Kommentar zur Waldethik
: Die versagende Moral des Menschen

Im Umgang mit Tieren hat der Mensch noch einiges nachzuholen, findet Autorin Jennifer Dillmann.
Kommentar von
Jennifer Dillmann
Dormettingen
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Nicht gerade freundlich blickt dieser Marder drein.

Nicht gerade freundlich blickt dieser Marder drein, der jüngst dem Dormettinger Gemeinderat präsentiert wurde.

Jennifer Dillmann

Wenn es einen Begriff gibt, der das Dilemma des Menschseins in vollendeter Perfektion zum Ausdruck bringt, dann ist es: Waldethik. Das moralische Verhältnis des Menschen zum Wald.

Hier sind keine Maxime erwünscht. Wenn wir Rehkitze retten, nur um sie wenige Jahre später wieder zu erschießen, darf Kant einpacken. Wie wollte man einen derartigen Ansatz als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung verkaufen? Waldethik bedeutet, abzuwägen. Das Für und Wider gegeneinander auszuspielen. Das Leben schützen? Ja, immer! Aber nun mal nicht für immer. Die Handlung erhält ihre moralische Wertigkeit durch das Privileg der Macht. Man hätte das Rehkitz auch sterben lassen können, aber man hat es gerettet. Applaus.

Haben Tiere keine Geschichte?

Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Ein Luxus, den sich nur ein Mensch leisten kann. Ein Reh wird nicht für sich genommen gewürdigt. Es steht im Kontext seines Ökosystems. Und die Bewertung dessen nimmt der Mensch vor. Ebenso wie die Gestaltung. Da fallen Begriffe wie „waldverträgliche Rehwilddichte“ und „intensives Prädatorenmanagement“. So harmlos. Es ist ja nur ein Tier. Häufig ohne Geschichte, manchmal aber auch mit Geschichte. Wie etwa der ausgestopfte Waschbär, der auf dem Birkenstamm sitzt.

Da wurde in Stuttgart ein Einbruch vermeldet. Doch ein seltsamer Einbrecher schlug hier zu. Geld und wertvolle Dinge? Alles liegen geblieben. Stattdessen riss der Täter alle Türchen in der Küche auf und heimste ein, was lecker ist. Eine Geschichte, die zum Lachen bringt – auch wenn sie mit dem Tod endet. Und im Übrigen äußerst unwürdig. Ausgestopft bis ans Ende aller Zeit, um dem Menschen als Anekdote zu dienen.

Ein Gefühl der Ungerechtigkeit

„Alle finden sie putzig, aber die willst du nicht im Revier haben“, lautet der Kommentar dazu. Schon gar nicht, wenn es invasive und territoriale Arten sind. Glück hingegen hat der heimische Biber. Der darf Acker fluten und sich ins Dämmchen lachen. Der ist nämlich nicht nur geschützt, sondern wird auch als schützenswert erachtet, so prinzipiell. Ungeachtet all der verärgerten Bürgerinnen und Bürger.

Da regt sich ein großes Gefühl der Ungerechtigkeit. Wenn ich nachts die Fuchsbabys spielen sehe, an der Schnellstraße zwischen Zillhausen und Pfeffingen, da möchte ich eingreifen. Mann, sind die süß. Aber wenn der räudige Fuchs beim Gassigehen meinen Weg kreuzt, bin ich da nicht froh, wenn er erschossen würde? Waldethik. Die versagende Moral des Menschen.