Marktplatz Open Air
: Álvaro Soler bringt Balingen zum Tanzen – so war das Konzert

Schöner Mann, große Gefühle und ein Hauch Barcelona in der süddeutschen Provinz: Álvaro Soler verwandelt den Balinger Marktplatz in ein Sommermärchen – ganz ohne große Inszenierung, aber mit viel Herz.
Von
Peter Demmer
Balingen
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Gute Songs, gutes Aussehen – manchmal ist die Welt einfach ungerecht – meint der Fotograf.

Gute Songs, gutes Aussehen – manchmal ist die Welt einfach ungerecht – meint der Fotograf.

Peter Demmer
  • Álvaro Soler begeistert Balingen mit einem Konzert voller Sommerfeeling und spanischer Klänge.
  • Vorprogramm: Sängerin Jolina Louise überzeugt mit außergewöhnlicher Stimme und eigener Musik.
  • Soler performt Hits wie „Sofía“ und neue Songs, begleitet von einer professionellen Band.
  • Akustikmoment mit „Alma de Luz“ schafft eine magische Atmosphäre auf dem Marktplatz.
  • Konzertende: Publikum verweilt, Balingen fühlt sich wie Urlaub in Barcelona an.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Verzeihen Sie bitte, aber es muss gesagt werden. Schnörkellos, direkt und gleich zu Beginn: Was für ein schöner Mann. Nett, eloquent, charmant. Einer, der nicht lange fragt, sondern beim Betreten der Wohnung wie ganz selbstverständlich die Schuhe auszieht. Es gibt wohl wenig, was ihm nicht gelingt. Zumindest an diesem Abend. Und sogar das Wetter macht, was er will.

Von Álvaro Soler kennt man charttaugliche Ohrwürmer, und man sieht ihn regelmäßig im ZDF-Fernsehgarten, bei The Voice Kids als Juror oder – Achtung, Kultfaktor – in der VOX-Show Sing meinen Song. Aber nie als Staffage. Sondern als Musiker. Als Künstler. Einer, der wirklich was kann – und dabei auch noch fabelhaft aussieht. Aber da waren wir ja bereits.

Nun der Reihe nach: Der angekündigte Regen bleibt zur Freude aller aus. Heute keine Kapuze, sondern leichtes Strickjäckchen über dem Shirt. Und schon betritt die 18-jährige Sängerin Jolina Louise pünktlich um 19:30 Uhr die Bühne – das Vorprogramm. Ihre Chance, sich und ihre Musik für ein halbes Stündchen vor einem größeren Publikum live zu präsentieren. Online hat sie das längst getan: Tausende Follower auf TikTok und Insta. Ihre Debüt-EP – früher hätte man Mini-LP gesagt, läuft trotzdem auf 33 Umdrehungen – erschien vor zwei Monaten. Ihr Gitarrist Ben ist mit dabei. Man bemerkt sofort: In seinem Herzen schlägt eigentlich Metal. Solider Sound, solides Songwriting, außergewöhnliche Stimme mit einer immensen Range und Variabilität – und das gewisse Etwas, das man nicht beschreiben kann, aber sofort spürt: Da steht jemand Besonderes. Sie funkelt förmlich. Sie erinnert an die frühe Jewel und singt „I only miss you when I’m drunk“. Ihre Songs kennt auf dem Marktplatz noch niemand. Noch! Aber man wird diese später hören. Vielleicht auf der Heimfahrt. Mit offenen Fenstern. Weil man wissen will, ob sie es ernst meint.

Und dann kommt er. Nein – er erscheint:

Álvaro.

Seine Songs? Schreibt er selbst

Wie aus einer Werbung für Fairtrade-Kaffee. Nicht wie ein Popstar, mehr wie: der neue Freund von der Tochter. Oder des Sohnes. Schwiegersohnpotenzial. Kein Darsteller, kein Blender. Musiker durch und durch. Er spielt Piano, Gitarre – und, wie man hört, auch ein bisschen Schlagzeug. Das merkt man. Er singt, tanzt, lächelt. Álvaro Soler kann alles – und macht das auch. Seine Songs? Schreibt er selbst – oder ist zumindest beteiligt. Ein befreundeter Tontechniker hat mal behauptet: „Mit so einem komplizierten Namen wird der nie Erfolg haben.“ Der Freund irrt. Und wie.

Locker und lässig beginnt das Konzert. Einfach so. Ohne große Geste. Der Balinger Marktplatz verwandelt sich sofort in el mercado und soll dies auch für über anderthalb Stunden bleiben. Die Bühne ist ruhig aufgebaut: Alle Instrumente haben ihren Platz, ihren Raum, und es ist nicht damit zu rechnen, dass heute Abend ein Elefant dort Saltos zeigen wird. Anstatt großer Inszenierung wird heute allein die Musik sprechen. Auf Spanisch. Und das fließend.

