Es ist ein anderes Bild, das sich zurzeit an der Jugendherberge Lochen zeigt. Für gewöhnlich tummeln sich zahlreiche Kinder- und Jugendliche auf der Anhöhe zwischen Balingen und Tieringen. Sie kommen meist für ein paar Tage mit der Schulklasse oder Jugendfreizeit zum Wandern, Spielen und Erleben vorbei. Aktuell ist die Jugendherberge aber „temporär geschlossen“, heißt es auf der Webseite. Der Grund ist banal, denn seit etwa vier Wochen wohnen dort rund 100 Geflüchtete.
„Wir können sagen, dass es gut gestartet ist. Mit knapp 50 Bewohnern ging es los, letzte Woche kamen nochmal fast so viele dazu“, sagt Georg Link, Sozialdezernent im Zollernalbkreis. Hauptsächlich erwachsene, alleinreisende Männer wohnen nun in dem zuvor frisch renovierten Gebäude. Auch vier Familien und drei Kinder sind dabei. Sie kommen unter anderem aus Syrien, Afghanistan, Georgien und Algerien. „Es ist eine bunte Mischung, aber es funktioniert gut“, sagt der Leiter des Amts für Zuwanderung und Integration im Zollernalbkreis, Thomas Zizmann. „So wie ich es empfinde, sind alle dankbar, in Ruhe leben zu können.“

Suche nach Ehrenamtlichen

Viel haben die Verantwortlichen des Zollernalbkreises seitdem in die Hand genommen. Neben einer stabilen Wlan-Verbindung, um den Kontakt in die Heimat halten zu können, haben direkt in der ersten Woche Deutschkurse begonnen. Denn „ohne Sprache funktioniert Integration nicht“, sagt Link. Um aber auch weiterhin eine reibungslose Unterbringung zu ermöglichen, sucht der Landkreis jetzt Ehrenamtliche, die sich vor Ort um die Flüchtlinge kümmern. „Wir möchten den Geflüchteten zeigen, wie man hier lebt. Wir möchten Sie in den Alltag und das soziale Gefüge einführen“, sagt Landrat Günther-Martin Pauli. Nur so könne man die Frauen und Männer auf Integrationskurse vorbereiten und ihnen eine Beschäftigung ermöglichen, denn arbeiten dürfen sie hierzulande erst drei Monate nach ihrer Ankunft.
In einer Infoveranstaltung am Dienstagabend informierte das Landratsamt Zollernalbkreis in der Jugendherberge über den Bedarf und die Möglichkeiten eines ehrenamtlichen Engagements. Neben Sprachkursen werde vor allem nach Beschäftigungen der Bewohner gesucht: Spielenachmittage, Sportangebote, Wanderungen, Hilfe bei Behördengängen oder Fahrdienste. „Den Fantasien sind keine Grenzen gesetzt. Die Menschen sollen spüren, dass sie willkommen sind und beschäftigt werden“, bekräftigt Mechthild Uhl-Künzig, Ehrenamtskoordinatorin des Landkreises und tätig für die Caritas, die anwesenden Interessierten.

Gäste bringen eigene Ideen ein

Etwa 20 Gäste waren in die Jugendherberge gekommen und stellten den Hauptamtlichen zahlreiche Fragen. Wichtiges Thema war das Lehrmaterial. Demnach sollen Bücher und andere Materialien angeschafft werden, in denen alles Nötige für die Lehrkräfte erklärt sei. Auch auf das Thema Sicherheit wurde eingegangen. „Die Bewohner sind bisher unauffällig gewesen“, bestätigt Georg Link. Dennoch sei es wichtig, „frühzeitig ein Angebot zu schaffen, um auch Taten der Bewohner wie in Illerkirchberg zu vermeiden“, ergänzt Link. Für zusätzlichen Schutz sorge außerdem ein Sicherheitsdienst, der rund um die Uhr vor Ort ist. Abgesehen von Fragen brachten die Gäste auch eigene Ideen ein. So könnten die Geflüchteten selbst bei der Gestaltung der Außenanlage mitwirken oder den Hausmeister bei seinen Arbeiten begleiten und dadurch ein Handwerk lernen. Die Herberge werde dadurch auch für die Nachnutzung instandgehalten. Ein Vorstandsmitglied vom Sportverein Hausen am Tann bot darüber hinaus eine Sportmöglichkeit an.
Wichtig war den Anwesenden zudem das Thema Kinderbetreuung. Zwei Babys und ein Schulkind wohnen aktuell in der Herberge und werden von ihren Müttern betreut. Viele weitere wohnen in anderen Einrichtungen im Zollernalbkreis. Das Problem: „Wir haben zu wenig Ehrenamtliche für eine Kinderbetreuung und Kindergartenplätze sind rar“, sagt Thomas Zizmann. Händeringend werde deshalb nach Unterstützung gesucht.

Suche nach Unterkünften im ganzen Landkreis

Rund zwei Jahre steht dem Landkreis die Jugendherberge nun zur Flüchtlingsunterbringung zur Verfügung. Wie es danach weitergeht, ist noch offen. Klar ist jedoch, dass die Zahl der Bewohner wohl noch weiter steigen wird, denn dem Landkreis wurden bereits neue Geflüchtete zugeordnet und überall werde nach Unterkünften gesucht. „Wir waren froh, dass wir die Jugendherberge zur Unterbringung gewinnen konnten. Im ganzen Land wird gesucht. Woanders mussten Turnhallen genutzt werden.“ Gleichzeitig werde aber der Bedarf an ehrenamtlicher Unterstützung nicht weniger. „Man kann nicht genug Hilfe anbieten“, sagt Landrat Pauli, denn „niemand verlässt freiwillig seine Heimat.“

Auf der Suche nach Immobilien

Zwei große Standorte hat der Zollernalbreis zur Unterbringung von Flüchtlingen organisiert. Auf dem Areal der früheren Zollernalb-Kaserne hat der Landkreis gemeinsam mit der Stadt Meßstetten ein Ankunftszentrum für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine eingerichtet.
Die Jugendherberge Lochen beherbergt derweil alle weiteren Asylsuchenden. Auf Hallen oder andere Einrichtungen der Gemeinden musste der Landkreis bisher zwar nicht zurückgreifen, „aber wir sind landkreisweit auf der Suche nach Immobilien“, sagt Georg Link, Sozialdezernent im Zollernalbkreis. Mehr als 70 weitere Asylbewerber seien dem Landkreis demnach zugewiesen worden, die eine Unterkunft benötigten.