Aktionsbündnis Zement Zollernalb
: Initiatorin Beate Zöld aus Dotternhausen gibt den Kampf auf

Beate Zöld aus Dotternhausen hat das „Aktionsbündnis Zement Zollernalb-Tübingen-Reutlingen“ gegründet. Warum sie vorerst aufgegeben hat.
Von
Karin Mitschang
Dotternhausen
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Beate Zöld aus Dotternhausen  – hier vor einem selbst gemalten Bild mit Plettenberg-Motiv – zieht sich zurück von der Arbeit im „Aktionsbündnis Zement Zollernalb-Tübingen-Reutlingen“.⇥

Karin Mitschang

Ich wollte eigentlich gar nicht so tief ins Thema einsteigen“, sagt Beate Zöld, an ihrem Esstisch in Dotternhausen sitzend, einen dampfenden Tee in den Händen. Ihre Aktivismus-Zeit soll nun vorbei sein, sagt die 44-Jährige, die seit mehreren Jahren das Gesicht des „Aktionsbündnis Zement Zollernalb-Tübingen-Reutlingen“ in der Region war. Und wirft einen Blick zurück. „Alles hat vor acht Jahren mit der Initiative Pro Plettenberg angefangen“, erinnert sich die Sozialpädagogin.

Die gebürtige Speichingerin war zwei Jahre zuvor nach Dotternhausen gezogen. Damals habe sie sich in der vollen Halle beim Informationsabend anstecken lassen: von der Gemeinschaft, die leidenschaftlich verlangte, dass die Bevölkerung geschützt wird vor Abgasen und Schmutz, die von der Firma Holcim durch die Nutzung von Ersatzbrennstoffen wie Müll in die Umwelt gelangt seien und weiter gelangten. Damals zählte unter anderem ein Bürgerentscheid 2017 zu den Erfolgen der Initiative. „Aber die Anfangszeit war hart, man wurde diffamiert.“

Zunächst beim NUZ mitgemischt

Später habe sie sich zunächst dem Verein für Natur- und Umweltschutz Zollernalbkreis (NUZ) mit dem ehemaligen Bürgermeister Norbert Majer angeschlossen. Auch diese Gruppe kritisiert unter anderem, dass das Zementwerk eine völlig veraltete Filteranlage nutzt und nur durch Sondergenehmigungen so betrieben werden könne, wie es der Fall ist. Doch zermürbende Sitzungen in Gremien und in Gerichtssälen seien nicht ihre Sache, sagt Zöld. „Der Klageweg ist nicht mein Weg.“ Schließlich ließen die Anwälte des Konzerns die Privatleute gern ausbluten – zeitlich wie auch finanziell. „Meines ist eher der zivile Ungehorsam und Aktionen vor Ort.“

Und so initiierte Zöld das „Aktionsbündnis Zement Zollernalb-Tübingen-Reutlingen“. „Ich hatte überregional alle großen Gruppierungen angeschrieben, Nabu, Attac und viele mehr, mit allen Informationen, die ich online zusammengesucht hatte.“ Die Reaktionen kamen prompt. „Und plötzlich stand ich mit denen allen auf dem Plettenberg und habe eine Führung gemacht“ – die Geburtsstunde des Aktionsbündnisses.

Abgasfahne zieht bis nach Tübingen

Warum es etliche Gruppen auch im Raum Tübingen interessiert, was in Dotternhausen schieflaufen könnte? „Die Abgasfahne aus Dotternhausen zieht ja den Albtrauf rauf und bis nach Tübingen.“ Die Forderungen der Aktivisten, die unter anderem eine große Demo am Zementwerk veranstaltet haben: den „permanenten Umweltskandal“ der Firma Holcim in Dotternhausen in der Region bekannt machen, die Einhaltung vorgeschriebener Grenzwerte für die Emissionen ohne Ausnahmen, eine unabhängige Umweltverträglichkeitsprüfung, Einbau der technisch fortschrittlichsten Filtertechnologien und keine Süderweiterung des Abbaugebiets auf dem Plettenberg.

