Bahnlinie in Balingen: Rottweil entscheidet sich gegen Reaktivierung der Bahnstrecke

Nach dem Bahnhof in Schömberg enden die Gleise der Regionalbahn von Balingen nach Rottweil. Der Bahnhof liegt im Dornröschenschlaf. Das hätte sich mit der Reaktivierung der Strecke Balingen–Rottweil ändern können.⇥
Birgit RexerNachdem sich Ende Oktober bereits der Rottweiler Verwaltungsausschuss des Kreistags gegen die Reaktivierung der Eisenbahnstrecke Rottweil–Balingen ausgesprochen hat, schloss sich der Kreistag diesem Votum an. 33 Kreisräte stimmten dagegen, zehn dafür. Damit vertritt der Rottweiler Kreistag eine deutlich andere Meinung als die Mitglieder des Kreistags im Zollernalbkreis. Denn die entschieden sich mit großer Mehrheit für die Reaktivierung.
Verwaltungsausschuss des Kreistags hat bereits klares Votum abgegeben
Mit dem Votum des Kreistags Rottweil scheint die Reaktivierung der Bahnstrecke vorerst vom Tisch zu sein, reagiert das Landratsamt Zollernalbkreis auf die Entscheidung. „Die Auswirkungen auf den saisonalen Freizeit- sowie den Gütervekehr auf der Strecke zwischen Balingen und Schömberg müssen nun im Gespräch mit allen Beteiligten geklärt werden“, ergänzt Pressesprecher Steffen Maier.
Landrat Günther-Martin Pauli dazu: „Mit großem Unverständnis nehmen wir die aus unserer Sicht historisch falsche Entscheidung des Rottweiler Kreistags auf. Wir hätten uns vom Nachbargremium mehr Mut und Weitsicht gewünscht. Uns selbst müssen wir fragen, ob wir die vielen gemeinsamen Vorteile, die die Reaktivierung mit sich bringt, deutlicher hätten hervorheben müssen.“ Dieser vergleichsweise kleine Lückenschluss entfaltete für die Region Neckar-Alb vielfältige Möglichkeiten, hätte für den gesamten Landkreis Rottweil jenseits kommunaler Einzelinteressen eine zusätzliche clevere Alternative zur Gäubahn bedeutet und wäre ein intelligentes Puzzlestück für die Mobilität der Zukunft, so der Landrat weiter. „Die Reaktivierung der Bahnlinie Balingen-Rottweil ist ein Jahrhundertprojekt, dafür notwendig ist ein langer Atem. Wir haben diese Geduld, weil wir von den Chancen dieses Jahrhundertprojekts uneingeschränkt überzeugt sind.“
Verkehr auf der B27 reduzieren
Als interessant und lohnenswert wird es in der Machbarkeitsstudie der DB Engineering und Consulting GmbH beschrieben. Der Zollernalbkreis würde damit eine Anbindung an die Gäubahn sowie Verbindungen in Nachbarlandkreise wie Tuttlingen oder Schwarzwald-Baar sowie weiter in Richtung Schweiz erhalten. Für den Landkreis Rottweil ergäbe sich ein zweiter Anschluss in Richtung Stuttgart. Insgesamt würde die reaktivierte Verbindung die Attraktivität des Schienennetzes im Zusammenspiel mit der Regional-Stadtbahn Neckar-Alb erheblich verbessern. Zudem würde der Verkehr auf der Bundesstraße 27 reduziert.
Für die Wirtschaftlichkeitsberechnung wurden die üblichen Checklisten zur Hand genommen. Und die haben laut DB ergeben, dass auf der wieder aktiven Strecke annähernd 3000 Personen pro Tag befördert werden können. „Die Ergebnisse machen deutlich, dass es sich lohnt, die Reaktivierung weiterzuverfolgen. Wir wollen dieses attraktive und bedeutsame Infrastrukturprojekt weiter beherzt vorantreiben und hoffen, dabei alle kommunalen Partner an unserer Seite zu haben“, sagte Landrat Günther-Martin Pauli. Rottweil wird wohl keiner dieser Partner sein.
Zollernalbkreis beteiligt sich finanziell nicht in Rottweil
„Der Zollernalbkreis hat unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass hinsichtlich des Finanzierungsschlüssels das Territorialprinzip zur Anwendung komme. Eine finanzielle Beteiligung über die Gemarkung hinaus kommt für den Zollernalbkreis nicht in Betracht“, sagen Oliver Brodmann, Dezernent Öffentliche Sicherheit, Verkehr, Recht im Landratsamt Rottweil, und Hermann Kopp, Erster Landesbeamter. Schon jetzt würden für den Abschnitt Schömberg–Rottweil 29 Millionen Euro für den Rottweiler Landkreis anfallen.
Um die Schienenstrecke wieder in Betrieb nehmen zu können, ist außerdem ein umfangreicher Grunderwerb im Landkreis Rottweil erforderlich, weswegen sich die Kosten des Gesamtbauprojekts noch erhöhen werden. Denn entlang der Bahnstrecke gibt es bereits einige Bauten. Eine neue Trasse, einschließlich eines Tunnels bei Neukirch, müsste entstehen (wir berichteten). Dabei können umfangreiche Enteignungen von der Kreisverwaltung nicht ausgeschlossen werden, teilt das Landratsamt mit.
Kosten: 300 Millionen Euro
Insgesamt kostet der Bau etwa 300 Millionen Euro. „Diese Kostenschätzung basiert auf einem Preisstand von 2021 inklusive eines Zuschlags in Höhe von 30 Prozent.“ Von den 300 Millionen Euro entfielen auf die Rottweiler satte 250 Millionen für den Neubau.
Überraschend kommt das Rottweiler Votum nicht. Schon für die Machbarkeitsstudie benötigte es einen zweiten Anlauf, weil der Verwaltungsausschuss zunächst die finanzielle Beteiligung abgelehnt hatte. Zudem erklärte Landrat Dr. Wolf-Rüdiger Michel, dass er eher auf die bereits beschlossene Regio-Buslinie Rottweil–Balingen setzt. Die soll 2026 eingerichtet werden, die Bahnreaktivierung allerdings erst 2050 fertig werden.
33
Mitglieder des Rottweiler Kreistags sprachen sich am Montag gegen die Reaktivierung der Bahnstrecke Rottweil–Balingen aus. Nur zehn waren dafür.
