Eigenproduktion der Stadthalle Balingen
: Die Oper „Faust“ wirft ihre Schatten voraus

Am 7. November feiert die Eigenproduktion der Balinger Stadthalle Premiere. Die Proben sind in vollem Gange. Ein Blick hinter die Kulissen.
Von
Andrea Maute
Balingen
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Voller Körpereinsatz: Singen und sich dabei auf der Bühne bewegen - das verlangt den Sängerinnen und Sängern viel ab.

Voller Körpereinsatz: Singen und sich dabei auf der Bühne bewegen - das verlangt den Sängerinnen und Sängern viel ab.

Andrea Maute
  • Die Oper „Faust“ von Charles Gounod feiert am 7. November Premiere in der Stadthalle Balingen.
  • Regie führt Sopranistin Natalie Karl, die erstmals auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich ist.
  • Der Opernchor, bestehend aus Laien, probt seit Januar und zeigt vollen Einsatz.
  • Junge Solist*innen und ein Orchester ergänzen die Besetzung; Aufführungen am 7., 9. und 11. November.
  • Ziel der Eigenproduktion ist es, alle Generationen, besonders ein junges Publikum, anzusprechen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Aus dem Großen Saal der Stadthalle Balingen vernimmt man Musik. Das Einsingen ist beendet, Körper und Stimme sind geweckt und gelockert. Im Halbkreis stehen die Sängerinnen und Sänger des Opernchors auf der Bühne, vor ihnen ein Klavier. Lennart Faustmann greift in die Tasten, das letzte Lalala geht nahtlos in eine Melodie über.

Wer sich bei dieser Szene unwillkürlich an die Worte „Laß den Gesang vor unserm Ohr im Saale widerhallen!“ aus einer Ballade von Goethe erinnert, ist schon nah dran. Der Dichterfürst ist auch in Balingen präsent, denn wir befinden uns mitten in den Proben zur Oper „Faust“ von Charles Gounod (in französischer Sprache mit deutscher Übertitelung), mit der die Stadthalle die lange Tradition der Eigenproduktionen fortsetzt.

„Zum ersten Mal wagen wir hier eine Oper, die nicht zu den ganz großen Opern gehört“, lässt der musikalische Leiter Dietrich Schöller-Manno wissen. An den großen Häusern häufig gespielt, sei sie in der Provinz bislang noch weniger ein „Must-have.“ Gleichwohl: „Die Balinger Eigenproduktionen sprechen für sich.“ Und auch diese hat das Zeug, nachhaltig zu beeindrucken.

Emotionale Tiefe

Ihre Premiere als Regisseurin feiert bei diesem Projekt die in der Region aufgewachsene und in Stuttgart lebende Sopranistin Natalie Karl. Auf den großen Bühnen der Welt zu Hause, hat sie hier quasi ein Heimspiel. Denn mit der Stadthalle Balingen verbindet sie ein Band, das bis zu den Wurzeln ihrer Opernerfahrung zurückreicht. „Meine erste Oper habe ich hier als Zuschauerin gesehen. Es war `La Traviata`“, blickt sie zurück.

Es folgten verschiedene Auftritte in der Eyachstadt, 2012 verkörperte sie die Rosalinde in der Eigenproduktion „Die Fledermaus.“ Jetzt also der Exkurs ins Regie-Fach – inklusive Zuständigkeit für Bühnenbild, Kostüme, Grafik. Fürwahr eine gewichtige Aufgabe. Noch schwerer wiegt allerdings das Herzblut, das sie in das Projekt investiert.

Wenn Natalie Karl darauf zu sprechen kommt, gerät sie geradezu ins Schwärmen. Für viele ist Goethes Faust noch aus Schulzeiten eine Lektüre mit bisweilen sperrigen Dialogen. Als Operninszenierung sei der Stoff greifbarer. Die wunderbare Musik vermöge Emotionen zu transportieren, eine emotionale Tiefe zu erzeugen, erklärt sie. Und: „Es ist ein Stoff, der auch heute noch aktuell ist.“ Das Narzisstische, die patriarchalen Strukturen – all das sei in der Gesellschaft nach wie vor verankert.

Welche Pose, welche Gesten? Regisseurin Natalie Karl macht es vor.

Welche Pose, welche Gesten? Regisseurin Natalie Karl macht es vor.

Andrea Maute

Mit Beginn der Planungen für die Eigenproduktion wurde ein Prozess in Gang gesetzt, bei dem sich Puzzleteil um Puzzleteil immer mehr zu einem großen Ganzen formt. Seit Januar probt der Opernchor, dem bei der Aufführung ein besonders anspruchsvoller Part zukommt. Denn im Gegensatz zu professionellen Chören, deren täglich Brot es ist, viele Stunden auf der Bühne zu stehen und zu singen, ist dies für einen Laienchor eine große Herausforderung.

