Tötungsdelikt in Balingen: Wenn rassistische Hetze an der Realität zerschellt


Ein 32-Jähriger ist infolge schwerer Verletzungen am Sonntagabend gestorben.
GernVor wenigen Tagen hat ein 32-jähriger Mensch sein Leben verloren. Daran ist nichts schönzureden: Eine solche Gewalttat gehört aufgearbeitet und angemessen verurteilt. So jung aus dem Leben zu scheiden, völlig unverhofft und auf grausamste Art, ist unvorstellbar und nur schwer auszuhalten – insbesondere für die Familie, die den Getöteten nurmehr in Erinnerung behalten, ihn aber nie wieder zu Gesicht bekommen kann.
Auf Seiten der Gesellschaft wäre es nun an der Zeit, vollumfänglich für die Hinterbliebenen da zu sein und deren Verlust nicht für rassistische Propaganda zu instrumentalisieren. Dass die Polizei zunächst nach einer „dunkelhäutigen“ Person fahndete, mündete vor allem auf Facebook in wildesten Mutmaßungen. Geflüchtete hätten „in Balingen nichts zu suchen“, das rechtsextremistische Wunschdenken einer „Remigration“ wurde thematisiert, und – man muss es in aller Deutlichkeit sagen – auch von „Gaskammern“ war die Rede.
Seit gestern steht fest, dass der Tatverdächtige in Deutschland geboren wurde und die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Und jetzt?
85 Prozent aller Gewalttaten gehen von Männern aus
Diese reflexartige Reaktion sagt vieles über uns als Gesellschaft aus. Etwa, dass die Androhung einer weiteren Gewalttat dann gerechtfertigt scheint, wenn das konstruierte Feindbild des „Ausländers“ vermeintlich bestätigt ist. Solche Generalisierungen nützen der leidtragenden Familie herzlich wenig.
Wichtiger wäre, ein Blick auf die tatsächlichen Zahlen zu werfen. Im Jahr 2025 verübten Männer rund 85 Prozent aller erfassten Gewalttaten in Deutschland. In bestimmten Teilbereichen, etwa Sexualdelikte und Vergewaltigungen, liegt die Quote bei über 90 Prozent. Bei Gewalttaten waren es rund 57 Prozent deutsche und 43 Prozent nichtdeutsche Staatsbürger. Doch wer aus diesen Rohdaten voreilig einen kausalen Zusammenhang zwischen Herkunft und Gewaltbereitschaft konstruiert, übersieht die eigentliche, strukturelle Ursache.
Wie soll Männlichkeit definiert sein?
Scheinbar haben wir als Gesellschaft nämlich akzeptiert, dass Gewalt in über drei Viertel der Fälle von Männern ausgeht. Dahinter steckt eine tief verankerte Prägung. Es geht darum, dass Männer noch immer mit problematischen Rollenbildern aufwachsen, dass wir ihnen ein vermeintlich naturgegebenes Dominanzverhalten andichten und dass wir sie bereits als Kinder zu größerem Risikoverhalten animieren. Wer früh lernt, Emotionen zu unterdrücken und Konflikte mit Fäusten zu lösen, wird das Muster im Erwachsenenalter replizieren. Egal, in welchem Elternhaus oder Kulturkreis er geboren wurde.
Die Debatte muss sich daher endlich darum drehen, wie wir als Gesellschaft Männlichkeit definieren und erziehen – und nicht um Herkunft.
