Autor Bodo Staudacher
: „Die Menschen werden immer Geschichten brauchen“

InterviewMit „Der König der Spinnen“ hat der gebürtige Balinger Bodo Staudacher sein drittes Buch veröffentlicht. Im Interview spricht er darüber, wie er in einer schweren Lebensphase zum Schreiben fand.
Von
Sophie Holzäpfel
Balingen
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Autor Bodo Staudacher ist in Balingen aufgewachsen.

Autor Bodo Staudacher ist in Balingen aufgewachsen.

Oliver Sonnek

Im Jahr 2020, zu Beginn der Pandemie, erhielt Bodo Staudacher die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Der gebürtige Balinger war damals gerade einmal 35 Jahre alt. Es folgten monatelange Krankenhausaufenthalte, Isolation und Einsamkeit. In dieser Zeit fand Staudacher zum Schreiben: Er begann, seine Gedanken und Erlebnisse festzuhalten. Daraus entstand schließlich sein erstes Buch – eine Geschichte, die Mut machen soll. Inzwischen ist bereits sein drittes Buch „Der König der Spinnen“ erschienen.

2020 begann für Sie eine Phase, in der sich Ihr Leben durch eine Krebserkrankung grundlegend verändert hat. Wie haben Sie in dieser Zeit zum Schreiben gefunden?

Bodo Staudacher: Das war für mich eine ganz spezielle Ausnahmesituation. Es war ja die Corona-Zeit, diese ganze Verunsicherung – und bei mir hat sich das komplett überlagert mit der Krebsdiagnose, genau am Anfang der Pandemie. In der Behandlungsphase hatte ich plötzlich sehr viel Zeit. Die meiste Zeit war ich allein im Krankenhaus, weil Besuch kaum erlaubt war.

Ich habe viel reflektiert, viel nachgedacht. Das war schon eine richtige Extremphase, mit vielen Unsicherheiten und offenen Fragen. Mir hat es geholfen, alles aufzuschreiben. Nicht nur die schwierigen Sachen, sondern ganz bewusst auch die positiven. Ich war ja knapp zwei Jahre vorher aus Singapur zurückgekommen, wo ich drei richtig schöne Jahre hatte. Auch diese Eindrücke habe ich festgehalten. So habe ich meine Zeit genutzt. Das Schreiben war für mich eigentlich das Einzige, was wirklich Sinn gemacht hat.

Das Schreiben war zunächst etwas sehr Persönliches für Sie. Was hat Sie schließlich dazu bewegt, damit an die Öffentlichkeit zu gehen und ein Buch daraus zu machen?

Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt etwas damit mache – oder ob ich alles wieder „zurückpacke“ und einfach normal weitermache. Der eigentliche Auslöser kam dann in der Phase, als klar war, dass die Behandlung erfolgreich verläuft. Ich hatte das Glück, eine Diagnose zu haben, die im Vergleich noch relativ günstig ist. Und als sich abgezeichnet hat, dass eine vollständige Heilung wahrscheinlich ist, dachte ich: Es wäre doch schön, das mit anderen zu teilen – auch etwas Positives.

Besonders berührt hat mich dann die Rückmeldung von drei jungen Menschen, die die gleiche Diagnose bekommen haben und mein Buch gefunden und gelesen haben. Sie haben mir geschrieben, dass es ihnen wirklich geholfen hat. Das hat mir gezeigt, dass es für mich die richtige Entscheidung war.

Fällt es Ihnen schwer, einen so persönlichen Text loszulassen und mit der Öffentlichkeit zu teilen?

Loslassen ist schon ein Thema. Gerade das erste Buch ist sehr emotional und sehr persönlich – so bin ich im Alltag eigentlich gar nicht. Wenn man so etwas schreibt und dann veröffentlicht, setzt man es natürlich allem aus. Die anstrengendste Phase ist für mich die Zeit direkt nach der Veröffentlichung, wenn man auf das erste Feedback wartet.

Mittlerweile ist bereits ihr drittes Buch „Der König der Spinnen“ erschienen. Hat sich Ihre Beziehung zum Schreiben im Laufe der Jahre verändert?

Ich habe damals überhaupt nicht geplant, Autor zu werden. Angefangen habe ich sehr emotional, aus einer Situation heraus. Das hat sich im Laufe der Zeit schon verändert.

