Marketing
: Firmen machen Werbung mit KI – um jeden Preis?

Wenn KI-Models echte Menschen ersetzen, geht es längst nicht mehr nur um Werbung – sondern um die Frage, was uns Arbeit, Kreativität und Echtheit noch wert sind, findet Autorin Lea Irion.
Kommentar von
Lea Irion
Zollernalbkreis
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Das generiert ein Large-Language-Modell wie ChatGPT, wenn man es bittet, ein Werbefoto für Klamotten in New York zu visualisieren.

Das generiert ein Large-Language-Modell wie ChatGPT, wenn man es bittet, ein Werbefoto für Klamotten in New York zu visualisieren.

KI-generiert/ChatGPT

Bereits zum zweiten Mal in kurzer Zeit startet ein Textilunternehmen im Zollernalbkreis eine Werbekampagne, die vollständig von künstlicher Intelligenz generiert wurde. KI-Models posieren in KI-Städten, alles digital, alles makellos. Und die Botschaft dazu klingt stolz: Das sei moderner, effizienter – und natürlich günstiger. Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit rühmen sich die Verantwortlichen, echte Menschen durch Algorithmen ersetzt zu haben: „Natürlich hätten wir die Kampagne auch in New York mit fünf echten Models fotografieren können, aber diese Lösung ist viel moderner und in den Kosten auch schwäbischer“, heißt es wortwörtlich.

Das sollte aufhorchen lassen. Was hier als Innovation verkauft wird, ist nicht weniger als der Verlust von Menschlichkeit. Ist Fortschritt, der den Menschen überflüssig macht, echter Fortschritt? Liefern wir uns damit nicht nach und nach einer Technologie aus, deren Entwicklung nicht mal die renommiertesten Forscherinnen und Forscher zuverlässig prognostizieren können?

Was ist uns menschliche Arbeit wert?

Es geht dabei nicht nur um den finanziellen Aspekt. Es geht auch darum, wie viel uns als Gesellschaft menschliche Kreativität und Arbeit noch wert ist. Natürlich lässt sich darüber streiten, wie gut eine solche Kampagne schlussendlich wirklich ist. Künstliche Intelligenz kann im Jahr 2025 schon extrem viel. Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen in atemberaubender Geschwindigkeit. Diese Technik ist zweifellos ein beeindruckender Meilenstein in der Geschichte der Menschheit.

Doch so faszinierend diese Möglichkeiten sind – sie haben ihren Preis. Wenn zum Beispiel Unterwäsche künftig an gänzlich erfundenen Körpern präsentiert wird, verlieren Bilder das, was sie einmal ausmachte: ihre Echtheit. Algorithmen greifen auf bestehende Bilddaten zurück und laufen Gefahr, vermeintliche Schönheitsideale zu reproduzieren, die schon seit Jahrzehnten Körperbilder verzerren: glatte Haut, perfekte Proportionen, keine Spur von Alter, Körperhaaren oder Dellen. So festigt sich erst recht eine künstliche Welt voller synthetischer Beliebigkeit, in der sich kaum jemand wiederfindet – was schon heute der Fall ist.

Solche Kampagnen sind also mehr als ein „ästhetisches“ Experiment, das Kosten sparen und modern wirken soll. Es sind Vorboten einer Entwicklung, in der wir beginnen zu vergessen, dass hinter den Jobs, die nun von Algorithmen übernommen werden, Menschen stehen. Wenn wir die Digitalisierung durch KI einfach weiter so hinnehmen, verwandeln wir Fortschritt in Entwertung, und der Mensch wird zum Störfaktor. Wollen wir das wirklich?