fällen durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.