Für mein letztes Buch habe ich zum Beispiel auch das Feedback bekommen, dass es stilistisch reifer geworden ist. Ich habe keine klassischen Schreibkurse gemacht, sondern mir viel über den Austausch erarbeitet – mit anderen Autoren, mit Lektoren, aber auch über Instagram. Diese Bookstagram-Community ist da riesig. Gerade über die sozialen Medien habe ich sehr viel Kontakt zu Buchbloggern.

Beim Release meines letzten Buches habe ich zum Beispiel rund 20 Buchblogger direkt kontaktiert, um Rezensionen zu bekommen. Insgesamt ist es heute ein bisschen mehr Handwerk geworden – und wahrscheinlich auch ein Stück reifer.

Ihr aktuelles Buch bewegt sich im Bereich Mystery und Horror. Was interessiert Sie an diesen Genres?

Angefangen habe ich mit einer romanhaften Biografie. In meinem zweiten Buch war es dann ein Mystery-Abenteuer für Jugendliche ab 12 Jahren. Das jetzige Buch sind fünf Horrorgeschichten für Erwachsene. Es gibt aber auch wiederkehrende Elemente in allen drei Büchern: Das Thema Verlust verbindet alle. Düstere Geschichten haben mich schon immer fasziniert, zum Beispiel von Autoren wie Stephen King. Es ist so, dass ich in diesem Genre auch bleiben möchte.

Worum geht es in „Der König der Spinnen“? 

Grundlegendes Motiv in den Geschichten sind Alltagssituationen, die anders verlaufen und kippen. Keine klassischen Horror-Settings. Es gibt einen Moment, in dem etwas auf einmal schiefgeht und dann in eine andere Richtung geht. So ein langsames Abgleiten in etwas Dunkles und Düsteres.

Vielleicht kann man es auch als Einstieg in das Horror-Genre bezeichnen, weil es nicht so extrem ist. Ich schreibe gerne immer mit Hintergrund. Ein bisschen Tiefgang ist mit dabei.

Kurzgeschichten verlangen Verdichtung. Wie gehen Sie beim Schreiben vor – entsteht es eher aus einer Idee heraus oder aus einem bestimmten Bild, Gefühl, Gedankenimpuls?

Ich mache das momentan eher auf einem Hobby-Level – ich arbeite in einem großen Technologieunternehmen im Raum Stuttgart und habe eine Familie mit zwei Kindern.

Bei mir ist es so, dass ich abends oft noch eine kreative Phase habe, meist ab etwa 22 Uhr. Meine letzten Bücher sind tatsächlich alle entstanden, wenn es ruhig ist und draußen dunkel wird. Das ist für mich ein Ausgleich, fast schon etwas Meditatives.

Am Anfang habe ich eher einfach drauflosgeschrieben, also Geschichten begonnen, ohne genau zu wissen, wie sie enden. Teilweise habe ich sogar zwei Geschichten parallel geschrieben. Heute ist das anders. Ich entwickle die Geschichte vorher stärker, denke die Twists und Wendungen im Voraus durch und gehe gezielter vor. Manchmal mache ich auch bewusst eine Pause und überlege nochmal, wie sich alles entwickeln soll.

Welche Bedeutung hat Schreiben heute für Sie?

Egal, wie sich die Welt verändert – ich glaube, die Menschen werden immer Geschichten brauchen. Ich arbeite ja selbst im Bereich Digitalisierung, bin aber gleichzeitig ein großer Verfechter des gedruckten Buchs. Für mich ist das auch ein Gegenstück zur digitalen Welt, und ich glaube, dass das Buch seinen Platz behalten wird.

Ich selbst lese auch gern abends, um runterzukommen und Ruhe zu finden. Und ich denke, genau das wird auch in Zukunft wichtig bleiben: Geschichten, die einen berühren. Das ist auch meine Motivation, zu schreiben.

Natürlich gibt es inzwischen auch KI-generierte Bücher, aber ich glaube, die Menschen wollen weiterhin wissen, wer dahintersteht. Diese persönliche Verbindung bleibt wichtig. Die Bookstagram-Szene finde ich da zum Beispiel richtig spannend – Blogger und Autoren brauchen sich gegenseitig. Beim letzten Buch habe ich zum ersten Mal auch einen richtigen Cover-Release gemacht, das war für mich neu und sehr spannend.

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