Kunstausstellung in Balingen
: Werke, die die Wahrnehmung überwältigen

„Das Flüstern der Reste“: So lautet der Titel der Ausstellung des Künstlers Dietmar Schönherr, die derzeit in der Galerie Meinlschmidt in Balingen zu sehen ist. Ein poetischer Dialog über die unendliche Verwandlungskraft der Kunst.
Von
Andrea Maute
Balingen
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In der Ausstellung können sich die Besucherinnen und Besucher mit einer neuen Werkreihe des Künstlers Dietmar Schönherr auseinanderzusetzen: mit seinen Collagen.

Dietmar Schönherr in der Galerie Meinlschmidt: In der Ausstellung können sich die Besucherinnen und Besucher mit einer neuen Werkreihe des Künstlers auseinandersetzen: mit seinen Collagen.

Emily Greathead
  • Balingen: Die Galerie Meinlschmidt zeigt „Das Flüstern der Reste“ von Dietmar Schönherr.
  • Kern der Schau ist eine neue Werkreihe des Künstlers – Collagen mit starkem Materialeinsatz.
  • „Beautiful Madness“ verbindet Malerei und Collage und zitiert Monets Seerosen.
  • Stoffreste, Gaze, Sand, Heu und Teppichfragmente prägen Oberfläche und Wirkung.
  • 25 Werke laden zum langsamen Sehen ein – die Kompositionen wirken still und vielschichtig.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Das Auge kann nicht ruhen, es muss immer wieder etwas ergreifen“, sagte einst Goethe und beschreibt damit den unstillbaren Drang der visuellen Wahrnehmung, der den Blick ruhelos wandern lässt. „Wir haben verlernt, die Augen auf etwas ruhen zu lassen“, konstatierte der französische Schriftsteller Jean Giono.

„Das Flüstern der Reste“ ist eine Werkschau, die dem ruhelos wandernden Blick viel entgegenzusetzen hat. Und der Begriff „Flüstern“ einer, der nicht passender gewählt sein könnte. Denn es ist, so kann man sagen, eine stille Ausstellung. Eine, bei der sich die Werke leise, aber umso eindrücklicher ins Bewusstsein schleichen.

Gleichzeitig eröffnet sie Einblicke in ein neues Schaffensspektrum des Künstlers. „Wir kennen bereits Dietmar Schönherrs figürliche Arbeiten und sind vertraut mit seinen abstrakten Werken, sowohl mit den expressiven als auch mit den konstruktiven“, so der Direktor des Kunstmuseums Albstadt, Dr. Kai Hohenfeld bei der Vernissage. „Nun haben wir das Privileg, uns mit einer neuen Werkreihe auseinanderzusetzen: mit seinen Collagen.“

Das plastische Potenzial der Collage

Die rund 100 Gäste betraten dementsprechend eine terra incognita, wobei der Übergang jedoch fließend war. Denn das Werk „Beautiful Madness“, das die Besucherinnen und Besucher in der Galerie Meinlschmidt willkommen heißt, schlage eine Brücke „zwischen den uns vertrauten Gemälden und den für einige von uns sicher überraschenden Materialbildern.“

In „Beautiful Madness“ formuliere Dietmar Schönherr eine augenzwinkernde Hommage an Claude Monet und seine ikonischen Seerosenbilder, erklärte Kai Hohenfeld, um in der Folge auf die Verbindung zwischen beiden künstlerischen Welten zu sprechen zu kommen: „Mannigfache Grüntöne, aufgetragen mit breitem Pinselstrich, erzeugen eine atmosphärische Tiefe. Darauf treiben die Seerosenblüten. Diese hat der Künstler aus mit Pigmenten gesättigten Stoffstreifen modelliert. So verbindet dieses heitere Werk malerische Geste und intensives Kolorit mit dem plastischen Potenzial der Collage.“

Der Künstler vor dem Werk "Beautiful Madness"

Der Künstler vor dem Werk "Beautiful Madness.“

Emily Greathead

Letzteres entfaltet seine Wirkung in der Ausstellung auf eine Art und Weise, die ihrem stillen Wesen entspricht. Sie lädt dazu ein, innezuhalten und die feinen Details, Texturen und narrativen Ebenen ganz in Ruhe zu betrachten. Denn die Werke strahlen eine solche Tiefe aus, dass der Betrachter Zeit investieren muss, um die vielschichtigen Elemente zu entschlüsseln.

