Migrationsdebatte: Annas Mutter droht die Abschiebung

Viele Menschen in Deutschland stehen aufgrund der Migrationspläne der CDU aktuell mit dem Rücken zur Wand. (Symbolfoto)
Fabian Sommer/dpa-tmn/dpa- Anna Teschner, 17, könnte durch CDU-Migrationspläne ihre Mutter verlieren.
- Annas Mutter stammt aus Thailand, lebt seit 20 Jahren in Deutschland.
- Mit Annas Volljährigkeit endet das Aufenthaltsrecht ihrer Mutter.
- CDU will Abschiebungen erleichtern und Sozialleistungen kürzen.
- Unsicherheit über die Zukunft belastet Anna und ihre Mutter psychisch.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Ich glaube, ich hasse mein Leben“, sagt die 17-Jährige am Telefon. Es ist Freitagnachmittag. Während sie mit einer Redakteurin telefoniert, entscheidet sich zeitgleich in Berlin, ob die CDU mit ihren Plänen zur Begrenzung der Migration in Deutschland durchkommt. Eine Abstimmung in Berlin, ein Schicksal in Balingen. Denn dort könnten diese Pläne dafür sorgen, dass die Mutter der 17-Jährigen eines Tages Deutschland verlassen muss. „Es fühlt sich an wie Ohnmacht.“
Auch ohne das umstrittene Sofortprogramm der CDU hat die Mutter von Anna Teschner, die in Wirklichkeit anders heißt, keine rosige Zukunft. Ihre Mutter wurde 1967 in Thailand geboren, lernte vor zwei Jahrzehnten einen Deutschen kennen und zog mit ihm hierher. Sie hat fünf Kinder, Anna ist ihr jüngstes. In wenigen Wochen wird die 17-Jährige volljährig. Und damit ändern sich nicht nur in ihrem Leben viele Dinge, sondern auch im Leben ihrer Mutter.
Chancen auf Asyl bestehen kaum
Dann verschwindet die Grundlage für ihr Aufenthaltsrecht: das Sorgen um ihr Kind. Das Aufenthaltsgesetz besagt, dass Eltern von minderjährigen, deutschen Kindern ein Aufenthaltsrecht haben, um sich um ihr Kind zu kümmern. Sobald das Kind volljährig wird, entfällt dieser Grund. Doch es gibt eine rechtliche Möglichkeit für einen weiteren Aufenthalt: Falls eine Ausreise unzumutbar ist – beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen – kann eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden. Ob das bei Anna Teschners Mutter der Fall ist, müsste geprüft werden.
„Meine Mutter ist krank und kann aus medizinischen Gründen nicht arbeiten“, erläutert die 17-Jährige. Ihre Mutter könne kaum Deutsch und verstehe ihre Situation auch nicht. Sie sehe sich als eine der „guten Ausländerinnen“, die immer mal wieder auf Märkten kocht und sich dort einen Groschen für schlechte Zeiten verdient. Thailand gilt zwar nicht pauschal als sicheres Herkunftsland, Chancen auf Asyl hat Anna Teschners Mutter aber trotzdem kaum. Denn Asyl wird nur gewährt, wenn eine politische Verfolgung oder schwerwiegende Gefährdung vorliegt. Wirtschaftliche Not oder Krankheit reichen in der Regel nicht aus – es sei denn, es gibt in Thailand keine ausreichende medizinische Versorgung für ihre Krankheit.
Die CDU fordert in ihrem Sofortprogramm, dass Sozialleistungen für Migranten gekürzt und Abschiebungen erleichtert werden. Anna Teschners Mutter lebt momentan bei und von ihrem Partner. Der Vater der 17-Jährigen ist im vergangenen Jahr gestorben. Schon lange davor waren die Eheleute geschieden, eine Zeit lang lebte Anna Teschner mit ihrer Mutter im Frauenhaus. Der Vater war gewalttätig geworden.
Es sind sowohl die körperlichen als auch die psychischen Belastungen, die eine Schneise in das Wohlbefinden ihrer Mutter geschlagen haben. Das Duo lebte jahrelang am Existenzminimum. In manchen Monaten war es lediglich das Kindergeld von Anna Teschner, das den beiden zur Verfügung stand. In Balingens Steinenbühl wohnten die Teschners in einer städtischen Wohnung, „heruntergekommen“, sagt die 17-Jährige, die mit ihrer Mittleren Reife kämpfte und später in eine Notfalltherapie kam. Noch immer schleppt sie die psychischen Altlasten mit sich.
Lasten, die durch die Migrationsdebatte im Bundestag dieser Woche verstärkt wurden. Die Unsicherheit darüber, was potenzielle neue Gesetze für ihre Mutter bedeuten würden, rauben der jungen Balingerin die letzten Kräfte. „Offensichtlich ist alles einfach scheiße“, sagt Anna Teschner, die gleichzeitig kein Geheimnis daraus macht, dass es aus staatlicher Sicht nicht viele Gründe gibt, warum ihre Mutter hier bleiben sollte. Außer einem: der Humanität.
„Er ist nicht durchgekommen“
Zwar bekam der Vorstoß der CDU wenige Stunden nach dem Telefonat am Freitagnachmittag nicht die nötige Mehrheit. „Er ist nicht durchgekommen“, schreibt Anna Teschner hinterher und meint damit Friedrich Merz. Doch die Unruhe ist geblieben. „Heute scheitern sie“, sagt die 17-Jährige. „Aber in einer Regierung mit der AfD …“
Die Jugendliche weiß, dass viele Vorschläge der CDU verfassungsrechtlich problematisch sind oder mit der EU abgestimmt werden müssten. Vor allem geplante Einschränkungen beim Familiennachzug oder Sozialleistungen könnten an Grundrechten oder europäischen Vorgaben scheitern. Besonders umstritten ist die Idee, Asylverfahren in Drittstaaten auszulagern, was mit europäischen Menschenrechtskonventionen kollidieren könnte.
Warten auf etwas, das sie nicht beeinflussen können
Aber die Ungewissheit vor dem, was die nächste Regierung in Sachen Migrationspolitik mit sich bringen wird, treibt die 17-Jährige und ihre Mutter um. „Ich glaube, wenn man älter wird, bereitet man sich vor und lebt dann damit, dass man auseinander wächst“, sagt Anna Teschner. Ihre Situation ist eine andere.
Der Wunsch ihrer Mutter wäre es, selbstbestimmt eine Entscheidung treffen zu dürfen. Ihr gehe es darum, dass „Leute wie wir“ von Behörden auseinandergerissen würden. „So war das schon immer. Damit kann ich mich niemals zufriedengeben“, sagt die junge Balingerin. „Sich in das Leid fremder Menschen, insbesondere marginalisierter, zu versetzen, um ihre Intentionen besser kennenzulernen, bedeutet nicht, über das Leben dieser Menschen zu bestimmen, zu herrschen und ihnen Terror und Totschlag zu unterstellen.“
Für Anna Teschner und ihre Mutter bleibt nur das Warten – auf eine Entscheidung, die nicht in ihren Händen liegt, aber über ihr gesamtes Leben bestimmt.


