Holcim in Dotternhausen
: Bürger haben Angst vor Hochwasser und mischen sich ein

Das Interesse an der Erörterung war riesig: Der Ruf nach mehr Gutachten zur wasserrechtlichen Genehmigung für Firma Holcim im Kalksteinwerk dürfte jedoch unerhört bleiben.
Von
Karin Mitschang
Dotternhausen
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Bei der Begrüßung durch Matthias Frankenberg beim Erörterungstermin zur wasserrechtlichen Genehmigung der Firma Holcim im Kalksteinbruch auf dem Plettenberg: Das Interesse war groß, die Empörung einiger Bürger auch.⇥

Karin Mitschang

Unsere Gesellschaft steht schon genug unter Stress“, sagte Dezernatsleiter Matthias Frankenberg vom Landratsamt Zollernalbkreis am Donnerstag in Dotternhausen – und rief zur Erörterung in geordneter, guter Atmosphäre auf: ohne Zwischenrufe. Zuvor war einem Zuhörer in der Festhalle der Kragen geplatzt. Er sprach von Unverschämtheiten, die ein Vertreter der Firma Holcim äußere.

Unter regem Interesse mehrerer Dutzend Bürger war um 9 Uhr die ganztägige Sitzung gestartet, in der Einwendungen gegen die neue wasserrechtliche Genehmigung der Firma Holcim im Kalksteinwerk auf dem Plettenberg erörtert wurden. Es ging zum einen um die Sammlung von Niederschlagswasser im inneren Becken, dem Sedimentationsbecken, und Versickerung in einem sogenannten äußeren Becken. Von diesem aus – hier wurde kürzlich ein Wall zur Sicherung errichtet – sollen laut Antrag auch weiterhin bis zu 20 Liter Wasser pro Sekunde in den Waldhausbach geleitet werden. Von dort aus gelangt das Wasser in Quellen und schließlich in die Schlichem.

Zweifel an Sicherung des Hangs

Darüber hinaus will die Firma Holcim künftig auch die Hauptwege im Kalksteinwerk bewässern, um Staub zu minimieren, und Geräte und Fahrzeuge mit insgesamt bis zu 5000 Kubikmetern Wasser im Jahr reinigen beziehungsweise pflegen. „Denn auch Maschinen tut der Staub nicht gut“, sagte ein Holcim-Vertreter. Das Schmutzwasser werde gesammelt und in Dotternhausen im Zementwerk über einen Ölabscheider entsorgt.

Dass viele Menschen im Schlichemtal den Angaben und Zahlen der Firma Holcim prinzipiell nicht mehr trauen, wurde in der Festhalle deutlich. In gleich zehn gleichlautenden Einwendungen wurden unabhängige Gutachten als Datengrundlage gefordert. Mehrere Fachleute, die im Auftrag von Holcim Gutachten erstellte hatten – darunter zwei Mitarbeiter der Technischen Uni Berlin – wehrten sich gegen die Vorwürfe, sie hätten Gefälligkeitsgutachten erstellt. Auch seitens des Landratsamts wurde betont, dass die Unterlagen durch eigene Geologen und Hydrologen, aber auch mit externen Fachleuten, etwa von der Stuttgarter Uni, untersucht wurden. Ein Ratshausener warnte vor unabsehbaren Folgen für die Bevölkerung, sollte die Erlaubnis erteilt werden. „Es könnte andere Meinungen geben“, wünschte auch er sich unabhängige Gutachten. Schließlich sagte Regierungsrat Enrico Möller, der Punkt „Gutachten“ sei nun fertig erörtert.

Falsche Angaben im Antrag?

Erster Landesbeamter Frankenberg, zugleich Leiter des Dezernats Bau und Umwelt, moderierte die engagierten Wortmeldungen souverän. Norbert Majer und Siegfried Rall vom Verein für Natur- und Umweltschutz Zollernalb warnten vor falschen Angaben im Antrag. Sie bezweifeln die Hangsicherheit, zeigten ein Foto eines „dritten Sees“, der im November durch starken Regen auf dem Plettenberg entstanden war. Und sie warnen gar vor einer Flutwelle, die im schlimmsten Fall über Hausen am Tann kommen könnte, wenn der Hang bei Starkregen abrutscht.

Auch der Nabu Oberes Schlichemtal in Person von Hans Edelmann mahnte unter anderem, dass Angaben von Holcim zum Aufbau des Hangs und dessen Sicherung nicht stimmten. „Wir stellen das vorgelegte Konzept der Entwässerung prinzipiell infrage.“ Eine Frau aus Ratshausen beklagte Ungleichbehandlung der Bürgerinnen und Bürger im Gegensatz zur Firma Holcim.

Erhebliche Auflagen gefordert

Ein Anwohner, auf dessen Flächen der Steinbruch entwässert, verlangte von der Unteren Wasserbehörde, den Antrag der Firma Holcim entweder abzulehnen oder ihm nur unter „erheblichsten Auflagen“ im Sinne eines Wassermanagements stattzugeben. Wasser dürfe etwa nur entnommen werden, wenn in den beiden Seen zu viel Wasser steht und daher eine Ableitung stattfindet. „Das werden wir berücksichtigen“, versprach Regierungsrat Möller.

Lange diskutiert wurde auch über einen „Versuch“ der Wasserbehörde im November, wie viel maximal aus dem äußeren See über die Ableitung abgeleitet werden könne. Für die Bürgermeister im Schlichemtal hatte sich der Starkregen als Notfall dargestellt und sei auch so kommuniziert worden. Bis in den frühen Abend brachten schließlich auch verschiedene Behörden Einwendungen beziehungsweise Anmerkungen zum Verfahren vor das interessierte Publikum.

Eindringlicher Appell aus Hausen

Eindringlich war der Appell des stellvertretenden Bürgermeisters von Hausen am Tann, Stefan Buhmann. Er verlangte ein durchdachtes Risikomanagement. „Es fehlt zwischen Plettenberg und Hausen jeder Hochwasserschutz. Wir haben Angst vor einem Dammbruch.“ Es könne nicht sein, dass alleine von der Ableitung über den Waldhausbach alles abhänge. Eine zweite Ableitung müsse her. „Es geht hier um Menschenleben, nicht um Versuchskaninchen!“

Bis wann entschieden wird

Am Erörterungstermin zur wasserrechtlichen Erlaubnis für die Firma Holcim zur Sammlung von Niederschlagswasser in einem Sedimentationsbecken auf dem Plettenberg und zur Versickerung in einem nachgeschalteten Becken sowie der Benutzung von Wasser zur Reinigung und Bewässerung von Fahrzeugen und Wegen im Kalksteinwerk ist noch keine Entscheidung gefallen.

Die bisherige Erlaubnis – ohne Nutzung des Wassers – für die Firma Holcim am Kalksteinbruch ist vorerst bis zum 30. April 2024 verlängert worden. Bis dahin soll die Entscheidung des Landratsamts Zollernalbkreis über die neue Erlaubnis bis Ende Januar 2029 erfolgen.