Die Band rund um Álvaro Soler ist brutalst solide und absolut professionell. Eine Rhythmussektion aus Drums und Bass, nach der man ein Metronom stellen könnte, die aber trotzdem variabel genug ist, auch mal improvisieren zu können. Keys, Gitarre und Multiinstrumentalistin Ornella, die für sich alleine schon eine Band ist und immer dort erscheint, wo das berühmte Tüpfelchen auf dem i fehlt. Hier mal eine Gitarre, dort Percussion und wenn es sein muss, auch mal eine Harmonika. Gemeinsam spielt dort eine routinierte Band mit einer Leichtigkeit, die selbst die hintersten Reihen auf dem vollen Marktplatz jederzeit zum Tanzen bringen kann.

Vor allem die Nähe, die Herr Soler zu seinem Publikum hat, lässt die Herzen der – zumeist – Besucherinnen höherschlagen. „Ein Selfie für ein Geschenk“, heißt es dort. Sonnenblume gegen Foto. Álvaro steht parat. Und sogar aus London ist jemand angereist. Nicht wegen Balingen, sondern wegen des Musikers.

Zu perfekt, um echt zu sein?

„Ich bin mit meiner Freundin hier – letztes Jahr musste sie mit mir zu Gotthard, und ich dafür heute hierher. Ist aber nicht schlimm – das ist ja Musik, die keinem wehtut.“ Man könnte auch sagen: Schmerzmittel für den Alltag. Aber halt eins mit Geschmack. In der Tat, sie tut nicht weh. Was einen vielleicht ein wenig weiterdenken lässt: Álvaro Soler ist ein Medienprofi, durch und durch. Er weiß, was gefällt und was die Menschen sehen und hören wollen, und das gibt er ihnen bereitwillig. Dies lässt den Stempel der Belanglosigkeit über ihm schweben. Zu perfekt, um ganz echt zu sein? Vielleicht. Aber wen interessiert das. Nichtsdestoweniger hat das Konzert schon so seine Längen.

Wenn Álvaro ruft, kommen sie alle – und verlieren spätestens beim Refrain den Verstand. Der Balinger Marktplatz ist voll.

Wenn Álvaro ruft, kommen sie alle – und verlieren spätestens beim Refrain den Verstand. Der Balinger Marktplatz ist voll.

Peter Demmer

Doch Halt: Kurz nach 9, die Bühne wird leer – sie stehen nur zu viert da. Akustisch. Die Königsdisziplin. Der Song: „Alma de Luz“. Und dies ist genau dieser Moment – mitten im Set –, wo alle plötzlich stillstehen. Leute, die vorher einfach zu Ohrwürmern tanzten, horchen auf und fühlen das spektakuläre und das unglaubliche musikalische Potenzial auf der Bühne. Perfekter, mehrstimmiger Gesang, locker, fein instrumentiert und auf den Punkt. Man denkt nicht mehr an das Parkticket und die letzte Steuererklärung. Würde es regnen – es wäre egal. Vielleicht sogar besser. Weil niemand mehr nach Hause will. Und Balingen nirgends steht, aber für einen Moment ganz woanders ist. Niemand flucht. Niemand rennt. An dieser Stelle kippt der Abend – in Richtung legendär. Und das liegt an ihm. An seinem Blick, an seiner Stimme, an diesem einen Ton, den er länger hält als nötig. Weil er’s kann. Und weil er will.

Und die Leute blieben noch

Es geht weiter. Neue Songs auf alte Songs. El Camino, der Weg! Das Publikum läuft jeden Meter mit.
Mit dem Welterfolg „Sofía“ (409 Millionen Spotify-Streams – ganz Balingen singt mit) und dem neuen Stück „Jardín de los Recuerdos“ vom gleichnamigen, im Oktober kommenden Album beenden die Musiker pünktlich das Konzert. „Danke und Tschüss, Gutnacht“. Natürlich auf Spanisch.

Doch die Leute gehen noch nicht heim. Einige, aber längst nicht alle. Die App sagt 13 Grad, doch der Balinger Marktplatz gleicht einem lauen Sommerabend in Barcelona. Plaça de Balingen. Man plauscht und tanzt weiter zu den Rausschmeißklängen der PA. Und ganz nebenher verbreitet sich ein Lebensgefühl: locker bis leicht in der süddeutschen Provinz. Und plötzlich fühlt es sich an wie Urlaub. Als hätte jemand Balingen auf Spanisch übersetzt. Die Nacht: zu schade zum Heimgehen. Die Musik: längst aus. Aber man hört sie noch.