„Unser Chor ist ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt Leiter Lennart Faustmann. Vom Krankenpfleger über den Postboten bis hin zur Steuerberaterin und zum Lehrer seien hier zahlreiche Berufsgruppen vertreten.

Zahlreiche Facetten

Ihnen allen verlangt die Arbeit viel ab, denn so eine Inszenierung hat beinahe unzählige Facetten. Lennart Faustmann bringt es auf eine Fünf-Punkte-Formel: Zum einen gilt es, sich den Notentext zu erobern. Ein weiterer, sicherlich sehr zentraler Punkt ist, die sängerische Partie (1,5 Stunden) durchzuhalten. Und das, bestätigen die Experten, ist mit Fug und Recht mit einem Marathon zu vergleichen. Nicht weniger bedeutsam ist das Einfühlen in den Text. Denn gesungen wird oft auf Französisch und nicht jede und jeder ist dieser Sprache mächtig.

Ein besonders „spannender Punkt“ ist erreicht, wenn die Regiearbeit ins Spiel kommt. Denn dann eröffnen sich Fragen wie „Wie muss ich mich auf der Bühne bewegen und wie komme ich mit dem Kostüm zurecht?“

„Niemand wird hier geschont“, macht Dietrich Schöller-Manno deutlich. Doch Leidenschaft ist bekanntlich der beste Antrieb. Und diese ist auch bei der Probe deutlich zu spüren.

Alle zeigen vollen Körpereinsatz. „Ihr müsst gespannt bleiben, es kann jeden Moment losgehen“, ruft Lennart Faustmann den Akteuren zu. Singen und gleichzeitig posieren – das ist alles andere als einfach.

Mit vollem Körpereinsatz

Natalie Karl macht vor, wie sie sich die Bewegungen vorstellt. Kurzerhand krempelt sie die Hosenbeine ihrer Jeans nach oben und läuft mit großen, raumgreifenden Schritten in Richtung Bühnenmitte.

Nach einigen Durchgängen sitzt die Szene. „Mein Herz blüht vor Stolz, wenn sich alle so reinschmeißen“, ist Lennart Faustmann voll des Lobes für seine Sängerinnen und Sänger.

Ist stolz auf seine Sängerinnen und Sänger: der Leiter des Opernchors, Lennart Faustmann.

Ist stolz auf seine Sängerinnen und Sänger: der Leiter des Opernchors, Lennart Faustmann.

Andrea Maute

Dass das Kulturgut Oper aus einem Laienchor heraus hier in der Stadt einen Platz finde – das beeindrucke ihn sehr, sagt Faustmann, der in Koblenz als Kirchenmusiker tätig ist. Bald werden noch die Solisten zum Chor dazustoßen – junge Sängerinnen und Sänger, die noch an Hochschulen studieren oder ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben. Auch sie mussten ihr Können unter Beweis stellen und beim Vorsingen überzeugen. „Denn es gibt viele gute Stimmen, aber nur wenige, die einen berühren“, weiß Natalie Karl.

Zum Schluss kommt dann noch das Orchester hinzu und mit ihm eine weitere Herausforderung: Wie schafft man es, dass der Chor dann noch zu hören ist? Auch das werden bis zur Premiere am 7. November alle gemeinsam hinbekommen.

„Ein ganz besonderes Erlebnis“

„Wir sind schon ganz heiß darauf, auf die Bühne zu gehen“, verrät die Sprecherin des Opernchors, Monika Jetter-Seeger, die selbst mitwirkt und die Gefühlslage der Akteurinnen und Akteure eindrücklich in Worte fasst: „Die Entwicklung dieses Projektes zu sehen, wie es sich langsam aufbaut – das ist ein ganz besonderes Erlebnis.“

Mit ihrer Eigenproduktion möchte die Stadthalle Balingen alle Altersgruppen, insbesondere aber auch ein junges Publikum ansprechen. „Kunst sollte zugänglich sein“, betont Natalie Karl. „Das Publikum soll nicht nur zuschauen, sondern miterleben, mitfühlen und vielleicht sogar neue Perspektiven gewinnen“, erklärt sie die Intention.

Die Oper „Faust“ von Charles Gounod

Premiere feiert die Eigenproduktion der Stadthalle Balingen am 7. November um 19.30 Uhr. Weitere Aufführungstermine sind der 9. November (16.30 Uhr) und der 11. November (19.30) – jeweils im Großen Saal.

Karten (von 31,50 bis 44 Euro – ermäßigt von 9,50 bis 22,10 Euro) sind erhältlich bei der Stadthalle Balingen, Tel. (07433) 9008-420, auf www.stadthalle-balingen.de sowie bei allen Easy-Ticket-Vorverkaufsstellen.