Zeltfestival in Albstadt
: Wie Boko Haram Terror verbreitet und Frauen zu Witwen macht

Auf dem Festival „Gut Trauf“ in Tailfingen berichteten zwei Frauen aus Nigeria, wie die Terrorgruppe sie zu Witwen machte.
Von
Susanne Conzelmann
Albstadt
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Die Stiftung „Widows Care“ unterstützt Witwen in Nordnigeria, deren Männer Opfer von Boko Haram wurden. Darunter auch Liyatu Yunana (links) und Mary Dzugwaryu.⇥

Susanne Conzelmann

Die weiteste Anreise zum Zeltfestival „Gut Trauf“, das dieser Tage beim Tailfinger Lerchenfeld stattfindet, hatten Mary Dzugwaryu und Liyatu Yunana: Die beiden Frauen kommen aus Nigeria. Gemeinsam mit Pfarrerin i.R. Renate Ellmenreich machten sie kürzlich erst auf dem Evangelischen Kirchentag in Nürnberg und nun noch in einigen Gemeinden quer durch Deutschland ihre Geschichte bekannt, unter anderem beim „Weltfrühstück“ im Zelt.

Ihre Lebensgeschichten haben es in sich, so sehr, dass Liyatu Yunana vor Wut nicht fähig war, sie zu erzählen. Mit kurzen, harten Sätzen erzählt dafür Mary Dzugwaryu ihre Geschichte in einfachem Englisch; später übersetzte ihre deutsche Begleiterin.

Das Zeltfestival ist ein voller Erfolg

Mary Dzugwaryu war Bäuerin, lebte mit ihrem Mann und den vier gemeinsamen Kindern im Norden Nigerias. Christen und Muslime hätten friedlich zusammengelebt, bis die Terrorgruppe „Boko Haram“ das Dorf überfiel, ihren Mann Steven tötete, das Haus abbrannte und sämtlichen Besitz stahl.

Ähnlich die Geschichte von Liyatu Yunana, ihr Martyrium schildert Renate Ellmenreich. Auch Liyatus Dorf wurde von Boko Haram überfallen, die meisten Bewohner, auch ihre drei ältesten Kinder, konnten in die Berge fliehen, doch sie selbst war hochschwanger und blieb mit einem Kleinkind zurück. Ihr Mann wurde brutal ermordet, Liyatu ernährte sich zwei Wochen lang von Kernen und Nüssen und brachte alleine ihr fünftes Kind zu Welt. Nur wenige Tage später machte sie sich, mit dem Neugeborenen auf dem Rücken und dem Kleinkind an der Hand, auf die Flucht.

Wohin können die Witwen fliehen?

Doch wohin konnten diese beiden Frauen mit ihren Kindern fliehen? Boko Haram hat auf weitem Terrain in Nordnigeria Dörfer überfallen, bevorzugt Kirchen und Schulen, denn übersetzt heißen „Boko“ (angelehnt an das englische „book“, also „Buch“) und Haram (arabisch, „unrein“): „Bildung ist verboten, unheilig“. Wobei heute, so Renate Ellmenreich, bei diesen Terroristen weniger die Gründung eines Islamischen Staats im Vordergrund steht, sondern schwer bewaffnete Raubzüge im Land reiner Selbstzweck geworden sind.

Da viele, hauptsächlich Witwen mit ihren Kindern, in den Städten Sicherheit suchen, sind die Flüchtlingscamps von UNHCR und Rotem Kreuz hoffnungslos überlaufen. Hoffnungslos auch die Stimmung dort: Immer enger wird es, und die Aussicht, wieder in die Heimat zurückkehren zu können, wird immer unwahrscheinlicher.

So kam für einige der Frauen Renate Ellmenreich ins Spiel. Bereits von 1999 bis 2004 arbeitete sie mit ihrem Mann im Auftrag der Basler Mission in Nigeria, gründete 50 Schulen, unterrichtete auch erwachsene Frauen, um ihnen durch Bildung Zukunftschancen zu ermöglichen. Doch dann erlitt sie einen Schicksalsschlag, ihr Mann starb nach heftigem Fieber in Afrika, die Pfarrerin verließ den Kontinent und zog wieder nach Deutschland. Bis sie dort der Hilferuf erreichte: Sie sei in Afrika doch auch eine Witwe geworden.

Modelldorf gebaut

Ellmenreich kehrte nach Nigeria zurück und gründete „Widows Care“ In Maiduguri haben mittlerweile 3800 Witwen mit 8000 Kindern Zuflucht gefunden, auch 381 Vollwaisen sind dort daheim. In einem weiteren sicheren Teil des Landes baute Widows Care ein Modelldorf, mit einfachen Häuschen, Kindergarten und Schule. Durch Workshops haben manche ein Einkommen; mit Kochen und Nähen, der Herstellung von Erdnussöl oder Hautcremes können sie etwas Geld verdienen. Auch die Fisch– und Kleintierzucht ist beliebt. Eine findige junge Frau lädt gegen einen Obolus an ihrer selbstgebastelten, solarbetriebenen Handyladestation die Mobilgeräte des Dorfes auf.

Mary Dzugwaryu und Liyatu Yunana indes fanden am Nachmittag ihr Lachen wieder. Auf Einladung von Barbara und Thomas Konzelmann besuchten sie deren Bio–Hof Hofstetter Bühl in Truchtelfingen. Da die beiden Frauen selbst Farmerinnen waren, interessierten sie sich sehr für die Arbeitsweise in Deutschland.⇥

www.widowscare.com