„Nehmen wir das monumentale `Sediment der Stille` mit den charakteristischen Hügeln“, bemühte Kai Hohenfeld ein Beispiel. „Der Künstler modelliert darauf unzählige Stoffreste zu einem abstrakten Relief.“ Die Wirkung korreliert eng mit der Struktur. „Diese ist komplex, sie überwältigt unsere Wahrnehmung. Schauen wir lange auf einen Fleck, dann beginnt die Komposition zu atmen, zu pulsieren.“ Die dynamische Anlage des drei mal zwei Meter großen Werkes stimuliere in uns die Illusion einer tatsächlichen Bewegung, lud er die Anwesenden dazu ein, dies selbst auszuprobieren: „Schauen Sie mit etwas Abstand länger auf ein und dieselbe Stelle im Bild.“

Indem Dietmar Schönherr Stoffstreifen in Schwüngen und Wirbeln übereinanderlege, wecke er Assoziation zu Pinselbewegungen. „Wir können sagen: Die Collage ist für ihn eine andere Form der Malerei.“

Statt Farbe und Pinsel kommen hier von Kompressionsbinden und Mullkompressen über Gaze bis hin zu Sand und Heu allerdings Materialien zum Einsatz, die den Werken haptisch wie visuell einen besonderen und zugleich individuellen Reiz verleihen. Selbst Fragmente eines Teppichs aus Marrakesch sind in den Bildern verarbeitet.

Während sich Gaze - ein sehr leichtes, halb durchsichtiges Gewebe - zart wie ein Spinnennetz über die Arbeit legt, ist die Oberfläche des Werkes „Verwitterte Wellen“, wie es der Titel schon erahnen lässt, rau - und wirkt, als trügen eben jene das Grau-Blau vergangener Winter im Schaum.

"Verwitterte Wellen"

Lebloses Material verwandelt sich „in ein Wesen mit Bewusstsein, das mit uns kommuniziert.“

Emily Greathead

„Neben diesen freien, lyrischen Formen bedient sich Dietmar Schönherr auch geordneter Rasterstrukturen und geometrischer Anlagen“, führte Kai Hohenfeld vor Augen. „Mit feinem Gespür für Ausgewogenheit verleiht er jedem seiner konstruktiv aufgebauten Werke ein spielerisches Element.“

Gratwanderung zwischen Chaos und Ordnung

Nicht zuletzt diese Koexistenz, die „gekonnte Gratwanderung zwischen Chaos und Ordnung“, macht den Reiz dieser Ausstellung, in der 25 Arbeiten zu sehen sind, aus. Die Feststellung, dass stille Wasser tief sind, gilt gleichermaßen für die Werkschau, die den Betrachter sprichwörtlich dazu einlädt, in diesen Raum der Stille einzutauchen und „das Flüstern der Reste“ zu vernehmen. Denn „wenn Reste flüstern“, so Kai Hohenfeld, „dann geht etwas Magisches vor. Dann verwandelt sich lebloses Material in ein Wesen mit Bewusstsein, das mit uns kommuniziert.“

Den besonderen atmosphärischen Rahmen, um diese Magie zu erwecken, kreierte bei der Vernissage die Sopranistin Dominique Dethier aus Stuttgart.

Die Sopranistin Dominique Dethier aus Stuttgart.

Gesanglich umrahmt wurde die Vernissage von Sopranistin Dominique Dethier aus Stuttgart.

Emily Greathead

„Das Flüstern der Reste“

Die Ausstellung in der Galerie Meinlschmidt in Balingen ist noch bis zum 30. August 2026 zu folgenden Zeiten zu sehen:

Montag bis Donnerstag: 7.30 bis 12.30 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr.

Freitag: 7.30 bis 12.30 Uhr und 13.30 bis 14.30 Uhr.

Sowie nach Vereinbarung.