Kastelruther Spatzen in Balingen
: „Ich musste vorher heulen, weil ich bei der Musik an ihn denken musste“

Die Kastelruther Spatzen bringen Südtiroler Sehnsucht nach Balingen. Bei ihrem Konzert in der Volksbankmesse wird aus einem Abend voller Schlager ein gemeinsames Gefühl.
Von
Peter Demmer
Balingen
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Die erste Reihe der Volksmusik: Norbert Rier in der Mitte, flankiert von Trompete, Gitarre und einer beneidenswerten Gelassenheit. Während anderswo Instrumente zerschlagen und Verstärker gequält werden, reicht hier ein sauber gesetzter Bläsersatz. Andere nennen es Understatement. In Kastelruth und Balingen ist das einfach Freitagabend.

Die erste Reihe der Volksmusik: Norbert Rier in der Mitte, flankiert von Trompete, Gitarre und einer beneidenswerten Gelassenheit. Während anderswo Instrumente zerschlagen und Verstärker gequält werden, reicht hier ein sauber gesetzter Bläsersatz. Andere nennen es Understatement. In Kastelruth und Balingen ist das einfach Freitagabend.

Peter Demmer
  • Kastelruther Spatzen treten in der Volksbankmesse Balingen auf und rufen starke Emotionen hervor.
  • Das Publikum singt viele Hits mit – „Sierra Madre“ wird zum gemeinsamen Höhepunkt.
  • Repertoire mit alten und neuen Liedern, live gespielt; Frontmann Norbert Rier ist nach OP zurück.
  • Atmosphäre schlicht, Halle nicht voll, Besucher überwiegend älter – Sehnsucht nach Heimat prägt den Abend.
  • Bandgeschichte kurz skizziert: Gründung 1975, erster Hit 1983, Grand-Prix-Sieg 1990, neues Album „Hollywood in Kastelruth“.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Ab und zu ist es erschütternd einfach. Die Kastelruther Spatzen gastieren in der Volksbankmesse in Balingen. Aktuell auf großer Tour. Den ganzen Abend beobachtet man also Menschen, notiert Songfolgen und beurteilt das handwerkliche Können der Künstler da auf der Bühne. Und dann erwischt man sich selbst. Stehend, wippend mit einem sehnsüchtigen „Sierra Madre“ auf den Lippen. Glasige Augen. Gemeinsam mit rund 1100 anderen Menschen träumt man eine Sehnsucht, von der man vor zwei Stunden noch nicht wusste, dass man sie besitzt.

Freitagabend, halb acht, Anfang November. Die Halle als gastlich zu bezeichnen, wäre arg geschmeichelt. Beton, Stahlkonstruktion und irgendwie kalt. Stuhlreihen an Stuhlreihen in unterschiedlichen Blöcken. Voll will die Volksbankmesse heute nicht werden. Die Besucherinnen und Besucher sind überwiegend jenseits der Lebensmitte.

Manche tragen traditionelle Kopfbedeckungen. Einige Lederhosen. Die meisten aber dicke Strickjacken. Ein Mann mit Gamsbarthut kommt vom Merch-Stand. Er hat eine CD gekauft. Vierzig Hits, zwei CDs. „Das muss ja gut sein.“

Kastelruther Spatzen: Die Halle singt mit

Dann geht das Licht aus. Sieben Musiker huschen auf die Bühne. Fast jugendlich. Man muss das Wort tatsächlich verwenden. Bühnenlicht an, und da stehen sie. In der Mitte Norbert Rier, Sänger, Bandleader und an diesem Abend Reiseführer durch ein Südtirol, das sich auf einer Leinwand hinter ihm in immer neuen Bildern ausbreitet. „Die Spatzen sind da“, „Dolomitenfeuer“, „Eine Brücke ins Glück“. Die ersten Koordinaten sind damit gesetzt.

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Der Bühnenaufbau ist so ruhig wie simpel. Links Walter Mauroner an der Trompete und Valentin Silbernagl am Saxofon und an der Klarinette. Etwas weiter hinten Albin Gross am Keyboard, rechts Kurt Dasser an der Gitarre und Karl Heufler am Bass. Rüdiger Hemmelmann sitzt am Schlagzeug.

Es wird live gespielt. Das ist durchaus erwähnenswert. Die aktuelle Besetzung steht seit Jahren. Norbert Rier musste krankheitsbedingt pausieren, sein Sohn Alexander vertrat ihn zwischenzeitlich. Nach einer schweren Herzoperation ist der Frontmann zurück.

Die ersten Reihen sind kein Ort für halbe Sachen. Hier wird nicht einfach nur ein Konzert besucht. Hier wird Haltung gezeigt, Textsicherheit bewiesen und notfalls auch die eine oder andere Träne riskiert. Die Spatzen liefern den Soundtrack, das Publikum den Rest.

