Kirche in Balingen: Wenn Jazz zur Predigt wird

Der Balinger Matti Münch stand mit seinem Saxofon auf der Bühne – beziehungsweise am Altar.
Monique Baumann- Über 100 Besucher waren beim Jazz-Gottesdienst in Balingen.
- Saxofonist Matti Münch und Gitarrist Jörg Sommer traten auf.
- Jazz und Christentum gegen Rassismus und Unterdrückung.
- Pastor Plog erinnerte an Martin Luther King und die Bedeutung des Jazz.
- Vernissage "Jazz to see" zeigte 23 großformatige Fotos.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Pfarrer Manfred Plog präsentierte seiner Gemeinde eine noch nie hier praktizierte Gottesdienstform: einen Jazz-Gottesdienst. Und die Zahl von weit über 100 Besucherinnen und Besuchern bewies, dass dieses Experiment auf Anhieb großes Interesse fand. Dies lag zum einen an den bereits bekannten Mitwirkenden: den beiden Balinger Musikern Matti Münch und Jörg Sommer. Zum anderen zeigte dieser für einen „normalen“ Sonntagsgottesdienst besonders gute Besuch auch, dass die Menschen für neue, moderne Gottesdienst-Formen sehr aufgeschlossen sind – und sogar gerne ihrer Begeisterung Ausdruck verleihen durch den mehrfach erfolgten großen Beifall.
Zwei Balinger Musiker unterhalten
Der in Balingen wohnende Matti Münch, der Englisch und Geschichte in Konstanz studierte und dort mit einer Arbeit über Mythos und Alltag der Schlacht in Verdun promoviert hatte, machte sich als Saxofonist verschiedener Ensembles längst einen Namen. Beruflich ist er am Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Rottweil als Fachleiter für Geschichte tätig.
Der gebürtige Balinger Jörg Sommer, der Englisch in Ludwigsburg und Los Angeles, Gitarre in München und Schulmusik in Trossingen studiert hatte, und heute als Musiklehrer am Gymnasium Balingen und Fachberater Musik im Regierungsbezirk Tübingen tägig ist, wurde als Komponist, Sänger, Pianist und Arrangeur bekannt. Beide wurden auch durch ihre Engagements in der Big Band Balingen, der Jazzformation MAJA und bei Gospelchor-Projekten einem breiten Publikum bekannt.
Gegen Diktatoren und Autokraten
Bereits zu Beginn des Gottesdienstes begeisterten Münch und Sommer mit dem weltberühmten Lied „Somewhere Over The Rainbow“ (Jenseits des Regenbogens), das Harold Arlen 1938 zunächst als Teil der Filmmusik zum Musicalfilm „Der Zauberer von Oz“ komponiert hatte und zum Evergreen wurde. Nach der Schriftlesung folgte ein 1961 von Oliver Nelson komponierter Jazzstandard mit dem Titel „Stolen Moments“: Es ist ein 16-Takt-Stück, obwohl die Soli eine konventionelle Moll-Blues-Struktur aufweisen. Bestens passte auch der dritte Titel „The Preacher“ (Der Prediger) zum Gottesdienst, eine Komposition von Horace Silver aus dem Jahr 1955.
In seiner Predigt betonte Plog, dass Jazz und Christentum sehr viel miteinander zu tun haben: Denn Jazz und die frohe Botschaft sind Geschwister im Geiste. Beide richten sich gegen Rassismus, Diskriminierung und Unterdrückung, gegen Diktatoren und Autokraten, die die befreiende Kraft des Jazz fürchten. Beide stehen für das vermeintlich Schwache, beide führen die Menschen zusammen, für beide sind Menschenwürde und gegenseitiger Respekt, Freiheit und Gemeinschaftssinn unverzichtbar.
In seinem historischen Rückblick auf die Anfänge des Jazz erinnerte Plog an den berühmten Pastor Martin Luther King, der einst in seinen Predigten darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Jazz vom Leben handelt und dass die frühesten Jazzmusiker die seinerzeit in den USA erfolgten schlimmsten Zumutungen für die schwarze Bevölkerung in Jazzmusik umgesetzt hatten. Vieles von der Kraft der Menschen in ihrem Freiheitskampf resultierte aus der Jazzmusik. Im Kampf der Schwarzen in Amerika ging es um Werte, die universell sind: Jeder Mensch sucht nach dem Sinn für sein Leben, braucht Liebe, Vertrauen und Gefühle, hofft auf Menschenwürde, Recht und Gerechtigkeit. Gerade in der Jazzmusik findet sich ein Sprungbrett für jede dieser Sehnsüchte. So wurden vor Jahrzehnten die Jazz-Musiker quasi zu Predigern und ihre Musik zur Predigt.

Vernissage und Jazz-Gottesdienst in Frommern.
Monique BaumannMit der Anfang 1934 von George Gershwin für die Oper „Porgy and Bess“ komponierten Arie „Summertime“, die zu einem ganz großen Hit wurde, endete der Gottesdienst. Reicher Beifall erfolgte am Ende jenes Liedes, das Elemente des Jazz mit den Gesangsstilen der Schwarzen im Südosten der USA vor 120 Jahren brillant vermischte.
Vernissage im Anschluss
Nach dem Gottesdienst ging es passenderweise weiter mit einer Vernissage zum Thema „Jazz to see“ im nur wenige Schritte entfernten evangelischen Gemeindehaus, wo nun 23 großformatige Fotos aus der Zeit von 2016 bis 2024 – die meisten schwarz-weiß – die Wände zieren, jedes mit dem Namen des Musikers und der Jahreszahl versehen.
Monique Baumann hält als geradezu leidenschaftliche Fotografin und Mitglied des Jazzclub-Vorstands seit Jahren bei jedem Jazzkonzert im evangelischen Frommerner Gemeindehaus – wie auch zuvor schon im Zollernschloss – mit ihrer Kamera Augenblicke fest, die die Lebendigkeit der Musizierenden und ihrer Musik zeigt. Mal auf dem Sideboard stehend, mal auf dem Fußboden sitzend oder kniend, fängt Monique Baumann faszinierende Situationen während des Konzerts mit ihrer Kamera ein. Und beim Betrachten der Bilder gewinnt man geradezu den Eindruck, die in diesem Moment gespielten Klänge „zu sehen“.
Pfarrer Plog begann seine Einführung mit der Bemerkung: „Wenn Monique ihre Kamera in der Hand hält, ist sie nicht zu halten“. Dann ließ er die Entwicklung der Fotografie von den ersten Jazzkonzerten im Wandel der Jahrzehnte bis zur Gegenwart mit anschaulichen Beispielen Revue passieren. Zwischendurch griffen „Matti und Jörg“ wiederum zum Saxofon und zum Keyboard und erfreuten mit weiteren bemerkenswerten Stücken aus ihrem großen Repertoire. Anschließend äußerten an den Stehtischchen nicht wenige den Wunsch, dass beides – dieser Jazz-Gottesdienst samt der Vernissage – der Auftakt für eine neue schöne Tradition in Balingen werden möge.
