Flüchtlingsunterbringung in Balingen
: Anlieger äußern ihre Bedenken

Im ehemaligen Vermessungsamt sollen Geflüchtete einziehen. Bei einer Info-Veranstaltung wurden die Ängste von Anliegern deutlich.
Von
Gert Ungureanu
Balingen
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Stehen verunsicherten Anwohnern Rede und Antwort: Landrat Günther-Martin Pauli, Sozialdezernent Georg Link und Thomas Zizmann, Leiter des Amts für Zuwanderung und Integration.⇥

Gert Ungureanu

Ein gutes Miteinander ist es, was sich Landrat Günther-Martin Pauli wünscht. Er verwies auf die Erfahrungen, die in der Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten und im Hechinger Aviona-Gebäude gemacht wurden. Allein in Meßstetten seien zeitweilig bis zu 3800 Menschen untergebracht gewesen.

200 Personen derzeit in Erstunterbringung

Aber eine dezentrale Unterbringung in kleineren Wohneinheiten sei besser. „Helfen Sie mit“, warb er, „auch wenn sich manch einer andere Nachbarn gewünscht hätte!“ Aus Sicht des Balinger Oberbürgermeisters Dirk Abel ist die neue Unterkunft auch ein Balinger Thema, „weil es um Menschen geht, die dieser Stadt leben werden“. 200 Geflüchtete seien derzeit in Erstunterbringung in Balingen, rund 500 in Anschlussunterbringung.

Sozialdezernent Georg Link erklärte, dass im vergangenen Jahr 536 Asylbewerber in den Zollernalbkreis gekommen seien, und dass im laufenden Jahr etwa 800 erwartet würden. Bei dem Haus gehe es um ein leerstehendes Verwaltungsgebäude im Besitz des Landes, für das der Landkreis für die geschätzte Dauer von drei Jahren keine Miete zahlen müsse. Eine aufwendige Sanierung sei nicht geplant, man müsse nur sehen, „dass die Heizung läuft“.

Wie sicher sei, dass es bei den 30 bis 40 Geflüchteten bleiben werde?, fragte ein Anlieger. Und eine Anliegerin erinnerte daran, dass es 2015 Überlegungen gegeben habe, bis zu 200 Menschen dort unterzubringen. Thomas Zizmann, Leiter des Amts für Integration, erklärte, dass nur das Erdgeschoss genutzt werden dürfe. Und da passten nun mal nicht mehr als 30 bis 40 rein.

Viele Familien gekommen

Woher sie kommen? Wisse er nicht, sagte der Landrat. In letzter Zeit seien viele Familien mit Kindern gekommen. Aber: „Wir sind keine Hellseher.“ Man wolle ein friedliches Miteinander, und die unmittelbare Nähe zur Polizei und zum Landratsamt sei eine Garantie dafür, „dass nichts passiert“. „Wunderbar“, konterte eine Anliegerin, „wenn eine Frau vergewaltigt wird, kann sie gleich zur Polizei!“ Eine andere gestand, dass ihr gerade die Nähe zur Polizei Angst mache, denn da könne man ja auf die Idee kommen, hier Übeltäter unterzubringen, „weil die Polizei da ist“. Und eine Frau sagte, dass sie Angst habe, abends allein heimzugehen, weil sie immer wieder angesprochen werde. Dann mache sie, dass sie rasch weiterkomme.

Ansprechpartner bei Landratsamt und Polizei

Andere befürchteten Lärmbelästigung, weil Menschen mit posttraumatischen Störungen bekanntlich schlecht schlafen und von Alpträumen geplagt seien. Einen Ansprechpartner wünschte sich manch einer, „falls doch etwas wäre“. Den gebe es, wurde versichert. Im Landratsamt und bei der Polizei.

Thomas Zizmann sagte, er selbst wohne direkt neben einer „vorläufigen Unterbringung“ und bekomme davon gar nichts mit. Den Vorwurf, dass das Landratsamt bereits im Sommer damit begonnen habe, die Zimmer für die Flüchtlinge einzurichten, ließ er so nicht stehen: Das Landratsamt nutze das Gebäude seit dem Sommer als Lager, habe dort unter anderem Betten aufbewahrt. Eingerichtet würden die Zimmer aber erst seit Anfang Dezember.

Murren wurde laut: „Wir stellen hier Fragen, und Sie geben uns Auskünfte, die nicht stimmen“, sagte ein Mann. Als eine Frau erzählte, dass sie seit 40 Jahren abends allein durch die Stadt gehe und noch nie „etwas passiert“ sei, und dass man Ängste überwinden könne, indem man sich für Geflüchtete engagiere, verließen mehrere Anwohner den Sitzungssaal, schlugen demonstrativ die Türen zu. Die Argumente, dass man in den Flüchtlingsunterkünften nie das Gefühl habe, bedroht zu werden, konnten die Ängste der Anwohner nicht entkräften. Auch nicht die Aussage, dass es jeden irgendwann treffen könne, dass er „anderswo hingehen muss“.

Temporäre Lösung

Michael Schneider, der, wie er betonte, als Anwohner und nicht als Dekan der evangelischen Kirche gekommen war, nahm etwas Luft heraus: Er habe das Glück, eine schöne Frau zu haben, sagte er, und sie habe noch nie Angst gehabt, am Abend allein durch die Stadt zu gehen. Landrat Pauli garantierte, dass es eine „temporäre Lösung“ sein werde, weil das Land auf dem Areal den Neubau des Polizeireviers plane. Und ja, man wolle in der Straße für bessere Beleuchtung sorgen, denn „das Sicherheitsgefühl ist ein hoher Faktor für Lebensqualität“. Pauli schlug auch „Nachbarschaftstreffen zum besseren Kennenlernen vor – zum Beispiel in der Cafeteria des Landratsamts.

3800

Menschen sind nach Angaben des Landratsamts zu Spitzenzeiten in der Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten untergebracht gewesen.