Gelder fehlen
: Das Rote Kreuz schlägt Alarm – und braucht nun selbst Hilfe

Das DRK Zollernalb steht vor großen Herausforderungen: steigende Einsatzzahlen, sinkende Mitgliedschaften und ein wachsender Finanzbedarf. Mit einer neuen Kampagne will der Kreisverband gegensteuern.
Von
Lea Irion
Zollernalbkreis
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„Bitte werde Mitglied!“ – ein drastischer Appell des DRK Zollernalb, der inzwischen überall im Kreis zu sehen ist.

„Bitte werde Mitglied!“ – ein drastischer Appell des DRK Zollernalb, der inzwischen überall im Kreis zu sehen ist.

Lea Irion
  • DRK Zollernalb verliert Fördermitglieder: Rückgang von 16.000 auf 12.000 seit den 60er Jahren.
  • Neue Kampagne „Stark bleiben für morgen“ wirbt online und offline für Fördermitgliedschaften.
  • Fördermitgliedschaft ab 25 €/Jahr: Rückholdienst, Arzt-Hotline, Erste-Hilfe-Kurse, steuerlich absetzbar.
  • Steigende Einsatzzahlen: 60.000 Einsätze 2024 erwartet, 200.000 Anrufe in der Leitstelle.
  • DRK warnt: Ohne finanzielle Mittel gefährden Lücken Ehrenamt und wichtige Rettungsdienste.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Manche Geschichten schreibt das Leben selbst. Am Donnerstagvormittag war es einer dieser Momente: Mitten in der Pressekonferenz leuchtet Heiko Lebherz’ Handy auf. Die Nachricht: Herzinfarkt. Für die Leitstelle ein vertrauter Alarm – und doch steckt mehr dahinter. Denn der Patient ist Fördermitglied des DRK Zollernalb. Und er liegt in Kroatien.

Um die Relevanz zu verstehen, muss dieser Text von vorne aufgerollt werden. Es ist 11 Uhr an einem Oktobertag, an dem das erste Laub den Wegesrand färbt und sich die Sonne wieder etwas mehr bemüht. Man könnte gute Laune haben, wenn man sich drauf einließe, und in der Henry-Dunant-Straße 5 bemühte man sich um ebendiesen Optimismus. Denn das Thema, das das Rote Kreuz im Zollernalbkreis gerade umtreibt, könnte nicht besorgniserregender sein: Ihm gehen die Gelder aus. Zumindest, wenn es nicht gegensteuert.

Inzwischen 4.000 Fördermitglieder weniger

Denn genau das will das Präsidium um Heiko Lebherz jetzt ändern. Eine groß angelegte Kampagne soll online wie offline das Bewusstsein für die Arbeit des DRK schärfen und möglichst viele neue Fördermitglieder an Land ziehen. Und das ist momentan so nötig wie nie. „Als ich angefangen habe“, blickte Lebherz zurück, „hatten wir noch um die 16.000 Fördermitglieder. Inzwischen sind es nur noch 12.000“. Früher, in den 60ern und 70ern, sei eine Mitgliedschaft beim DRK noch normal gewesen. Heute sei das „nicht mehr en vogue“.

Stecken hinter der Kampagne: Angela Heyn, Yvonne Willy, Sven Neher, Markus Haas, Madeleine Graf, Heiko Lebherz, Christine Seizinger, Achim Mey und Alexander Korn (von links).

Stecken unter anderem hinter der Kampagne: Angela Heyn, Yvonne Willy, Sven Neher, Markus Haas, Madeleine Graf, Heiko Lebherz, Christine Seizinger, Achim Mey und Alexander Korn (von links).

Lea Irion

Dabei ist es unmöglich, sich eine funktionierende Gesellschaft ohne das Rote Kreuz vorzustellen. Man blicke auf das Jahrhunderthochwasser in Bisingen zurück, als sechs Menschen in unmittelbarer Lebensgefahr schwebten. „Ein Kind war inmitten der Flut in einem Auto eingesperrt, ein anderer Mensch drohte im Keller zu ertrinken“, schilderte Lebherz die dramatischen ersten Minuten der Katastrophe. Das Rote Kreuz war zur Stelle. Doch ohne finanzielle Mittel wird es vor allem für das Ehrenamt eine knappe Kiste.

Wie man Fördermitglied wird

Für einen Mindestbeitrag von 25 Euro im Jahr ist man als Fördermitglied beim DRK Zollernalb dabei. Abschließen lässt sich die Mitgliedschaft über die Website des Roten Kreuz unter www.drk-zollernalb.de. Wer ein Plakat am Straßenrand erwischt, findet dort einen QR-Code zum Scannen – dieser führt aber ebenso zur Website.

Eine Fördermitgliedschaft beim DRK Zollernalb bietet unter anderem Rückholungen bei Auslandsaufenthalten, eine 24-Stunden-Arzt-Hotline, Medikamentenversand ins Reiseland sowie einen Rückholdienst im Inland ab 100 Kilometern Entfernung. Auch Partner und Kinder sind automatisch mitversichert. Hinzu kommen Vergünstigungen wie ein kostenloser Erste-Hilfe-Kurs pro Jahr. Der Beitrag ist steuerlich absetzbar.

Zu finanzieren gibt es nämlich so einiges. Das reicht von einer ordentlichen Ausbildung über Jacke und Hose bis hin zu einem neuen Defibrillator, der laut Lebherz gut und gerne 15.000 Euro kosten kann. Und da habe man noch nicht über Berg- und Wasserwacht gesprochen, oder die Drohnenstaffel, oder den Notfallseelsorgedienst, oder die Rettungshundebereitschaft.

Es sind Dinge, die selbstverständlich erscheinen, solange sie da sind – und für unvorhersehbare Zustände sorgen, sollten sie wegfallen. Lebherz hatte noch viele weitere Zahlen parat. Etwa, dass es im Zollernalbkreis 2.000 Ehrenamtliche beim Roten Kreuz gibt, ohne die das Hauptamt längst nicht mehr auskäme. Und als Heiko Lebherz mit 18 Jahren zum DRK kam, zählte die Organisation 20.000 Einsätze im Jahr. „Wow“, habe sich der damals junge Lebherz noch gedacht. Doch die Zeiten haben sich geändert: Vergangenes Silvester zählte der Kreisverband seinen 60.000. Einsatz – im ganzen Jahr 2024. Diesen Einsätzen gingen 200.000 Anrufe in der Leitstelle voraus.

Rotes Kreuz will frühzeitig vorbeugen

Man könnte die Argumente noch ewig fortsetzen, ein wichtiges aber bleibt zu betonen: der Rückholdienst des DRK. Wer Fördermitglied ist und im Ausland in einen Notfall gerät, kann über einen Anruf in der Leitstelle zurück in die Heimat überstellt werden – so, wie es dem verunglückten Mitglied in Kroatien nun ergehen wird. Das gilt im Übrigen für einen ganzen Haushalt – ist eine Person Fördermitglied, sind alle anderen mitversichert.

Heiko Lebherz, Vorsitzender und stellvertretender Kreisbereitschaftsleiter des DRK Zollernalb.

Heiko Lebherz, Vorsitzender und stellvertretender Kreisbereitschaftsleiter des DRK Zollernalb.

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Um die Zahl der Fördermitglieder jetzt also wieder in die Höhe zu treiben, hat das Rote Kreuz bereits damit begonnen, überall im Kreis Werbeplakate aufzuhängen. „Stark bleiben für morgen“ ist der emotionale Slogan der Kampagne, die vor allem auf Social Media junge Leute auch fürs Ehrenamt begeistern soll. Ein „finanzielles Loch“ kann das DRK Zollernalb auf Nachfrage nicht beziffern – weil es im Moment noch keines gibt. „Vorbeugen“ ist das Gebot der Stunde, sagt Heiko Lebherz.

„Tragende Säule der Gesellschaft“

Über einen „Schulterschluss mit der regionalen Wirtschaft“ freut man sich darüber hinaus beim DRK: Alexander Korn von Korn Recycling und Achim Mey von Mey Generalbau unterstützen die Kampagne nach außen und zum Beispiel über Fördermitgliedschaften für die Belegschaft. Korn, der selbst lange bei der freiwilligen Feuerwehr war, nannte das DRK ein „verlässliches Hilfenetz“ für den Zollernalbkreis, während Mey von einer „tragenden Säule für die Gesellschaft“ sprach.

Was schlussendlich bleibt, ist die Hoffnung, möglichst viele Menschen wachzurütteln – sei es hinsichtlich einer Fördermitgliedschaft oder eines Ehrenamts. Wie dringend es ist, wurde während der Pressekonferenz ersichtlich, und Mitschuld trägt auch das marode Gesundheitssystem. Immer mehr Menschen müssten teilweise monatelang auf einen Termin beim Facharzt warten – mit verheerenden Folgen, die am Roten Kreuz hängenbleiben. „Wir hatten einen Fall in Rangendingen“, erzählte Lebherz, „wo ein Mann Herzrhythmusstörungen bekommen hatte. Sein Facharzttermin war aber erst ein halbes Jahr später. Und noch vor dem Termin hat er einen Infarkt bekommen“.

Es verdeutlicht vor allem eines: dass das Rote Kreuz unabdingbar für eine funktionierende Gesellschaft ist. Doch im Moment bräuchten die Retter wohl langsam selbst mal Hilfe – oder wie es Lebherz formulierte: Man versuche nur noch „überall der Feuerlöscher zu sein“.