Die ersten Reihen sind kein Ort für halbe Sachen. Hier wird nicht einfach nur ein Konzert besucht. Hier wird Haltung gezeigt, Textsicherheit bewiesen und notfalls auch die eine oder andere Träne riskiert. Die Spatzen liefern den Soundtrack, das Publikum den Rest.

Peter Demmer

„Hollywood in Kastelruth“, „Die Sonne scheint für alle“ und „Dolomitenschatz“. „Wir versuchen immer wieder, sowohl alte als auch neue Lieder bei Konzerten zu spielen“, sagt Rier und berichtet vom mittlerweile doch sehr ausgewachsenen Repertoire von rund 700 Liedern.

Schon beim zweiten Akkord weiß die Halle, was kommt

Die Songstrukturen sind eindeutig. Das sollen sie auch sein. Es geht hier nicht um Überraschungen, nicht um musikalische Selbstvergewisserung und schon gar nicht um Experimente. Schon beim zweiten Akkord weiß die Halle, was kommt. Die Melodie, häufig von den Bläsern geführt, zieht eine klare Linie durch den Raum. Selbst wer ein Lied noch nie gehört hat, kann nach kurzer Zeit mitsummen.

Vorhersehbare harmonische Wendungen, wiederkehrende Steigerungen nach dem Motto: Eine Terz geht immer. Es funktioniert. Man könnte das als musikalische Schlichtheit abtun.

Das setzt sich in den Texten fort. Herz reimt sich auf Schmerz. Land auf Hand. Textsicherheit lässt sich hier bereits durch Näherungswerte herstellen. Liebe, Natur, Heimat. Rier singt häufig im Duett mit Dasser. Es geht um Treue, um Zuneigung, um das gute Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Auf der Leinwand Berge, Landschaften, Südtirol. Das Sehnsuchtsbild eines heilen Bergfriedens.

Nach einer Stunde ist Pause. Zwanzig Minuten. Gespräche, Getränke, Merchandising. Nicki, irgendwo Mitte dreißig, ist mit Freunden gekommen. Sie erzählt von ihrem Großvater. „Ich musste vorher ja so heulen, weil ich halt bei der Musik so an ihn denken musste.“ Sie lächelt dabei. Es ist ein Satz, der mehr über die Funktion dieser Musik erzählt als jede noch so ausgefeilte Harmonielehre. Der Mann mit dem Gamsbarthut hat inzwischen noch ein T-Shirt gekauft.

Schöner, wärmer und behüteter

In der zweiten Hälfte wird der Sound gelegentlich etwas rumpelig. Die Bässe poltern, der Lichtmischer scheint eine besondere Beziehung zu seinem Stroboskop entwickelt zu haben. Aber die Dramaturgie stimmt. Die Songauswahl wird zum sich steigernden Hitmix. „Bergvagabunden“, „Dem Leben ins Gesicht gelacht“ und natürlich „Südtirol, ich vermisse dich“. Das tun wir mittlerweile ja alle. Man erinnert sich kollektiv an eine Zeit, die es vermutlich so nie gegeben hat. Eine Zeit, die in der Rückschau schöner, wärmer und behüteter erscheint als das, was man heute so erlebt.

Vielleicht ist das die eigentliche Leistung der Kastelruther Spatzen: Sie liefern nicht nur Musik. Sie liefern eine Vergangenheit, in der man sich für zwei Stunden aufhalten kann. Dem Schunkeln ist kaum mehr Einhalt zu gebieten.

Bei „Eine weiße Rose“ hält es die Menschen nicht mehr auf den Sitzen. Sie strömen nach vorne. Die ganze Halle singt. Das reguläre Set und die Zugabe gehen ineinander über. Und dann kommt „Sierra Madre“. Ein Lied, das längst ein Eigenleben entwickelt hat. Die musikalische Vorstellung von Feierabend in den Bergen. Und plötzlich sieht man sich selbst. Mit Blick vom Onstmettinger Trauf auf die Burg. Die Alb ist eben auch ein wenig „Sierra Madre“.

Die Kastelruther Spatzen

Gegründet wurde die Südtiroler Formation 1975. 1983 erschien die erste Platte, „Das Mädchen mit den erloschenen Augen“ wurde zum ersten großen Hit. Der internationale Durchbruch gelang 1990 mit dem Gewinn des Grand Prix der Volksmusik. Es folgten 13 Echos, fünf Goldene Stimmgabeln, mehrere Kronen der Volksmusik und mehr als 100 Goldene Schallplatten. Seit Jahrzehnten feiern die Spatzen im Oktober in ihrer Heimat das dreitägige Spatzenfest. Tausende Fans pilgern dafür nach Kastelruth. Für Frontmann Norbert Rier sind sie längst mehr als Konzertbesucher: Über Generationen hinweg seien Freundschaften entstanden. Das neue Album „Hollywood in Kastelruth“ erscheint am 27. November.