Wenn Zöld sich an die großen Aktionen erinnert, legt sie beide Hände über die Brust: „Ich war ja nie bei sowas dabei, aber plötzlich stehst du da mit Hunderten anderen, auch Familien, und über dir der Polizeihubschrauber.“ Es sei ein richtiger „Wow-Effekt“ gewesen: „Das Gefühl: Ja! Wir bekommen Unterstützung!“

„Jahrhundert-Verarsche“ in Dotternhausen

Trotz der Überzeugung, dass in Dotternhausen eine „Jahrhundert-Verarsche“ laufe und die Politik auf der Seite des Holcim-Konzerns stehe und die Aktivisten beschwichtige, will sich Zöld jetzt ins Privatleben zurückziehen. Das schrieb sie, zusammen mit allen Argumenten gegen die Aktivitäten von Holcim, in einem langen Mail an den Landrat Günther-Martin Pauli, in dem sie gleichzeitig darum bat, keine Antwort und keinen Anruf mehr zu erhalten.

„Das Fass zum Überlaufen brachte der Erörterungstermin“ in Dotternhausen Mitte Januar, sagt die zweifache Mutter (wir berichteten). „Ich kann diese Gesichter der Anwälte und Gutachter nicht mehr sehen, mir diese Beschwichtigungen und Ausreden der Ämter nicht mehr anhören.“ Der Aktivismus zermürbe, all die zahllosen Stunden der ehrenamtlichen Arbeit gingen auch an die Gesundheit. „So geht es uns allen.“ Man erhalte stets Lob für den Einsatz, aber es passiere am Ende doch nichts. Trotzdem sagt Zöld: „Ich habe alles getan, was ich konnte.“

„Ich möchte dieses Vakuum“

Doch was wird ohne Zöld nun aus dem Aktionsbündnis? „Das wird weitermachen. Wenn auch weniger im Zollernalbkreis direkt.“ Dass sie eine Lücke hinterlässt, weiß die 44-Jährige. „Ich möchte dieses Vakuum. Und bin gespannt, wer diesen Ball auffängt und eventuell weitermacht.“

Die bürgerliche „Selbstermächtigung“ sei wichtig. „Hinstehen und etwas sagen, wenn man was sieht. Auch, wenn man ganz alleine dasteht!“ Immerhin hatte die Arbeit des Aktionsbündnisses zu drei kleinen Anfragen im Bundestag geführt. „Das war glaube ich einmal von der FDP, von der SPD und einmal von den Grünen“, sagt Zöld. Die Antworten seien, „wie immer“, wie aus dem Material der Firma Holcim kopiert gewesen. Politiker machten sich keine Mühe, selbst nachzuforschen, übernähmen Argumente.

Beate Zöld will sich in Zukunft mehr ihrer Familie widmen, vielleicht auch wieder mehr fotografieren. „Ich werde weiterhin vom Sofa aus genau zusehen, welche konkreten Dinge unternommen werden, um der Bevölkerung den Rücken zu stärken und hier eine zeitgemäße Veränderung einzuleiten.“

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Bürgerinnen und Bürger stimmten 2017 beim Bürgerentscheid in Dotternhausen gegen einen Vorschlag des Gemeinderats zum Thema Erweiterung der Abbaufläche auf dem Plettenberg. Es waren 57 Prozent der Abstimmenden, die mit „nein“ stimmten. 460 Menschen hätten dem Gemeinderat zugestimmt.

Die Aktionen des Aktionsbündnisses

Das „Aktionsbündnis Zement Zollernalb-Tübingen-Reutlingen“ ist ein Zusammenschluss von Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen, die Kritik am Handeln des Konzerns Holcim mit dem Ölschieferabbau und Zementwerk in Dotternhausen üben. Mitglieder sind derzeit unter anderem Attac Tübingen-Reutlingen, AG Lebensstil/Solidarität, Alboffensive, Architects for Future Tübingen, Ende Gelände und Fridays for Future Tübingen und viele mehr.

Aktionen waren unter anderem eine Demonstration direkt am Zementwerk im Juli 2021 und eine Protestaktion in Tübingen am 1. Dezember 2022 mit jeweils mehreren hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern.