Verlust eines Kindes: Wenn das Leben in Trümmern liegt

Wenn die Trauer den Alltag bestimmt. Eltern müssen lernen, mit dem Verlust eines Kindes umzugehen. Egal, wie alt das Kind war.
Rolf Vennenbernd/dpa (Symbolfoto)Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es ist immer noch ein Tabuthema. Etwas, worüber man nicht gerne spricht. Und jene, die davon hören, können nur schlecht damit umgehen. Immer wieder fällt dabei ein Satz: „Kinder sollten nicht vor ihren Eltern gehen.“ Es ist die Umschreibung einer Situation, wenn Kinder sterben, aber Vater und Mutter noch leben. Die Menschen empfinden es als etwas Natürliches, wenn sie altersbedingt an der Schwelle des Todes stehen. Es wird aber als unnatürlich eingestuft, wenn man das eigene Kind überlebt. Wie soll man mit dieser Trauer umgehen? Und dabei spielt es keine Rolle, wie alt die Tochter oder der Sohn war, als sie oder er aus dem Leben gerissen wurde. Durch eine Krankheit oder einen Unfall, durch Fremdeinwirken oder selbst herbeigeführt – als Eltern schleppt man diese Leere mit sich herum, bis man selbst stirbt.
Neu im Zollernalbkreis
So zumindest beschreiben es Betroffene. Und davon gibt es mehr, als man denken sollte. Das ist auch der Grund, weshalb eine betroffene Mutter nun den Mut gefasst hat und sich um den Aufbau einer Selbsthilfegruppe für trauernde Eltern kümmern will. Hier im Zollernalbkreis. „So etwas gibt es hier noch nicht“, berichtet Dorothee Held, die die Gruppe „Lichtblick“ aus Sigmaringen und „KonTiki“ aus Biberach kennt. Die 67-Jährige hat außerdem Kontakt aufgenommen zu Diakon Michael Weimer, der gemeinsam mit Birgit Beck und Ulrike Fischer von der Hospizgruppe Albstadt in Lautlingen regelmäßig Trauerkurse anbietet.
Diese sind hilfreich. Das weiß auch Dorothee Held. Sie hat vor zehn Jahren ihren Mann verloren. Der Austausch, das Gespräch, das Verständnis – das ist alles wichtig. Aber es ist nochmals eine andere Situation, wenn man ein Kind verliert: „Das hinterlässt Spuren. Das ist eine Lebensaufgabe.“ Für verstorbene Kleinkinder gibt es im Kreis die Selbsthilfegruppe „Sternenkinder“ weiß die Witwe. Doch auch erwachsene Kinder sind und bleiben für eine Mutter und einen Vater stets Kinder, unabhängig vom Alter. Schmerzlich musste Dorothee Held erfahren, wie es ist, loszulassen, als vor drei Jahren ihre Tochter im Alter von 34 Jahren gestorben ist. In ihrer Trauerarbeit ist sie dann auch auf die beiden Selbsthilfegruppen gestoßen, als sie im Internet nach Hilfe gesucht hat.
„Trauer ist etwas sehr Persönliches, das individuellen Regeln folgt. Auf Trauer kann man sich nicht vorbereiten, besonders wenn es den Verlust des eigenen Kindes bedeutet. Mit dem Tod eines Kindes werden alle Hoffnungen und Träume für die Zukunft zerstört. Plötzlich ist alles anders und das bisherige Leben liegt in Trümmern. Es wird nie wieder so sein, wie es war“, erklärt Dorothee Held. Und weiter erläutert sie: „Selbstbetroffene wissen am besten was verwaiste Eltern und Geschwister fühlen. Wo viel Leid, Leere, Zorn und Verzweiflung ist, kann eine Selbsthilfegruppe emotionale Unterstützung sein. Um die Hilfslosigkeit, in der man sich nach dem Verlust eines Kindes befindet, zu ertragen, können Kontakte zu ebenfalls betroffenen Eltern hilfreich sein. Die Trauer um ein Kind ist eine Lebensaufgabe, die sich gemeinsam leichter bewältigen lässt.“
Offene und geschlossene Gruppen
Lichtblick und KonTiki sind reine Selbsthilfegruppen, keine Vereine. Dorothee Held hat sich mit Trauerbegleiterin Sandra Schmid getroffen. Auch Victorina Vivas, selbst Trauerbegleiterin aus Albstadt, hatte Interesse an einem Kennenlernen, weshalb man sich in Sigmaringen verabredet hat. Ebenso die Biberacher Leiterin Sonja Schädler, die sehr viel auf die Beine stellt. Ihre Gruppe ist zugleich Mitglied beim Verein „Verwaiste Eltern“ in Bayern und nicht nur deshalb wird sehr viel angeboten. Ob Vortrag, Lesung oder Gottesdienst. Es ist eine geschlossene Gesprächsgruppe, in der sich die Betroffenen öffnen können. Ein geschützter Raum, in dem man miteinander weinen, lachen, reden und schweigen kann.
Die Albstädter Initiatorin der Selbsthilfegruppe ist froh, dass sich Diakon Michael Weimer dieser großen Aufgabe im Zollernalbkreis annehmen will: „Seine Idee ist eine allgemeine Trauergruppe als Verein zu gründen. Unter diesem Dach können sich dann verschiedene Gruppen etablieren.“ Doch Diakon Weimer ist sehr engagiert, hat viele Aufgaben und deshalb kaum Zeit. Nun will es Dorothee Held wissen: „Gibt es überhaupt genügend Interesse bei uns in Albstadt?“ Deshalb will sie schon mal vorfühlen, ob Bedarf vorhanden ist. Sie weiß, dass ihre Freundin, deren Sohn vor einem Jahr bei einem Unfall verstorben ist, Interesse hätte. Sie kann nur terminbedingt nicht zum ersten Treffen kommen. Bei diesem Treffen geht es auch nicht um irgendwelche Inhalte. Die verwaiste Mutter möchte sich nur einen Überblick verschaffen, wie groß die Resonanz sein könnte.
Geschwister trauern ebenfalls
„Man muss sich nicht anmelden. Denn es kommt am jeweiligen Tag auch auf die Gemütslage an“, weiß Dorothee Held. Und man muss sich auch zu nichts verpflichtet fühlen. Schließlich gehöre auch Mut dazu. Und sie weiß: „Das Alter spielt überhaupt keine Rolle. Kind ist Kind. Es ist auch egal, wie lange es her ist, dass das Kind gestorben ist.“ Sie selbst empfindet den Tod der Tochter immer noch als Tragödie. Doch sie sagt sich: „Ich bin nicht allein.“
Man dürfe auch Geschwisterkinder nicht vergessen, erklärt Dorothee Held im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Die Schwestern oder Brüder der Verstorbenen werden oft vergessen und auch sie erleben einen großen Verlust. „Ich bin froh, dass ich den Kontakt mit den Selbsthilfegruppen aufgenommen habe“, bemerkt Held, denn auch sie hat nicht immer gute Tage und muss immer wieder neu den Mut aufbringen. „Ich möchte einfach ein unverbindliches Treffen zum Abklären, ob man solch eine Gruppe gründen soll. Man muss lernen, dass das Leben weitergehen kann und die Trauernden aus der Tabuzone holen.“
Erstes Informationstreffen am Samstag, 5. April
Konfessionsunabhängig soll ein Raum zum Austausch geschaffen werden. Eingeladen sind Betroffene, unabhängig davon wann, weshalb und in welchem Alter ihr Kind verstorben ist. Ein erstes Treffen findet am Samstag, 5. April, um 16 Uhr in der Vinz Pflegewerkstatt-Oase, Am Schloß 8 in Albstadt-Lautlingen statt. Weitere Infos unter Telefon (07432) 61 19 bei Dorothee Held.
