Internationaler Tag der Männer
: Warum Männlichkeit neu gedacht werden muss

Männer sollen stark sein und immerzu funktionieren. Doch hinter dieser Erwartung liegt viel, worüber zu selten gesprochen wird, findet Autorin Lea Irion.
Kommentar von
Lea Irion
Zollernalbkreis
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Zum Internationalen Männertag

Studien belegen, dass die Beziehung zwischen Vätern und ihren Söhnen entscheidend dafür sein kann, wie diese später Frauen gegenüber auftreten. Eine autoritäre väterliche Erziehung ging demnach mit frauenfeindlichem Verhalten einher. (Symbolfoto)

Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Zu Beginn des Jahres hatten wir von der SÜDWEST PRESSE im Zollernalbkreis den Weltfrauentag zur Weltfrauenwoche umfunktioniert. Sieben Tage lang richteten wir immer wieder den Fokus auf Themen, die Frauen in gesellschaftlichem Kontext umtreiben. Wir berichteten über Errungenschaften und Rückschritte, über Mutmacherinnen und Vorbilder, über das, was heute ist und morgen sein soll. Jetzt, am 19. November, steht der Internationale Tag der Männer an, und wir wollen es ihm in unserer Berichterstattung gleichtun.

Männer gelten oft als stark, funktional, unerschütterlich. Genau deshalb reden wir viel zu selten darüber, wie brüchig diese Fassade für viele ist. Wer über Gleichberechtigung spricht, sollte nicht vergessen, dass in einer patriarchal geprägten Gesellschaft nicht nur Frauen leiden. Die Erwartungshaltung an die Rolle eines Mannes ist nicht weniger festgefahren als das gesellschaftliche Korsett, das Frauen seit Jahrhunderten die Luft abschnürt.

Verletzlichkeit darf kein Makel sein

Noch immer finden viele Männer keinen Zugang zu ihren Emotionen, weil ihnen ihr Leben lang eingebläut wurde, diese nicht zeigen zu dürfen. Männer sind ebenso wie Frauen mit utopischen Vorstellungen über das Idealbild ihres Körpers konfrontiert: groß gebaut, schlank, muskulös. Männer sollen viel Geld verdienen und erfolgreich sein, aber bitte nie über mentale Herausforderungen sprechen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Suizidrate bei Männern deutlich höher ist, das Risiko für Suchterkrankungen ebenso.

Strukturelle Ungleichheiten machen auch vor Männern nicht Halt. Deswegen sind Probleme, die Männer umtreiben, ein ebenso essenzieller Bestandteil der gesellschaftlichen Gleichberechtigung wie alles, was zur Stärkung des weiblichen Geschlechts beiträgt. Gleichzeitig dürfen wir nicht ausblenden, dass viele dieser Erwartungen von Männern selbst aufrechterhalten werden. Wer Macht hat, trägt Verantwortung. Wer Privilegien genießt, muss diese reflektieren. Es geht nicht nur um Verletzlichkeit, sondern auch darum, alte Muster zu hinterfragen und aufzubrechen.

In einer Gesellschaft, die wirkliche Gleichberechtigung anstrebt, darf Verletzlichkeit kein Makel sein. Unterstützung zu suchen, sollte kein Bruch mit einem Rollenbild sein, sondern ein Ausdruck von Stärke. Am Ende geht es darum, allen Menschen mehr Freiheit zur persönlichen Entfaltung zu ermöglichen – jenseits der Schubladen, in die wir sie jahrzehntelang gesteckt haben. Darüber müssen wir sprechen. Und genau das wollen wir in dieser Woche tun.