Mit etwas Phantasie kann Benjamin Seyfang wie auf einem Zeitstrahl in die Vergangenheit reisen. Dann kommt wieder Leben in die heruntergekommene Bude, in der er gerade steht und das Ende der Zeit fotografiert. Der 34-Jährige spürt verlassene Orte, sogenannte Lost Places, auf und hält sie mit der Kamera fest. Immer getrieben von Neugier, manchmal gebremst von Ekel. Wenn er an so einem Ort ist, blickt er weit zurück, seine Gedanken verfangen sich in einem Bild, das in den 80er Jahren Wirklichkeit gewesen sein könnte. Er sieht Räume in einem anderen Licht. Der vermoderte Unrat, auf dem er steht und ihn bisweilen knöcheltief einsinken lässt, ist verschwunden. Das Fenster ist umsäumt von Gardinenschals, die Türen des Wohnzimmerschranks sind geschlossen, in der Vitrine steht eine Vase. Jetzt sieht er es genau: Da ist eine Familie, Vater, Mutter, zwei Söhne, einer groß, der andere klein, ein Mädchen, vermutlich altersmäßig zwischen den Buben.

Die letzte Tapete

Die Familie tapeziert. Wie man es halt gemacht hat damals. Die Möbel werden in die Zimmermitte gerückt, dann beginnt die Schinderei. Zunächst muss alles großflächig eingepinselt werden. Im Eimer ist heißes Wasser mit einem ordentlichen Schuss Tapetenentferner. Mit Spachteln machen sich dann alle ans Ablösen der alten Tapete. Sie ist nicht mehr schön, aber sie klebt hartnäckig. Flüche verlieren sich im Stimmengewirr, wenn Riefen im Putz zurückbleiben oder wenn das Ding partout nicht von der Wand wegzubringen ist. Doch noch so schroffe Kommandos und Zurechtweisungen werden immer wieder vom fröhlichen Jauchzen überlagert, wenn mal eine fast komplette Bahn am Stück herabgezogen werden kann. Oder war es ganz anders? Hat sich gar nicht der Vater, auf einer Bockleiter stehend, die mit Kleister eingepinselten Bahnen hochreichen lassen, um sie auf Stoß an die Wand zu kleben? Beauftragte die Familie einen Malerbetrieb damit?

Alles Leben ist raus

Benjamin Seyfang weiß es nicht. Urplötzlich ist er wieder im Jetzt. Der seiner Phantasie entsprungene Trubel ist verstummt, keine Stimmen sind mehr zu hören. Einzig das Rauschen in seinen Ohren, wenn sein Puls vor Aufregung höher schlägt. Er spürt regelmäßig solche Orte auf. Orte oder Gebäude, denen alles Leben entwichen ist, die von allen vergessen durch die Zeit taumeln wie Gesteinsbrocken im All auf ihrer Millionen Jahre dauernden Reise zum nächsten Sonnensystem. Lost Places.
Die Frage, wie der hauptberufliche Abwassermeister, der in Metzingen lebt und arbeitet, solche Orte findet, entlockt ihm ein Grinsen. Das ist so etwas wie ein Berufsgeheimnis, denn vergessene Orte sollen seiner Meinung nach vergessene Orte bleiben. Sie vertragen sich nicht mit Massentourismus. Aber so eitel ist er doch, um immerhin zu verraten, dass es nicht einfach ist: „Ich recherchiere“, sagt er. Wenn es sein muss Stunden, Tage und Wochen. Ein Beispiel, das ihn in die Nähe von Balingen geführt hat: Im Internet sah er ein Bild eines Autofriedhofs mitten in einem Wald. Mehr nicht. Doch ihm war klar, dass Autos, auch wenn sie von Gestrüpp, Moos und Efeu überwuchert sind, auf Satellitenaufnahmen zu erkennen sein müssten. Nicht als Autos, aber als irgendeine Form der Abweichung. Sei es farblich oder als Besonderheit in der Formation, die wild wachsende Bäume bilden, wenn sie durch Autowracks am Wuchs behindert werden, kurzum: Einem langen Studium von Google Maps folgte ein stundenlanger Marsch durch den Wald bei Balingen. Bis er schließlich vor Karosserien stand, die mehr von Moos als von Blech zusammengehalten werden.

Haigerlocher Schloßbräu

Die eigentliche Arbeit beginnt danach. Wieder recherchiert er. Das Wohnzimmer beispielsweise, hat er herausgefunden, gehörte einem Getränkehändler. In dessen kleiner Werkstatt sieht es eher nach Metallverarbeitung aus. Vermutlich war der Mann kein Hobbyschreiner, Werkzeug für Holzarbeiten ist nicht zu sehen. Aber ein Motorradhelm, der auf einem Mülleimer seine vorerst letzte Ruhe gefunden hat. Im Raum nebenan stapeln sich Bierkisten. Haigerlocher Schloßbräu. Gibt es längst nicht mehr, die Brauerei wurde vor Jahren abgerissen.
Wenn Benjamin Seyfang im Internet keine Informationen findet, geht er in städtische Archive. Vor allem Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg, sagt er, sind „Geschichte zum Anfassen“. Er kennt einen Stollen bei Reutlingen, von dem man annehmen könnte, er sei erst gestern verlassen worden. Auf dem staubigen Boden liegen Schriftstücke. In der Regel Frachtbriefe und Arbeitsanweisungen. Alle unterzeichnet mit „Heil Hitler“ und Namen, die nur schwer zu entziffern sind. „Die darf man nicht in die Hand nehmen“, warnt Benjamin Seyfang, „sonst zerfällt das Papier zu Staub“. Zu feucht, zu marode, zu lange der rohen Zeit ausgeliefert.

Nicht anfassen

Nichts anfassen, das ist ein ehernes Gesetz für ihn. Alle Orte werden so verlassen, wie er sie vorgefunden hat. Niemals würde er ein Fenster oder eine Tür aufhebeln. Er geht nur rein, wenn es ein zugängliches Schlupfloch gibt. „Notfalls über eine Leiter und ein offenes Fenster“, sagt er. Er weiß, dass er Hausfriedensbruch begeht. Damit aber kann er leben. Einbruch, Sachbeschädigung oder Diebstahl sind eine andere Kategorie, damit möchte er nichts zu tun haben: „Das ist eine ganz andere Nummer.“
Wenn er doch mal angetroffen wird, erklärt er sich und zeigt eines seiner Bücher. Bücher, die er über den Silberburg-Verlag herausgibt und die ihn ausweisen als jemand, der mit Ehrfurcht an die Lost Places geht. „Eine gewisse Demut habe ich schon“, gibt er zu. Was auch immer ihn erwartet jenseits einer Mauer oder einer Tür, all das hat eine Vorgeschichte, die für mindestens einen Menschen auf dieser Welt mal wichtig war. „Ich würde nie über persönliche Dinge trampeln.“ Er will nur fotografieren, aber entehren will er niemand.

Autor und Verlag

Benjamin Seyfang ist 34 Jahre alt und von Beruf Abwassermeister. Sein Buch „Lost Places Baden-Württemberg – Die Faszination verlassener Orte“ hat 192 Seiten und 125 Abbildungen. Die ISBN-Nummer lautet 978-3-8425-2200-8.